„Die Zauberflöte“ vor ausverkauftem Haus im Diepholzer Theater / Oper bringt Licht in die Finsternis des Daseins

Das irdische Leben in seiner Komplexität

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Am Ende wird doch noch alles gut: Papageno bekommt seine Papagena in jungfräulicher Schönheit und die Kinderchen.

Von Simone Brauns-Bömermann. „Die Zauberflöte“ von Wolfgang Amadeus Mozart ist mehr als die Reduktion auf die von Opern-Fans geliebten Arien, das Märchenhafte, die Posse oder das ursprünglich fürs Volkstheater geschriebene Erfolgsstück: Es scheint vielmehr ein geistiges und musikalisches Vermächtnis des berühmten Komponisten zu sein, welches das irdische Leben in seiner Komplexität dem Betrachter vor Augen führt. Zu diesem Schluss darf man nach der Aufführung im Diepholzer Theater kommen.

Ganz sicher ist es keine Oper, die für jüngere Kinder geeignet ist. Sowohl Länge und Tiefgang des Werkes als auch Mysterienspiel, Moralansätze und Selbstmordszenen sprechen eindeutig dagegen. Lediglich die Rolle des Papageno als Publikumsliebling und die märchenhafte Szenerie im Wald hinter Tüll und Gasen, mit wilden Tieren hinter traumhaften Masken, die zur Zauberflöte und dem Glockenspiel lammfromm werden, würden der Freiwilligen Selbstkontrolle (FSK) ab sechs Jahren standhalten.

Das Theater für Niedersachsen mit Orchester, Opernchor und Extrachor stößt auf ein begeistertes ausverkauftes Haus mit 541 Besuchern. Die Inszenierung von Volker Vogel ist gepaart mit der Dramaturgie von Ivo Zöllner mit dem bunten Vogel und Genussmensch Papageno, einer griechischen Göttin in der Optik gleichenden Pamina, drei holden Knaben mit Engelsstimmen und Mozartianischem Outfit und Sarastros Tempelwächtern mit Schurz und Handschuhen.

Volker Vogel hat das für ihn Besondere an der „Zauberflöte“ in einem Interview einmal wie folgt beschrieben: „Sie ist, wie kein anderes mir bekanntes Werk, durchdrungen von Kräften, die den Menschen ausmachen im Physischen und Seelisch-Geistigen, aber in einer solchen Art, dass sie die Menschen in ihrem Fühlen und Ahnen an Geheimnisse erinnert, die nur noch traumhaft in ihnen zu schlummern scheinen. Das Schöne daran ist, dass dies nicht in intellektuellem Belehren, sondern im unmittelbaren Erleben der zwei Welten im Menschsein erreicht wird“.

Nun, die „Zauberflöte“ wird vielfach interpretiert: Von der revolutionären, konservativen, aufgeklärten, modernen bis zur Tiefenpsychologischen Deutung reichen die Ansätze. Gemein ist allen, dass sie jeweils die Protagonisten für ihre Zwecke benutzen. Nun könnte man einfach geneigt sein, dem schönen Ganzen zu frönen – der Oper, dem märchenhaften Spiel, den Arien. Das allein wäre schon ein Genuss, doch selbst die Wortfetzen in Dialogen und Arien der von Mozart als erste erfolgreiche deutschsprachige Oper, von Kritikern als Meisterwerk beschriebenes Werk, bringen jeden Besucher auf die Spur. Das bekommt auch das Publikum in Diepholz zu spüren.

Diese Oper hat zum Ziel, Licht in die Finsternis des Menschdaseins zu bringen. Tiefenpsychologisch beschreibt er mit seinen Figuren die vielschichtigen Verhaltenszüge, hält mit den überspitzten Darstellungen zum Beispiel des Monostatos, dem „Mohr, mit schwarzer Haut und schwarzer Seele“ heraus geschminkt wie Kommandant Nero des Bergbauschiffes aus Star Trek oder der Königin der Nacht, die klar die Konturen einer bösen Königin wie bei Schneewitchen erfüllt. Stricke um den Hals von Papageno und Prinz Tamino als Joch der Knechtschaft irgendeiner Macht, der es zu entfliehen gilt mit den Mitteln der zu leistenden Prüfungen. Am Ende winkt das Happy End, die wahre Liebe oder für Papageno vielleicht doch der alte Geier als Papagena, weil Lebemannverhalten überwiegt und er sich der Tugend nicht ganz verschreibt wie sein standhafter Begleiter Tamino.

Mozart scheint auf seinem Weg zur Darstellung der reinen Tugenden aber genau gewusst zu haben, dass gerade Menschen immer Hilfe benötigen. Und so kommt die Zauberflöte, das Glockenspiel, der Zuspruch der holden Knaben ins Spiel. Es sind die obligaten Hilfsmittel, die zwei verzweifelten Selbstmorde, den Angriff der wilden Tiere, das Sarastro-Gefolge im Tempelbezirk.

„Den gewichtigsten Stolperstein der Zauberflöte, nämlich dass ein edler Prinz die Tochter einer guten Fee aus den Händen eines bösen Zauberers zu befreien sucht, bildet der plötzliche Wandel der Figuren Königin und Sarastro. Aus der guten Fee wird die böse ränkeschmiedende, Rachedurstige, zum Mord anstiftende Königin der Nacht. Aus dem Finsterling, Zauberer und Tochter-Entführer wird der weise Sarastro, der die höchsten Gebote der Humanität vertritt (Verzicht auf Rache). Zudem hat er sich in einem Männerorden weiser Ägypten-Freunde und Freimaurer-Fans der Erziehung des Menschengeschlechts zur allumfassenden Tugend verschrieben“, dieses Dilemma versuchte schon Literaturkritiker Hellmuth Karasek in einem langen Essay im Spiegel 1985 aufzulösen.

In Diepholz jedenfalls, fast zu schön, um es zu glauben, bestehen das vorformulierte Liebespaar Tamino und Pamina die letzte Feuer- und Wasserprobe scheinbar gleichberechtigt. Nicht endender Applaus für das Spiel um den Menschheitsbegriff.

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