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„Komplett falsche Entwicklung“: Zwei von drei Menschen erleben Gewalt im Beruf

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Von: Marc Lentvogt

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Bernd Dreier spricht in Barnstorf über die „Enthemmung in der Gesellschaft“.
Bernd Dreier spricht in Barnstorf über die „Enthemmung in der Gesellschaft“. © Marc Lentvogt

2/3 aller Beschäftigten haben in den vergangenen beiden Jahren Gewalt im Job erlebt. In Barnstorf hat der DGB-Kreisverband Diepholz sich auf Ursachensuche begeben.

Barnstorf – Bernd Dreier genießt volle Aufmerksamkeit. Er steht im Hotel Roshop als Protagonist der DGB-Frühjahrsbegegnung und soll über das Thema „Gewalt gegen Beschäftigte“ sprechen. Dreier ist Polizist, vertritt in Barnstorf den niedersächsischen Landesverband der Gewerkschaft der Polizei (GdP).

Bernd Dreier (GdP) fordert zu Solidarität mit der Ukraine auf

Seine ersten Worte nutzt er aber nicht für sich, nicht für die Polizei, sondern für die Menschen in der Ukraine. Er könne das Leid der Menschen nicht unerwähnt lassen, fordert die Anwesenden zu „Solidarität, Menschlichkeit und Mitgefühl“ auf, erinnert die Anwesenden an die Möglichkeit zu spenden.

Solidarität, Menschlichkeit und Mitgefühl beziehungsweise deren immer häufigeres Fehlen innerhalb unserer Gesellschaft sind es dann auch, die den Abend thematisch prägen.

Fälle der Gewalt gegen Polizeivollzugsbeamte laut Polizeilicher Kriminalstatistik:

Widerstand: 25 (2020: 28)

Rohheitsdelikte: 62 (2020: 29)

Gewalterfahrungen von Beschäftigte laut uzbonn-Umfrage für den DGB:

Bejaht gesamt: 67 %

Beleidigungen: 58 %

Anschreien: 55,6 %

Androhung von Gewalt: 30 %

Bespucken: 13 %

Schläge/Tritte: 11,7 %

Stalking: 8,9 %

So kurz nach Ende der Corona-Maßnahmen zählen die Organisatoren noch etwas weniger Gäste als von den DGB-Neujahrsbegegnungen gewohnt. Glücklich seien sie dennoch, wie Kreisvorsitzender Matthias Müller und Gewerkschaftssekretärin Imke Hennemann-Kreikenbohm zu Beginn feststellen.

Entgegen der Ankündigung, dass Dreier sich dem Thema des Abends insbesondere aus Polizei-Sicht nähern werde, bezieht er von Beginn an alle Betroffenen ein. Polizisten, Lehrkräfte, Angestellte des Jobcenters, private Dienstleister – eine Liste, die sich beliebig erweitern ließe.

DGB-Umfrage unter 2000 Beschäftigten: 13% sind während der Ausübung ihres Jobs bespuckt worden

Zum Einstieg dankt Dreier dem Deutschen Gewerkschaftsbund. Für die Polizei gibt es Daten, wie oft Beschäftigte Gewalt erleiden, in der polizeilichen Kriminalstatistik. Nach einer DGB-Umfrage unter 2000 Beschäftigten gibt es entsprechendes Material nun auch für andere Berufsfelder. Und diese Daten sind erschreckend. 67 Prozent der Befragten aus öffentlichem Dienst und dem privaten Sektor haben angegeben, während der vergangenen zwei Jahre verbal oder körperlich Gewalt erfahren zu haben. Ein Viertel der Befragten sei körperlich bedroht worden, 13 Prozent geben an, angespuckt worden zu sein.

Ob Polizist oder Busfahrer, mit den Betroffenen macht das etwas, betont Dreier mit Verweis auf die DGB-Kampagne „Vergiss nie, hier arbeitet ein Mensch“. Hinter der Uniform stehe eine Person, bei der Leid entstehe. Eine komplett falsche Entwicklung, so Dreier, denn „wer Arbeit im Dienst der Gemeinschaft leistet, verdient Respekt“. Die zweite Ebene dieses Konflikts spart der GdPler nicht aus: Ein Angriff auf den Vertreter einer Institution bedeutet einen Angriff auf dieselbe, und damit auf den Rechtsstaat.

Auch er, als Experte des Abends, habe keine Lösung, um die „fortschreitende Enthemmung in der Gesellschaft“ aufzuhalten. Mit Blick auf mögliche Ursachen stellt Dreier aber Thesen auf, an welchen Stellschrauben eine Entwicklung angestoßen werden könnte. Am wenigsten lasse sich vielleicht ändern an der „kürzeren Zündschnur“, die einige Menschen im mittlerweile Jahre währenden „Krisenmodus“ entwickelt haben.

Ursachen für die enthemmte Gesellschaft: Personalmangel, Arm-Reich-Schere, Rechtspopulismus

Politisch aber, da hat Dreier seine Zielgruppe an diesem Abend mit der ersten genannten Ursache gut im Blick, sehe das anders aus. Wenn Institutionen an Personalmangel leiden, die Beschäftigten den Frust der Menschen abbekommen, weil bestimmte Vorgänge sehr lange dauern, dann würden falsche Prioritäten sichtbar: „Der Staat muss sich an der Qualität des öffentlichen Dienstes messen lassen.“ Was nicht bedeuten soll, dass Quartalszahlen aus der Wirtschaft keine Relevanz hätten, sie dürften aber nicht zur alleinigen „Wohlstandsmesslatte“ geraten.

Ein zweiter wichtiger Punkt: die Schere zwischen Arm und Reich. Es könne nicht sein, so Dreier, dass in Krisenzeiten bei wenigen Reichen, der Reichtum noch steige, während so viele um ihre Existenz bangten.

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Und dann seien da, der dritte große Punkt in Dreiers Ursachensuche, noch die Rechtspopulisten. „Die zielen immer auf die Spaltung der Gesellschaft“, erklärt der Polizist und kommt auf seine Berufsgruppe zu sprechen. Da die Polizei das Gewaltmonopol im Staat habe, trage sie eine ganz besondere Verantwortung. Voraussetzung für ihr Handeln sei Vertrauen, und um das zu erhalten, müsse die Polizei „divers sein und die Vielfalt der Gesellschaft abbilden“. Vielfalt abzubilden, bedeute aber nicht, absolut jede Meinung abzubilden. Fakt sei, es gebe im Land Verfassungsfeinde, ihre Meinung dürfe bei der Polizei aber niemals abgebildet werden, sie „haben in den Reihen der Polizei nichts zu suchen“.

Alle drei Ursachen verlangten nach unterschiedlichem staatlichen Handeln. Das entzieht den Einzelnen aber nicht aus seiner Verantwortung. Jeder kann etwas beitragen: Solidarität, Menschlichkeit und Mitgefühl.

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