Schlafen unter freiem Himmel

Sina aus Barnstorf schläft auf dem Balkon – und möchte damit auf Herzensthema aufmerksam machen

Wenn die Barnstorferin Sina Schröder morgens beim Aufwachen ihre Augen öffnet, sieht sie über sich den freien Himmel. Denn die 38-Jährige schläft seit anderthalb Jahren draußen auf dem Balkon und möchte damit nun auf ein Herzensthema aufmerksam machen.

Barnstorf – Im heißen Sommer 2019 entschied sich die heute vierfache Mutter dazu, gemeinsam mit ihrem Mann Torben Schröder und den zu dem Zeitpunkt noch drei Kindern draußen zu schlafen. In den Schlafzimmern wurde es der Familie zu heiß. Kurzerhand beförderten sie ihre Matratzen auf den Balkon und errichteten ein „Matratzenlager“. Gut vier Wochen nutzten die Schröders den Sommer und verbrachten die Nächte gemeinsam draußen.

Als es Herbst wurde und die Nächte kälter, schliefen die Kinder wieder in ihren Betten. Sina und Torben blieben zunächst gemeinsam auf dem Balkon.

Nachwuchs per Hausgeburt in Barnstorf: „Leben mit Mitte 30 noch nicht vorbei“

Zu der Zeit bekamen die Schröders Nachwuchs. Die geplante Hausgeburt ihres vierten Kindes zeigte Sina Schröder auf, „dass das Leben mit Mitte 30 noch nicht vorbei ist und man noch so einiges erleben und auch erfahren kann.“

Der Ehrgeiz der frisch gebackenen Mutter erwies sich größer als der ihres Mannes, denn sie blieb den gesamten – wenn auch milden – Winter über auf dem Balkon. Gleichzeitig schaute die 38-Jährige nach geeignetem Material für die kälteren Nächte. „Ich habe gemerkt, dass ich an der frischen Luft besser schlafen kann, auch weil ich weniger auf die Schlafgeräusche der Kinder geachtet habe“, sagt sie.

So fing alles an: Sina Schröder und ihr Mann Torben Schröder schliefen mit den drei Kindern im Sommer 2019 draußen auf dem Balkon.

Das Baby hatte die Barnstorferin die Nächte über bei sich und ist zum Stillen rein gegangen. Für ihre Kinder legt sie in die Nähe des Balkons eine „Besuchermatratze“, falls diese in der Nacht die Nähe der Mutter suchen. „Ich bin nie eine Camperin gewesen“, berichtet die Outdoor-Schläferin. Zu ihrer Ausrüstung gehörten ein Biwakschlafsack, eine regenfeste Luftmatratze und eine wasserfeste Plane. Im Zelt zu schlafen habe sie ausprobiert, doch das sei auf Dauer nicht dasselbe gewesen wie unter freiem Himmel.

Barnstorferin schläft draußen: Alle vier Jahreszeiten erleben wollen

Auf die Frage, wie lange sie noch draußen schlafen wolle, antwortete Sina Schröder vor eineinhalb Jahren, dass sie alle vier Jahreszeiten erleben will. Doch heute gehöre es bereits zu ihrer Alltagsroutine und sie wisse nicht, ob sie überhaupt noch mal drinnen schlafen werde.

Sina Schröder schläft auch bei Schnee und Kälte gut eingepackt in ihrer Hängematte auf dem Balkon.

Bei Regen muss sie einen möglichst trockenen Moment abwarten, um in ihren Schlafplatz zu schlüpfen. Nach dem Aufstehen geht es an das Auftauen und Trocknen der Ausrüstung in der Wohnung. Oft sei die Frage nach Begegnungen mit Tieren aufgekommen, doch davon habe Schröder bisher keine gehabt. Auch Mücken seien selten gewesen in den Sommernächten.

