„Brauchen eine Allianz für Barnstorf“

Nach Protest bei Wintershall sollen Gespräche mit der Politik folgen

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Vor dem Verwaltungsgebäude versammelten sich Mittwochvormittag fast 200 aktive und ehemalige Mitarbeiter.

Wenn Arbeitnehmer um ihre Rechte kämpfen, dann geht das nicht selten mit lautstarken Demonstrationen, Arbeitsniederlegungen oder Streiks einher. Bei Wintershall in Barnstorf werden in diesen Tagen etwas sanftere Formen des Protestes gewählt. Hier legt die Belegschaft, wie Mittwochvormittag geschehen, eine „belebte Pause“ ein, um auf die angespannte Situation in dem Unternehmen aufmerksam zu machen.

Barnstorf - Von Thomas Speckmann. Annähernd 200 aktive und auch ehemalige Mitarbeiter, die sich dem Erdöl- und Erdgasproduzenten nach ihrem Eintritt in den Ruhestand weiter eng verbunden fühlen, versammelten sich in der Frühstückspause vor dem Verwaltungsgebäude an der Rechterner Straße. Sie setzten ein friedliches Zeichen gegen den Stellenabbau, der im Zuge der Fusion von Wintershall und Dea erfolgen soll. Die Nachricht hatte die Mitarbeiter am vergangenen Donnerstag wie ein Schock getroffen. Das war auch Mittwoch noch deutlich zu spüren.

„Mir fehlen immer noch die Worte“, sagte Betriebsratsvorsitzende Sabine Brandt, die gemeinsam mit Vertretern aus Gewerkschaft und Politik vor die Belegschaft trat. Dass am heimischen Standort 180 von 280 Stellen wegfallen sollen, brauchte die Arbeitsnehmervertreterin nicht mehr zu erwähnen. Das war bekannt. Vielmehr stellte sich die Frage, wie die Betroffenen mit dieser schwierigen Situation umgehen sollen.

Mut und Ausdauer gefragt

„Wir müssen diese Chance für den kleinen Teil, der in Barnstorf bleibt, nutzen“, betonte Brandt. Die Unternehmensführung habe zwar eine Mitarbeiterzahl bekannt gegeben, die abgebaut werden soll, aber es sei nicht gesagt worden, wie die Arbeit in Zukunft geleistet werden solle. „Wir brauchen mehr Personal, um die Arbeit, die es hier gibt und geleistet werden muss, bewältigen zu können“, kommentierte Brandt die angekündigte Reduzierung des Bestands.

Die Betriebsratsvorsitzende gab sich kämpferisch und forderte die Belegschaft auf, den Kopf nicht in den Sand zu stecken. Um etwas zu bewirken, seien Mut und Ausdauer gefragt. „Lasst uns unseren Job machen, solange wir noch können, und lasst uns beweisen, dass wir hier nicht alle überflüssig sind“, rief Brandt ihren Kollegen zu.

Gewerkschaftssekretär Andreas Wieder, Betriebsratsvorsitzende Sabine Brandt und Samtgemeindebürgermeister Jürgen Lübbers (v.l.) kritisierten den Stellenabbau.

Gewerkschaftssekretär Andreas Wieder sprang den Mitarbeitern zur Seite. Er bezeichnet die Fusion von Wintershall und Dea zwar als „sinnvolle Geschichte“, die erwartungsgemäß mit einem Abbau von Arbeitsplätzen einhergehe, aber er kritisierte, dass nur noch ein „Skelett des Unternehmens“ bleibe. Der Zusammenschluss werde genutzt, um Bereiche zu schließen und auszulagern, die nicht den gewünschten Gewinn einbringen oder in ferner Zukunft nicht mehr benötigt würden.

Wenn es schlimm komme, würden nur noch etwa 60 Mitarbeiter plus Auszubildende in Barnstorf beschäftigt, meinte der Vertreter der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE). Er zeigte sich aufgrund des geplanten Abbaus von 800 Arbeitsplätzen in Deutschland und des engen Zeitrahmens skeptisch, dass die Zusicherung der Unternehmensleitung, bis Mitte 2020 keine betriebsbedingten Kündigungen vorzunehmen, eingehalten werde.

Nach der Aktion gab es Gebäck für die Teilnehmer. 

Die Äußerungen der Arbeitnehmervertreter wurden von Beifall begleitet. In den Gesichtern vieler Mitarbeiter war die Sorge um ihre Existenz abzulesen. „Wir haben Angst um unseren Job“, erklärte Silke Paulini im Gespräch mit dieser Zeitung. Die Verwaltungskraft steht schon seit drei Jahrzehnten in Diensten des Unternehmens und hat während dieser Zeit schon einige Höhen und Tiefen mitgemacht. „Aber diesmal ist es anders, es kommt alles so schnell“, so die Barnstorferin.

Auch ihr Kollege Michael Makollus fragt sich, wie es um seinen Arbeitsplatz bestellt ist. „Man ist nicht nur orts-, sondern auch familiär gebunden“, erklärte der Cornauer, der schon seine Ausbildung zum Industriekaufmann bei Wintershall absolviert hat und mittlerweile seit 38 Jahren im Hause tätig ist. Dass der Verwaltungsbereich von Barnstorf nach Hamburg verlagert werden soll, bringt ihn ins Grübeln. „Eine Wochenendbeziehung wäre nicht prickelnd.“

Wegfall von Arbeitsplätzen auch für die Kommune ein Problem

Dass der Wegfall von Arbeitsplätzen auch für die Kommune ein Problem darstellt, verdeutliche Samtgemeindebürgermeister Jürgen Lübbers in seiner Ansprache: „Die Situation ist katastrophal für die Samtgemeinde Barnstorf und den Flecken Barnstorf.“ Der Stellenabbau sei in der geplanten Form nicht zu akzeptieren, so Lübbers und lud zu einem Gespräch ins Barnstorfer Rathaus ein: „Wir brauchen eine Allianz für den Standort Barnstorf!“ Laut Lübbers sollten neben Unternehmensleitung, Betriebsrat und Gewerkschaft auch Bund und Land mit am Tisch sitzen. Die heimischen Abgeordneten sind zu Gesprächen bereit, wie Ratsherr Holger Rabbe Mittwoch berichtete. Er habe mit Marcel Scharrelmann und Axel Knoerig gesprochen. Sie wollten versuchen, auf politischer Ebene etwas zu erreichen und die Entscheidung über den Stellenabbau diskutieren. Tenor: „Jede Stelle mehr, die in Barnstorf bleibt, ist wichtig.“

Der Einladung will sich die Unternehmensführung nicht verschließen. „Das Gesprächsangebot wird angenommen“, erklärte Mario Dreier, kommissarischer Leiter der Deutschland-Aktivitäten von Wintershall, der die Aktion Mittwochvormittag aufmerksam verfolgte.

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