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Barnstorfer Fleischer hadern mit dem „Problem einer ganzen Generation“

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Von: Anja Schubert

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Fleischer Dirk Kessler liebt seinen vielfältigen Beruf, der in der Öffentlichkeit seiner Meinung nach stark verkannt wird. Das führt nicht nur bei ihm zu Personalmangel und verkürzten Öffnungszeiten.
Fleischer Dirk Kessler liebt seinen vielfältigen Beruf, der in der Öffentlichkeit seiner Meinung nach stark verkannt wird. Das führt nicht nur bei ihm zu Personalmangel und verkürzten Öffnungszeiten. © Meyer

Wegen Personalmangels: Die Metzgereien Kessler und Voss kürzen ihre Öffnungszeiten und beklagen das „Problem einer ganzen Generation“. Junge Menschen hätten sich für „Life statt Work“ entschieden, sagte ein Firmenchef.

Barnstorf – Die Personalsituation im Handwerk wird immer angespannter. Fachkräftemangel, ausbleibender Nachwuchs. Auch ungelernte Kräfte zeigen wenig Interesse. Insbesondere in der Fleischerbranche wird die Situation immer prekärer. Schließungen oder verkürzte Öffnungszeiten sind die Folge. Auch die Barnstorfer Metzgereien haben auf diesen Umstand bereits reagieren müssen. „Es sieht schlecht aus für unsere Branche“, sagt Dirk Kessler, Inhaber der gleichnamigen Barnstorfer Fleischerei. Seine Filiale in Diepholz ist seit einiger Zeit samstags wegen Personalmangel geschlossen.

„Es sind während der letzten beiden Jahre Mitarbeiter in den Ruhestand gegangen und vereinzelt welche abgewandert, die einfach Lust hatten, mal etwas anderes zu machen. Aber solch eine leichte Fluktuation ist normal“, sagt der 44-Jährige, der das seit 124 Jahren bestehende Familienunternehmen in dritter Generation führt. Früher hätte sich schnell Ersatz gefunden. „Doch heute ist es schwer. Niemand möchte den Beruf mehr erlernen oder ausüben. Potenzielle Interessenten fragen meist zuerst nach dem Verdienst, Art und Umfang der Tätigkeit interessieren weniger“, so Kessler weiter.

Fleischereien setzen verstärkt auf Quereinsteiger

„Gute Quereinsteiger zu finden, ist zwar schon etwas einfacher, aber die fallen derzeit auch nicht vom Himmel.“ Drei bis vier Mitarbeiter habe Dirk Kessler auf diese Art und Weise bereits gewinnen können. Wer sich wirklich für die Arbeit in einer Fleischerei interessiere, komme mitunter inkognito, um sich den potenziellen Wirkungskreis anzuschauen. „Danach kommt meist eine offene Bewerbung direkt im Laden“, berichtet Kessler.

Er müsse mit dem ihm zur Verfügung stehenden Personal haushalten und dieses gezielter denn je einsetzen. „Deshalb haben wir die Diepholzer Filiale samstags geschlossen. Denn wir haben auch viele Party-, Catering- und Event-Aufträge – insbesondere an den Wochenenden zu bewältigen. Da kann ich die Mitarbeiter, die ich dafür brauche, nicht schon vormittags im Laden stehen haben. Das macht auf Dauer dann auch keiner mit, und ich möchte meine Mitarbeiter nicht verheizen.“ Der Aufschrei der Diepholzer Kunden sei zunächst groß gewesen. „Doch bei der Personalsituation haben die Kunden Verständnis.“

„Es weiß keiner, wo das noch hinführen soll.“

Fleischereimeister Helmut Voss

Fleischereimeister Helmut Voss erlebt es ähnlich: „Es weiß keiner, wo das noch hinführen soll.“ Voss betreibt neben dem Firmenstammsitz in Barnstorf noch eine Filiale in Drebber. Die ist wegen Personalmangels dienstags, mittwochs und donnerstags am Nachmittag geschlossen.

