122 Risse in der Region seit 2014

Zwei tote Wildschafe in Cornau: Experte vermutet Wolfsattacke

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Von Geburt an gemeinsam sozialisiert: Die Herdenschutzhunde empfinden die Schafherde von Tierhalter Tino Barth aus Rüssen als ihr Rudel.

Cornau/Rüssen - Von Matthias Niehues und Thomas Speckmann. In den vergangenen Wochen war es etwas ruhiger geworden um den Wolf. Das bekamen auch die Wolfsberater zu spüren, die im vergangenen Jahr zu zahlreichen Wild- und Nutztierrisen in der Region ausrücken mussten. Doch am Dienstagmorgen war wieder die Expertenmeinung von Dr. Marcel Holy gefragt. Auf einem Grundstück in Cornau lagen zwei tote Wildschafe.

Nach Angaben des Wolfsberaters wurden die beiden Muffel in den Nacht- oder Morgenstunden auf dem Anwesen an der Straße „Zum Teich“ getötet und damit der komplette Bestand ausgelöscht. Auffällige Spuren legten auch hier den Verdacht nahe, dass es sich um einen Wolf als Verursacher handelt. An dem Eindringen des Raubtieres konnte offenbar auch der Zaun des Gatters nichts ändern.

Den letzten Riss im Landkreis Diepholz hatte Holy Mitte Januar registriert. Am 30. Januar wurde ein weiterer Fall im Goldenstedter Ortsteil Lahr festgestellt. Doch im Februar herrschte Ruhe in der freien Nutztierhaltung. „Es sind auch nicht mehr viele Tiere da“, stellte der Wolfsberater fest. In den Wintermonaten würden sich die Schafe häufig in den Ställen aufhalten, sodass sie nicht der Gefahr im Freien ausgesetzt seien. Aber es hätten inzwischen auch einige Hobbyhalter den Betrieb eingestellt.

Ein Schafhalter, der den Kampf noch nicht aufgegeben hat, ist Tino Barth aus Rüssen. Er will sich mit mehr Herdenschutzhunden gegen das größere Wolfsrudel wappnen. Ihre Namen wie Putin oder Stalin lassen erahnen, dass der Besitzer ein gewisses Durchsetzungsvermögen von ihnen erwartet. Sie sollen die drei Schafsherden gegen die Wölfe aus dem Moor verteidigen. Bisher waren drei Hunde pro Herde im Einsatz. Nach Ostern, wenn die Schafe mit ihren Lämmern wieder die Landschaftsschutzflächen an der Hunte in Goldenstedt beweiden, sollen vier bis fünf Hunde zum Zuge kommen.

Verschärfter Herdenschutz: Geerdete Stromlitze in Telbrake.

Barth, der nach eigenem Bekunden schon Übergriffe von Wölfen auf Herdenschutzhunde zu verzeichnen hatte, will aufrüsten: „Bisher hatten wir’s nur mit zwei Wölfen zu tun. Wenn die Jährlinge im Rudel auch jagen, brauche ich mehr Hunde.“

Nach seiner Überzeugung würden Wölfe die Herde und die Hunde auf einer Seite ablenken, dann die Goldenstedter Wölfin von der anderen rüberspringen. Er trainiere seine Herdenschutzhunde so, dass eine Hündin zurückbleibt und alles im Blick behält. Entsprechend will Barth die Tiere für die drei Herden passend zusammenstellen. Darauf vorbereitet werden die Hunde schon jetzt. Die neuen Welpen wurden schon seit der Geburt mit den Schafen sozialisiert. Die Schafsherde empfinden sie so als ihre Rudel.

Im Gegensatz zu vielen Hobbyhaltern ist Tino Barth wolfserfahren. Anfangs hat er versucht, sich mit bis zu 1,40 Meter hohen Elektrozäunen zu schützen, die von der Goldenstedter Wölfin aber nachweislich wiederholt übersprungen wurden. Etliche Schafe wurden getötet. Zugleich kippten Zäune durch die Windlast immer wieder um. Nach anfänglichen Versuchen mit Eseln setzt der Rüssener jetzt auf Hunde, reduziert dafür aber die Zaunhöhe auf die geforderte Mindesthöhe, damit sie bei Sturm nicht umwehen.

