In der Christian-Hülsmeyer-Schule

Bürgerrechtler Rainer Eppelmann gibt Crashkurs „Deutsche Geschichte“

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Rainer Eppelmann (am Pult) beeindruckte mit seinem Vortrag vor Barnstorfer Schülern.

Barnstorf - Von Simone Brauns-Bömermann. „Nie wieder Diktatur in Europa“, mit dem Ziel trat Bürgerrechtler Rainer Eppelmann vor Schüler der Christian-Hülsmeyer-Schule Barnstorf.

Er traf sich mit zwei neunten und Schülern einer zehnten Klasse. Nach 90 Minuten Crashkurs „Deutsche Geschichte“ von der Kaiserzeit bis heute, inklusive des Lebens in der ehemaligen DDR und der Gründe der Öffnung zur Wende aus erster Hand erzählt, war jeder Schüler überwältigt und fast wortlos.

Aufgewachsen ohne den Vater

„Ick bin nich alle dree Wochen hier, wenn Sie Fragen haben, bitte jetzt“, berlinerte der 74-jährige Bürgerrechtler und Theologe mit der bewegten Vergangenheit. Drei Fragen gab es aber dennoch: „Wie haben Sie ihre Kindheit empfunden?“. „Ich hab gehungert. Ich schmecke heute noch die Suppe mit echtem Huhn gekocht“. Eppelmann ist Jahrgang 1943, geboren in Berlin. Kurz nach dem Mauerbau 1961 muss er die Schule abbrechen und als Dachdeckergesellengehilfe arbeiten. Sein Vater hatte Arbeit im Westen, kehrte nicht zurück. „Er wollte damals seinen Job nicht riskieren, dachte wie viele, die sozialistische Ära dauert nicht so lange“, nimmt ihn Eppelmann in Schutz. Der spätere Mitinitiator des „Berliner Appells“ mit der Losung „Frieden schaffen ohne Waffen“ wollte Architektur studieren, durfte aber trotz guter Noten, aber ohne Jugendweihe, stattdessen mit Konfirmation, nicht zum Gymnasium.

„Stellen Sie sich vor, sie leben in totaler Unfreiheit und bekommen immer Ärger bei anderer Meinung als die Machthaber, gehen sogar dafür ins Gefängnis…“, so Eppelmann. Der ging 1966 ins Militärgefängnis der DDR, weil er den Wehrdienst und das von ihm als „Bausoldat“ geforderte Gelöbnis verweigerte. „Wie war ihre Zeit im Gefängnis?“, die zweite Frage. „Schön“, seine Antwort, die war natürlich zynisch gemeint. Tatsächlich für die Schüler unvorstellbar: „Wir waren bis zu zwölft in einem Zimmer, verrichteten die Notdurft im Kübel im Beisein aller, hatten 15 Minuten Ausgang im Kreis mit viel Abstand zu Vordermann, ohne Konversation und durften einmal die Woche duschen“. Stille.

Aufforderung: Mit Leidenschaft für die Freiheit

Eppelmann hatte als versierter Redner seinen Vortrag mit Beispielen gespickt, wiederholte in Abständen rhetorisch die Frage: „Diktatur oder Demokratie?“ und kam mit jedem Beispiel der einzigen Antwort näher: „Ihr Ziel muss sein: Nie wieder Diktatur in Europa. Denn wenn dieses Unrechtregime erst herrscht, wird man es nur mit vorherigem Leid wieder los“, appellierte er an die Jugendlichen leidenschaftlich zu streiten und zu diskutieren, um das unbezahlbare Gut Freiheit zu verteidigen, das die Deutschen besitzen. „Wir sind nach und nach in der DDR ein Volk der Flüsterer mit Angst um Leib und Leben geworden. Wir waren Leibeigene, durften nicht bestimmen, wohin unsere Leiber gehen. Unsere Seelen erstickt“.

Eppelmann untermauerte die Geschichte mit seinem Leben authentisch und als brillanter Erzähler. Die Schüler bekamen Geschichte und Mahnung über die gemachten Fehler an konkreten Beispielen präsentiert. „Wie perfide das System war, sehen Sie an dem Beispiel wie Lehrer von den I-Männchen rauskriegten, ob Zuhause das verbotene West-Fernsehen geschaut wurde. Die Lehrer sagten: Wir malen heute einmal die Nachrichten-Uhr“. Erstaunte Gesichter bei den Schülern in Barnstorf, was er damit meinte. „Die Uhr der Tageschau im Westen sah anders aus als bei den DDR-Nachrichten“.

„Einige resignierten und gaben auf“

Er lebte in einem Land der Spione und Ausspionierten. „Einige resignierten und gaben auf, jemals wieder frei leben zu dürfen, andere kämpften mit dem Risiko der Verhaftung oder des Verschwindens, viele wurden auf der Flucht erschossen oder ertranken im Grenzfluss“. „Für Sie ist Demokratie alltäglich, lassen Sie es nicht zur lästigen Gewohnheit werden, denn die Gefahr bei den Menschen ist, Dinge, die man hat, weniger zu schätzen. Es geht um Sie, um Ihr weiteres Leben“.

Eppelmann machte Geschichte erlebbar, er resümierte, dass am Ende der DDR 95 Prozent der Menschen gleichgeschaltet waren. „Ich kapierte auch erst spät: Demokratie heißt Können, Diktatur heißt Müssen!“. „Haben Sie deshalb Theologie studiert?“ die dritte Frage. „Wahrscheinlich, und ich konnte es auf dem zweiten Bildungsweg“. Später hätten die Flüsterer die Stimme wiedergefunden, das wäre nicht leicht gewesen, denn die Menschen wussten, dass sie Jahrzehnte lang die eigenen Henker in den „Pseudo-Wahlen“ selbst gewählt hätten. „Die Wende war nur möglich, weil die Menschen sich friedlich auflehnten, die BRD dafür gekämpft hat, sich wieder zu vereinen und die restlichen Europäer den Deutschen attestierten: Die können auch Frieden“.

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