Er selbst merke immer wieder, dass der Wunsch nach Beratung bei den Kunden nach wie vor vorhanden sei, die gezielt eine Metzgerei aufsuchen und keine abgepackten Fleisch- oder Wurstwaren aus dem Supermarkt bevorzugen. „Es ist wie eine Katze, die sich in den Schwanz beißt. Überall wird für den Vorort-Kauf im Einzelhandel geworben, die Menschen möchten Transparenz mit Blick auf die Herkunft des Fleisches, möchten sich andererseits arbeitsmäßig nicht in Fleischereien engagieren, damit dieser Gedanke weiterhin umgesetzt werden kann. Selbst die Fleischtheken in Supermärkten arbeiten schon mit verkürzten Öffnungszeiten, weil ihnen die Mitarbeiter fehlen.“

Fachkräftemangel als gesellschaftliches Phänomen

Den Fachkräftemangel sehen Kessler und auch Voss nicht nur als wirtschaftliches, sondern auch als gesellschaftliches Phänomen. „Es ist eine Generation herangewachsen, die sich für Life statt Work entschieden hat“, sagt Voss. So viel Geld und Annehmlichkeiten wie möglich, so wenig Arbeit wie nötig investieren, laute die Devise. Das zeige sich bereits bei Kontaktgesprächen auf Ausbildungsmessen, berichtet Kessler von den Erfahrungen befreundeter Unternehmen. Und das Handwerk sei nun mal mit dem Slogan „Viel Arbeit – wenig Geld“ etikettiert. „Unser Berufsstand wird sehr stark verkannt und unterschätzt und deshalb aus Unkenntnis der Bevölkerung als unattraktiv in den Schatten gerückt. Dabei bietet er vielfältige Möglichkeiten, die Entfaltung von Kreativität und das Ausleben eigener Interessen“, sagt Kessler.

Doch nicht nur der gesellschaftliche Wandel, wodurch immer mehr Schulabgänger eine Akademikerkarriere ansteuerten, trage zur Verschärfung der Situation bei. „Gerade in der Fleischbranche ist es auch eine ideologische Sache. Denn Fleisch als Nahrungsmittel ist durch die Diskussion um den Tierschutz, um vegetarische und vegane Ernährung teilweise stark in Verruf gekommen“, so die Einschätzung von Helmut Voss.

Staat mache es leicht, mit Hartz IV angenehm durchs Leben zu kommen

Der Staat mache es den Menschen leicht, mit Hartz IV angenehm durchs Leben zu kommen, statt zu arbeiten und vielleicht in einem weniger beliebten Beruf tätig zu werden, kritisiert Voss, der unlängst seinen 69. Geburtstag feierte. „55 Jahre habe ich bisher den Beruf gerne gemacht, bin dabei fit geblieben. Da kann er so schlimm ja nicht sein“, sagt er augenzwinkernd. Er sei optimistisch, dass es, auch wenn er sich zur Ruhe setzt, mit der Fleischerei weitergehe. „Eine meine Töchter macht gerade ihren Master in Lebensmittelcontrolling. Da ist es nicht auszuschließen, dass sie den Betrieb übernimmt.“

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Er habe gerne selbst junge Mitarbeiter ausgebildet. „Denn das ist der Vorteil eines kleinen Betriebes: Es ist wie eine Familie. Man erhält Rückhalt, ist füreinander da, hilft bei Sorgen und Problemen.“ Helmut Voss wünscht sich, dass der Fleischerberuf in der Öffentlichkeit wieder mehr ins richtige Licht gerückt wird. „Es ist ein Beruf mit Weiterentwicklungsmöglichkeiten. Ausbildung – Geselle – Meisterprüfung – vielleicht Ergänzungsstudium zum Lebensmitteltechniker oder Ähnliches – alles ist drin.“

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