Experte fordert Nachhaltigkeit bei Ernährung

Eigenverantwortung der Verbraucher gefragt

Referierte auf den Barnstorfer Gartentagen: Diplom-Biologe Elmar Mai. - Foto: Speckmann

Barnstorf - „Hallo, ich kenne Sie doch aus dem Fernsehen“, ruft eine Besucherin ganz aufgeregt. Elmar Mai, Gartenexperte in der ZDF-Sendung „Volle Kanne“, grüßt mit einem Lächeln zurück. Der TV-Gartenexperte und Diplom-Biologe ist bereits zum vierten Mal bei den Barnstorfer Gartentagen im Barnstorfer Umwelt-Erlebnis-Zentrum (BUEZ) zu Gast gewesen. In einem Fachvortrag mit dem Titel „Viele Menschen und nur eine Erde“ ermutigt er die Zuhörer zu einem umweltbewussten Umgang mit Ressourcen. Wo Verbraucher selbst etwas tun können, verdeutlicht der Experte in einem Interview mit unserer Zeitung.

Herr Mai, in Ihren aktuellen Projekten rückt das Thema Nachhaltigkeit in den Vordergrund. Was sind die Beweggründe?

Elmar Mai: Nachhaltigkeit ist ein großes Thema. Wir gehen viel zu unbekümmert mit wertvollen Ressourcen um, die uns schon bald nicht mehr zur Verfügung stehen könnten. Aber wir können etwas ändern, wenn wir Entscheidungen treffen, die umweltfreundlich und nachhaltig sind. Neue Forschungsergebnisse und technische Innovationen unterstützen uns auf diesem Weg, der im eigenen Garten beginnt, aber dort nicht endet.

Was bedeutet Nachhaltigkeit für die Enährungswirtschaft?

Mai: Es fängt in den Haushalten der Verbraucher an. Wir werfen Lebensmittel weg ohne Ende. Die Gründe dafür sind zum Teil banal. Es gibt lange Transportwege und einen Normierungswahn. Es werden beispielsweise nur Gurken und Äpfel verkauft, die eine bestimmte Norm erfüllen. Diese Uniformität muss nicht sein. Das Wichtigste ist, dass wir Respekt vor dem Essen haben, dann wird es auch nachhaltig.

Wo bleibt der Respekt, wenn so viele Nahrungsmittel am Ende einfach weggeworfen oder vernichtet werden?

Mai: Das Problem ist unser Wunsch nach einer Vollkasko-Gesellschaft. Das heißt: Absicherung in jeder Hinsicht. Lebensmittel sind zum Teil sehr viel länger haltbar, als auf den Verpackungen angegeben ist. Aber der Hersteller ist in der Pflicht und fasst das Mindesthaltbarkeitsdatum bewusst kurz. Ein Joghurt kann nach sechs Wochen noch genießbar sein. Verbraucher sollten ihre Nase reinhalten und die Sinne bemühen: Riecht es verdorben oder kann ich es noch essen? Sie sollten sich einfach mehr zutrauen in der Beurteilung. Dann würden weniger Lebensmittel im Müll landen.

Ihre Kritik richtet sich vor allem gegen den Handel. Warum?

Mai: Hier steht die Marktwirtschaft diametral zur Nachhaltigkeit. Es werden unheimlich viele Ressourcen vergeudet, ohne großen Mehrwert zu erzielen, nur weil der Handel damit Geschäfte machen will. Es wird ein enormer Energieaufwand betrieben, um Bedürfnisse zu wecken, die wir eigentlich gar nicht haben. Fleisch muss nicht aus Argentinien kommen, Wein nicht aus Australien, Äpfel nicht aus Südafrika. Wir haben auch tolle Apfelsorten hier im Lande, die ohne großen technischen Aufwand lagerfähig sind. Man sollte sich wieder auf nationale Erzeugnisse und Besonderheiten besinnen.

Wie sollte das Einkaufsverhalten aussehen, damit es den Grundsätzen der Nachhaltigkeit entspricht?

Mai: Regionalisierung ist das Thema. Statt nur im Supermarkt einzukaufen, sollte man die Direktvermarktung stärken und kurze Wege herstellen. In Berlin gibt es zum Beispiel Modelle, wo Verbraucher zu Kleinbauern gehen, Verträge über geplante Abnahmemengen schließen und den Erzeugern damit eine finanzielle Sicherheit geben, gesunde Nahrungsmittel herzustellen. Das hat Vorteile für beide Seiten. Durch den direkten Kontakt wissen die Verbraucher, was sie bekommen, und der Bauer hat den Ehrgeiz, etwas Vernünftiges auf den Markt bringen.

In den Supermarktregalen stehen mittlerweile zahlreiche Bio-Produkte, die entsprechend kenntlich gemacht sind. Ist das keine Alternative?

Mai: Natürlich, aber Gütesiegel sind zum Teil mit Vorsicht zu genießen. Die Massenverarbeitung ist das Problem. Kleine Chargen können kaum noch getrennt werden, wie am Beispiel Milch deutlich wird. Die Direktvermarktung über Milchtankstellen ist die ehrlichere Form. Hier weiß der Verbraucher ganz genau, dass das Erzeugnis vom Bauern abgefüllt wird und er auch mehr Geld für seine Ware bekommt.

Aber Direktvermarktung hat ihren Preis. Im Supermarkt können Verbraucher auf Angebote zurückgreifen, die wesentlich günstiger sind.

Mai: „Geiz ist geil“ ist der schlimmste Slogan, den wir in Deutschland haben. Damit ziehen wir uns den Teppich unter den eigenen Füßen weg. Der Markt drückt den Preis. Bauern, die darum bemüht sind, ehrliche und gesunde Produkte anzubieten, dürfen nicht vom Handel kaputt gespart werden. Das Geld ist da, es wird nur nach falschen Prioritäten eingesetzt. Deswegen muss sich unser Einkaufsverhalten wandeln. Hier ist Eigenverantwortung gefragt. Man sollte sich Gedanken machen, was unser Handeln im Kleinen für Konsequenzen im Großen hat. Man muss im eigenen Kopf anfangen, um etwas zu verändern, und ein neues Bewusstsein schaffen.

Wo können sich Interessierte über nachhaltige Ernährung informieren?

Mai: Verbraucherzentralen sind immer eine gute Adresse. Auch Magazine, wie zum Beispiel Öko-Test, liefern neutrale Informationen. sp

Mehr zum Thema:

Jupiter Award 2017: Verknallt in Senta Berger

Jupiter Award 2017: Verknallt in Senta Berger

Mercedes-AMG GT Roadster: Sturmwarnung aus Stuttgart

Mercedes-AMG GT Roadster: Sturmwarnung aus Stuttgart

Klein-Kanada im Karwendel: Mautstraßen im Tölzer Land

Klein-Kanada im Karwendel: Mautstraßen im Tölzer Land

Geheimdienst-Kontrolleure: Umgang mit Gefährdern neu ordnen

Geheimdienst-Kontrolleure: Umgang mit Gefährdern neu ordnen

Meistgelesene Artikel

Appletree: Zeltplatz wird mit Zaun gesichert

Appletree: Zeltplatz wird mit Zaun gesichert

B6: Dauerärgernis ist behoben, aber es gibt neue Probleme

B6: Dauerärgernis ist behoben, aber es gibt neue Probleme

24-Jähriger bei Unfall schwer verletzt

24-Jähriger bei Unfall schwer verletzt

Syrerin rutscht durch Handyvertrag in Schuldenfalle

Syrerin rutscht durch Handyvertrag in Schuldenfalle

Kommentare