Mittlerweile schläft die 38-Jährige in einer wärmeisolierten Hängematte. Somit schafften sie es auch durch den diesjährigen harten Winter, erzählt sie. „Dank meiner sehr guten Ausrüstung habe ich nie gefroren und es warm und angenehm am Körper gehabt.“

Stress beim Einschlafen würde nicht mehr aufkommen, seitdem die Barnstorferin auf dem Balkon schläft. „Ich fühle mich morgens erholter und die frische Luft tut mir gut.“

Schlafen auf dem Balkon bei minus 17 Grad draußen

Lediglich die Nacht vor gut zwei Wochen sei ihr negativ in Erinnerung geblieben. Zum ersten Mal habe die Outdoor-Schläferin gemerkt, dass sie sich bei den vorherrschenden minus 17 Grad Celsius Außentemperatur, Windstärken um 80 Kilometer pro Stunde und erheblichen Schneefall nicht wohlgefühlt hat. Dieses Erlebnis habe ihr die Augen geöffnet und Sina Schröder dachte an die vielen Obdachlosen, die solchen Witterungsbedingungen ohne geeignete Ausrüstung ausgeliefert sind.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft für Wohnungslose in Deutschland hat eine Statistik veröffentlicht, in der die Anzahl der erfrorenen Obdachlosen in Deutschland aufgeführt werden. In den vergangenen zehn Jahren seien die Zahlen stets unter zehn gewesen. Anfang Februar dieses Jahres lag die Zahl der Kältetoten in Deutschland bereits bei 17, führte die Barnstorferin an.

„Es ist ein Privileg draußen schlafen zu können, wenn man es will. Viele haben diesen Luxus nicht und befinden sich in existenzieller Not.“

Als selbstständige Theologin veröffentlicht Schröder Kolumnen, arbeitet in der Seelsorge und schreibt viel.

Nach einem Studium der Theologie machte sich die 38-Jährige selbstständig. Wöchentlich veröffentlich sie eine Kolumne im Internet und arbeitet in der Seelsorge.

Auf ihrer Instagram-Seite macht Sina Schröder unter anderem auf das Thema der Obdachlosigkeit aufmerksam. Knapp 25 000 Menschen folgen der 38-Jährigen auf ihrem Social-Media-Kanal.

Herzensprojekt von Sina Schröder: Obdachlosen helfen

In diesem Zuge macht sie auch auf die Organisation „Sheltersuit“ aufmerksam, denn beim Überleben auf der Straße komme es auf die Ausrüstung an, meint die Barnstorferin. „Sleep-Out“ ist eines der Aufrufe, bei dem Menschen dazu aufgefordert werden eine Nacht im Freien zu verbringen.

„Die Arbeit für Obdachlose ist ein Herzensprojekt von mir. Wir sollten alle verantwortlich mit unseren Privilegien umgehen und uns für andere einsetzen, die diese Privilegien nicht haben. Viele kennen die Problematik, wissen aber nicht, wie sie helfen können. Bei Sheltersuit kann jeder mit Sachspenden in Form von alten Schlafsäcken, oder Kleidung, als auch mit Geld einen Beitrag leisten.“

Die Organisation „Sheltersuit“

Sheltersuit ist eine Organisation, die 2014 von dem Niederländer Bas Timmer ins Leben gerufen wurde. Nachdem der Vater eines Freundes von ihm an Unterkühlung gestorben ist, weil dieser gezwungen war, im Freien zu schlafen, entschied sich Timmer, etwas zu unternehmen. Zu der Zeit hatte der Gründer nach dem Besuch der Modeakademie seine eigene Outdoor-Modelinie für kaltes Wetter gegründet. Aber es fühlte sich für ihn nicht richtig an, modische Kleidung zu einem hohen Preis zu verkaufen, während sich viele Menschen nicht einmal warme und schützende Kleidung leisten konnten, um einfach zu überleben. Niemand verdiene das schreckliche Schicksal, zu Tode zu frieren, weil diese Person sich keine anständige Kleidung leisten kann, die sie warm hält, heißt es auf der Homepage der Organisation. Ihre Mission basiert auf drei Säulen: Schutz geben; Recycling von Materialien; Bereitstellung von Jobs und Möglichkeiten. Mithilfe von Second-Hand Materialien werden eine Kombination aus winterfestem Schlafsack und Anzug von Menschen mit einer Distanz zum Arbeitsmarkt wie geflüchtete und ehemalige obdachlose Menschen gefertigt. Diese multifunktionalen Nothilfeprodukte sollen obdachlosen Menschen sofort Schutz bieten. Weitere Informationen unter www.sheltersuit.com

Rubriklistenbild: © Schröder

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