Alternative zum Aufforsten / Borkenkäfer, Holzpreis-Verfall – doch Förster Brüning optimistisch

Den Wald auch mal in Ruhe wachsen lassen

Zwischen dem toten Altholz wächst was Neues: Förster Heiner Brüning zeigt, dass sich der Wald auch auf natürliche Art regenerieren kann.
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Zwischen dem toten Altholz wächst was Neues: Förster Heiner Brüning zeigt, dass sich der Wald auch auf natürliche Art regenerieren kann.

Barnstorf/Aschen – Ein Käferloch. Ziemlich niedlicher Begriff für das, was Heiner Brüning an diesem Vormittag in Aschen-Lindloge betrachtet. Etwa ein Hektar freigeräumter Waldboden, aus dem jetzt nur noch Baumstümpfe hervor blinzeln. Der Leiter der Revierförsterei Barnstorf musste im Spätsommer den Holz-Vollernter auf diese Fläche schicken, um die vom Borkenkäfer befallenen Fichten zu fällen. „Aus ökologischer Sicht finde ich das natürlich nicht toll, aber wenn die toten Bäume umfallen, gefährden sie die Waldbesucher. Und wenn die Stämme liegen bleiben, brechen sich unsere Forstwirte beim nächsten Mal die Beine, wenn sie hier rein müssen“, verdeutlicht Brüning.

Auch aus ökonomischer Sicht hält sich die Freude des Försters arg in Grenzen, „denn die Preise auf dem Holzmarkt tendieren zurzeit gegen null.“ Angebot und Nachfrage eben. Und der Borkenkäfer sorgte in den jüngsten drei Jahren mit seinem Appetit und dem danach notwendigen Einschlag für ein Überangebot. Was auf dem Lindloger Stück übrig bleibt, wartet nun in Reih’ und Glied zu unzähligen Stämmen aufgetürmt auf seinen Abtransport. „Das werden Spanplatten“,verrät Brüning. Plötzlich entdeckt er noch zwei Fichten, die ganz offensichtlich ebenfalls Opfer des Borkenkäfers wurden: „Die beiden haben wir übersehen“, ärgert er sich. Das Problem: Die daraus schlüpfenden Jungkäfer dürften sich im Spätsommer neue Ziele gesucht haben.

Doch der 63-Jährige will nicht klagen, sondern redet viel lieber über die positiven Dinge. Erstens sei sein Revier von der Borkenkäfer-Plage vergleichsweise glimpflich davongekommen: „Ich habe ja nur zehn Prozent Fichte in meinem Bestand. Da sieht es in anderen Gegenden wie im Harz viel schlimmer aus.“ Zweitens rechnet Brüning damit, dass die Massenvermehrung dieser Schädlinge bald zusammenbricht, denn kein Lebewesen habe schließlich Lust auf zu große Konkurrenz aus eigenen Reihen: „Mal sehen, wie sich das Vorkommen entwickelt. Nächstes Jahr wäre es schon das vierte mit dem Borkenkäfer-Problem.“

Ein dritter Grund, der ihn zum Optimismus veranlasst, ist die Tendenz zu steigenden Holzpreisen: „Es zeichnet sich eine Trendwende für den Winter ab“, schildert der Forstbeamte seine Beobachtungen aus südlicheren Regionen. Natürlich könnte er jetzt spekulieren wie ein Broker an der Börse – und abwarten. Doch ihm ist anzumerken, dass er keine große Lust auf Taktik-Spielchen hat. Ohnehin sind seine Tage als Leiter des riesigen Reviers vom Wildeshauser Westen über Bassum bis zu den Bürgerfuhren zwischen Diepholz und Wetschen gezählt: Im Juni geht er in Pension.

In den dann fast 32 Jahren seiner Amtszeit hat sich einiges getan – nicht nur, dass Brünings Zuständigkeitsbereich seitdem durch Zusammenlegungen und neue Zuschnitte der Forstamtsbereiche von 750 auf 2 000 Hektar angewachsen ist. Den Klimawandel, verdeutlicht der Barnstorfer, könne niemand übersehen: „Wir leben eben nicht auf einer Insel“, sagt Brüning mit Blick auf die elf größten Industriestaaten, die seiner Meinung nach den größten Anteil an dieser Veränderung tragen. „Darauf lässt sich in der Forstwirtschaft nur schwer reagieren. Die Baumarten, die man jetzt pflanzt, können in 20, 30 oder 40 Jahren Probleme haben.“ Selbst robuste Buchen litten nach dem nun dritten trockenen Jahr infolge. Beim Rundgang durch den Lindloger Wald deutet er auf einige jener Exemplare, die aber noch äußerst vital aussehen. Brüning freut’s, schließlich hat er sie vor 30 Jahren selbst gepflanzt.

Dass es allerdings auch funktionieren kann, den Wald einfach mal sich selbst zu überlassen, zeigt Brüning gut 100 Meter hinter dem „Käferloch“. Vor rund zehn Jahren mussten er und seine Kollegen auf diesem Abschnitt mal ausdünnen, aufs Wiederaufforsten verzichteten sie jedoch. Gewachsen ist seitdem ein ansehnlicher Mischwald aus Lärchen, Kiefern und Fichten, aber auch Laubbäume wie Birken und Eichen finden sich darunter. Brüning lächelt beim Blick aufs bunte Herbstlaub und die gelben Lärchennadeln. Natürlich gingen auch einige Jungpflanzen durch knabberndes Wild verloren, „aber mit Verlusten von 20 bis 30 Prozent können wir leben“.

Mehr sollte es aber doch nicht sein. Deshalb nutzen Brüning, seine Kollegen und die Jäger vor Ort die jetzige Jahreszeit zur „Wirtschaftsjagd“: „Die Borkenkäfer-Schäden haben wir gut bearbeitet. Dieser Bereich ruht zurzeit, die Holzernte läuft wegen der kaputten Preise ebenfalls auf Sparflamme, jetzt befreien wir Anpflanzungen von wild ausgesäten Arten, wir nicht mögen – und jagen. Das muss auch sein“, unterstreicht Brüning: „Der deutsche Wald steht auch deshalb recht gut da, weil wir jagdlich eingreifen, um den Wildverbiss in Grenzen zu halten.“ Und das Nutzen nachwachsender Rohstoffe von hier sei immer noch besser, als irgendwo anders auf der Welt in ein Ökosystem einzugreifen, um Holz zu importieren.

Von Cord Krüger

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