Experten beraten in Barnstorf über Einsatzmöglichkeiten der Pyrolysetechnik

Praktische Kocher für Afrika

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Die Tagungsteilnehmer Heinz Rothenpieler, Richard Fetzner und Chantal Kloecker (v.l.) präsentierten bei den „2. Barnstorfer Pyrolysetagen“ eine Auswahl an Geräten. Rechts im Bild der Holz sparende und sehr preiswerte „Basic-Kocher“, daneben das Modell eines Pyrolysekochers.

Barnstorf - Das System ist denkbar einfach: Man nehme zwei Konservendosen, eine größere und eine kleinere, führe mit etwas Werkzeug ein paar Veränderungen durch, stopfe Biomasse hinein und entfache eine Flamme. Schon nach kurzer Zeit findet sich Holzkohle in den Dosen.

Ein Verfahren, das in Afrika wertvolle Dienste leisten kann. Das wissen die Vertreter des Vereins „Lernen – Helfen – Leben“ (LHL), der mit der Verbreitung so genannter Pyrolysekocher einen Beitrag zur Entwicklungshilfe leisten will.

Auf der Wiese gegenüber dem Welthaus in Barnstorf flackerten jetzt rund ein Dutzend unterschiedlicher Modelle von Pyrolysekochern auf. Die Vorführungen starteten unter den Augen von etwa 25 Teilnehmern, die sich auf Einladung des Vereins zu den „2. Barnstofer Pyrolysetagen“ im Hunte-Flecken trafen. Die Teilnehmer waren aus ganz Deutschland und sogar aus Nachbarländern angereist, um ihre Erfahrungen mit der Pyrolysetechnik auszutauschen und über Einsatzmöglichkeiten in Afrika zu diskutieren, wo die Entwaldung zur Holzkohleproduktion ein großes Problem darstellt und Alternativen erfordert.

„Jetzt kann dies ein kleiner Ofen mit Gras, Spänen und Resthölzern leisten, denn damit bleibt keine Asche übrig, sondern Holzkohle, die entweder nochmal einen Kochvorgang möglich macht oder, und das ist das Überraschende, als Kompost im Garten vergraben diesen so sehr düngt, dass die Ernten sehr viel besser werden“, erklärt LHL-Mitglied Heinz Rothenpieler. Er und seine Mitstreiter wollen sich dafür einsetzen, dass die Technik in Afrika an Popularität gewinnt. Aus Umwelt- und Naturschutzgründen, aber auch aus Kostengründen müsse das offene Feuer auf dem Drei-Steine-Ofen ein Ende finden.

Dass die nötige Technik vorhanden ist, davon konnten sich die Teilnehmer bei der dreitägigen Veranstaltung in Barnstorf anhand diverser Beispiele überzeugen. Zu den Protagonisten gehörte unter anderem Richard Fetzner, der in seiner „Kocherwerkstatt“ in Bruchsal effiziente und bezahlbare Öfen für die afrikanische Frau entwickelt. Er stellte Lösungen vor, die seinen Angaben zufolge in jedem Dorf in Afrika nachgebaut werden können, wo Schlosser tätig sind. Vom einfachen Basismodell bis zum Porsche unter den Pyrolysekochern war alles dabei.

Einig waren sich die Experten, dass auch die afrikanische Frau eine Auswahl haben sollte, um den für sie geeigneten Herd aussuchen zu können. Dabei stellte sich heraus, dass Farbe und Design manchmal auch eine Rolle spielen. Die Technik müsse den lokalen Gewohnheiten angepasst sein, betonte Expertin Christa Roth. Vor allem aber sollte ein Kocher den Holzverbrauch reduzieren und keinen Rauch verursachen, denn heute leideten viele Frauen unter Atemwegserkrankungen, weil häufig in den Hütten gekocht werde.

Marinus van Stijn warnte vor gesundheitlichen Gefahren: „Es muss dafür Sorge getragen werden, dass dem Kocher kein Kohlenstoffmonoxid entweicht“, erklärte der Unternehmer aus Belgien. Er hat mit solchen Prozessen Erfahrung, denn er entwickelt mit seiner Firma große Pyrolyseanlagen, welche Haushaltsmüll zu Kompost verarbeiten und durch die Biogasproduktion elektrischen Strom erzeugen. Jörg Fingas stellte ebenfalls heraus, wie die Pyrolysetechnik zur Bodenverbesserung beiträgt. In seinen Projekten wird Terra Preta produziert, ein hochwertiger Boden, der die Ernten unter Beigabe von Holzkohle vervielfacht. „Plötzlich sind drei Ernten im Jahr mit sehr hohen Erträgen möglich“, so Fingas.

In einer Podiumsdiskussion wurde schließlich die Frage beleuchtet, wie ein Durchbruch dieser Technik in Afrika möglich ist. Die Teilnehmer waren sich einig, dass dies über den kommerziellen Weg gehen müsse. Geschenke aus dem Norden bewirkten lange nicht so viel wie ein Produkt, welches durch seine Leistung überzeuge und dafür auch ein bezahlbarer Preis verlangt wird. Deshalb hätten die Referenten nichts dagegen, wenn Händler die Sache in die Hand nähmen und gleichzeitig die nötigen Produktinformationen mitlieferten.

Für den Verein „Lernen – Helfen – Leben“, der seit mehr als 25 Jahren besteht und sich mit Hilfe von Spendengeldern mittlerweile in acht Ländern Afrikas engagiert, ist die Pyrolysetechnik mehr als ein Hoffnungsschimmer. Mut machen den Beteiligten inzwischen äußerst erfolgreiche Entwicklungen in anderen Bereichen, wie Rothenpieler feststellt: „Der Handymarkt hat teilweise dreistellige Zuwachsraten und auch der Markt mit Solarlampen weitet sich sehr rasch aus. Was dort funktioniert, müsste doch eigentlich auch auf dem Markt für Herde gelingen.“ Doch die Technik müsse nicht nur vor Ort anwendbar sein, sondern auch bezahlbar für die Menschen, die mit weniger als einem Euro pro Tag auskommen müssten.

sp

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