Hunde kosten rund 9.000 Euro im Jahr

Das Land Niedersachsen übernimmt als Herdenschutzprävention zwar einen Großteil der Anschaffungskosten für Hunde, nicht aber die laufenden Kosten. Die beliefen sich für Futter, Impfungen und Tierarztkosten allein im vergangenen Jahr ohne Welpen auf 9000 Euro, so Barth. Und er beklagt, dass jetzt zudem die Grünlandprämie wegfällt. „Das ist verwerflich. Von dem Geld habe ich das Futter für die Hunde bezahlt. Wir leisten einen wichtigen Beitrag für die Landschaftspflege“, betont Barth.

Durch den Wegfall der Prämie und den höheren Aufwand für die Herdenschutzhunde sei die Schafhaltung kaum noch rechenbar, fügt der Rüssener hinzu. Dies auch deshalb, weil ihm Hobbyhalter keine Zuchtböcke mehr abnehmen würden. Jedes Jahr habe er früher etliche zu guten Preisen verkaufen können, letztes Jahr nur noch ein Tier für kleines Geld. „Es gibt hier keine Hobbyhalter mehr, es stehen fast keine Schafe mehr auf den Weiden“, beklagt er.

Einer, der weitgehend aufgibt, ist Norbert Wilkens aus Ellenstedt. Der Bestattungsunternehmer, der im Nebenerwerb Schafe hält, war im Dezember 2014 der erste Nutzierhalter im Landkreis Vechta, dessen Schafe von der Goldenstedter Wölfin gerissen wurden. Von seinen 130 Mutterschafen will er 100 verkaufen. „Den ganzen Ärger mit dem Wolf will ich nicht mehr“, sagt er und ist überzeugt, dass er sich nur mit Herdenschutzhunden ausreichend schützen könnte. Der Aufwand sei ihm aber zu groß. „Die kleinen Halter wissen nicht, was sie tun sollen und verschenken aus Verzweiflung ihre Tiere“, ist seine Erfahrung. Auch er selbst habe wegen der Wolfssituation die Freude an der Tierhaltung verloren.

Mehr als 270 tote, verletzte und vermisste Tiere

Wer sich die Nutztierrisstabelle des Landes Niedersachsen ansieht, versteht, warum die Stimmung bei den Tierhaltern am Boden ist. Seitdem die Goldenstedter Wölfin im Jahr 2014 im Moor sesshaft wurde und dort später das Rudel gründete, mussten bis Mitte Januar 2018 die Wolfsberater der Region insgesamt 122 Rissfälle untersuchen. Bei davon 95 Fällen waren Wölfe die Verursacher von Nutztierrissen. Mehr als 270 tote, verletzte und vermisste Tiere waren demnach Opfer dieser Übergriffe

Weil die Wölfe im vergangenen Jahr auch wiederholt rund zwei Meter hohe feststehende Zäune überkletterten, empfahl das Wolfsbüro Ende November verstärkten Herdenschutz für die Landkreise Diepholz und Vechta. Herdenschutzförderung für Hobbyhalter gibt es aber auch vier Jahre nach Erstsichtung der Goldenstedter Wölfin in Vechta immer noch nicht. Sie ist nur in Aussicht gestellt.

Weil die Wölfe des Rudels im Moor zudem wiederholt Kälber gerissen haben, sollen dafür jetzt Rinderhalter in beiden Landkreisen für Präventionsmaßnahmen zum Schutz vor Wölfen Förderungen erhalten. Dies bestätigte das Umweltministerium auf Anfrage. Auch die Wolfsberater sind bereits unterrichtet. Eine genaue Karte, die das Fördergebiet ausweist, wird nach Angaben des Ministeriums zurzeit erstellt.

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