Austausch in der Corona-Krise

Bedarf an Selbsthilfegruppen in Barnstorf gestiegen

Das Team der KIBiS Selbsthilfe-Kontaktstelle: (von links) Jasmin von Husen-Esche (Verwaltung), Maren Mimus (Diplom-Sozialpädagogin), Melanie Fischer, Leitung (Dipl.-Sozialpädagogin).
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Das Team der KIBiS Selbsthilfe-Kontaktstelle: (von links) Jasmin von Husen-Esche (Verwaltung), Maren Mimus (Diplom-Sozialpädagogin), Melanie Fischer, Leitung (Dipl.-Sozialpädagogin).

Barnstorf – „Der Corona-Lockdown war und ist sehr dramatisch für unsere Selbsthilfegruppe“, sagt Thomas Dicks, Leiter und Moderator der Selbsthilfe-Gruppe „Kopfsalat“, in der sich Menschen mit seelischen Problemen und Depressionen regelmäßig treffen. Doch die Treffen waren von einem Tag auf den anderen nicht mehr möglich. „Wir mussten verhindern, dass unsere Gruppenmitglieder tiefer in die Depression sinken, den Kopf in den Sand stecken oder gar Suizid-Gedanken entwickeln“, beschreibt er die Herausforderung.

Ähnlich ergeht es Ingo Kupillas, der Ansprechpartner einer freien Selbsthilfegruppe für Menschen mit Suchterkrankungen ist. „Der erste Lockdown hat uns den Fußboden weggezogen, besonders für Menschen, die gerade in den Anfängen der Abstinenz waren“, erzählt er. Zudem fanden keine Beratungen und Therapien mehr statt. Da sei die Wahrscheinlichkeit für Rückfälle sehr groß, so Kupillas.

„Das Prinzip der Selbsthilfe-Gruppen basiert auf den regelmäßigen Treffen der Betroffenen, auf persönlichen Kontakt, Gesprächen und dem gegenseitigen Austausch“, erklärt Melanie Fischer, Leiterin der Kontakt- und Beratungsstelle für Selbsthilfe im Landkreis Diepholz (KIBiS). „Die Treffen sind für die Betroffenen eine wichtige Stütze“, ergänzt sie. Umso wichtiger war es, während des ersten Lockdowns, andere Wege der Kommunikation zu finden, die auch aktuell zum Einsatz kommen.

Die Isolierung der Menschen während des Lockdowns sieht auch Rainer Künning, Mitglied der Selbsthilfegruppe COPD-Erkrankter, aus Barnstorf als Problem. Er und Vorstand Hans-Peter Pohl halten per Telefon und WhatsApp engen Kontakt zu den Gruppenmitgliedern, doch trotzdem seien viele deprimiert gewesen und hätten Angst. „Einige hatten nur ihr Haustier zum Reden“, erzählt er und erklärt: „COPD-Erkrankte sind aufgrund ihrer Lungenerkrankung besonders gefährdet und können häufig keine Maske tragen.“ Daher würden sich viele abschotten. Besonders bedauert er, dass Besuche von Veranstaltungen wie das „Symposium Lunge“, das die Selbsthilfegruppe im vergangenen Jahr gemeinsam besuchte, nicht stattfinden konnten.

Auch Thomas Dicks und Ingo Kupillas haben zu den Mitgliedern ihrer Selbsthilfegruppen auf digitalem Weg Kontakt gehalten. Neben Telefon und WhatsApp wurden Videotelefonate und Videokonferenzen durchgeführt. „Wir mussten allerdings häufig auf unseren Grundsatz der Anonymität verzichten“, bedauert Ingo Kupillas. WhatsApp-Gruppen und Videokonferenzen funktionierten nicht vollkommen anonym, da sei Vertrauen gefordert.

Für Notfälle seien immer Ansprechpartner telefonisch erreichbar. „Bei Problemen haben wir uns auch mal auf einen Kaffee getroffen und notfalls einen Therapeuten eingeschaltet“, erzählt Thomas Dicks und ergänzt: „Wir vergeben bei jedem Treffen Wohlfühlnoten von eins für sehr gut bis zehn für schlecht. Das haben wir auch bei den Videokonferenzen fortgesetzt. So konnten wir erkennen, wenn es Jemandem nicht gut ging.“

Zwischenzeitlich konnten die Gruppen wieder erste Treffen möglich machen. Ein Problem ist es, ausreichend große und bezahlbare Räume zu finden, um die Abstandsregeln einhalten zu können. Dabei hilft das KIBiS-Team mit Melanie Fischer und Maren Mimus. Insgesamt lasse sich sagen, dass der Bedarf an Austauschmöglichkeiten in Selbsthilfegruppen in der Coronazeit deutlich angestiegen ist, was aus den Einsamkeitserfahrungen vieler Menschen und den finanziellen und sozialen Auswirkungen der Corona-Pandemie resultiere, erklärte Fischer.

KIBiS ist die Kontakt- und Beratungsstelle für Selbsthilfe im Landkreis Diepholz, die zu der Interessengemeinschaft Gesundes Leben (Igel) in Barnstorf gehört. Zurzeit werden 69 Selbsthilfegruppen im gesamten Landkreis Diepholz betreut. Inhaltlich sind die Gruppen unterteilt in seelische Gesundheit, Krebserkrankungen, Sucht, chronische Erkrankungen, Menschen mit Handicap und Angehörigengruppen. Als Kontakt- und Beratungsstelle unterteilt sich die Arbeit des KIBiS-Teams in drei Aufgabenbereiche: Die Unterstützung bestehender Gruppen und Initiierung neuer Gruppen, die Beratung von betroffenen Einzelpersonen und drittens das Thema Selbsthilfe in die Öffentlichkeit zu tragen.

Menschen gingen aus sehr unterschiedlichen Gründen in eine Selbsthilfegruppe, erklärte die Leiterin: „Einige wollen sich mit anderen Menschen austauschen oder Leute kennenlernen, denen es genauso geht. Sie suchen nach Informationen, wollen ihre Erfahrungen weitergeben und zusammen auf ihr Problem aufmerksam machen wollen. Andere wollen sich mit anderen für Veränderungen engagieren.“

Selbsthilfegruppen treffen sich regelmäßig. Was sie genau tut, bestimmt jede Gruppe selbst. In manchen geht es vor allem um das gemeinsame Gespräch. Andere treffen sich zu verschiedenen Aktivitäten oder sie setzen sich öffentlich für ihre Interessen ein. Wichtig für eine Selbsthilfegruppe sei das gegenseitige Vertrauen. Persönliche Dinge, die in der Gruppe besprochen würden, würden außerhalb der Gruppe nicht weitererzählt.

Selbsthilfegruppen sind kein Ersatz für Hilfen von medizinischen oder sozialen Einrichtungen. Sie werden nicht durch professionelle Helfer (wie Ärzten oder Psychologen) angeleitet. Trotzdem sind sie für viele Menschen eine wichtige Hilfe, weil die Mitglieder einer Selbsthilfegruppe gemeinsam neue Wege ausprobieren können.

Sprechzeiten sind Montag bis Donnerstag 9 bis 12 Uhr, Telefon: 05442/803670, selbsthilfe@igel-barnstorf.de, www.selbsthilfe-landkreis-diepholz.de.

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