TSV Cornau hat in dieser Saison noch keinen einzigen Treffer erzielt

Der Ball will einfach nicht ins Tor

Das Runde muss ins Eckige: Trainer Eckhardt Kotrade (r.) schwört seine Spieler auf die nächste Begegnung in Diepholz ein (v.l.): Julian Kempin, Tim Nuttelmann und Leon Buns sowie Torwart Marian Kammann. Foto: Speckmann

Cornau - Von Thomas Speckmann. Gute Kombination im Mittelfeld, dann der Pass in die Tiefe. Markus Schröder startet auf der rechten Seite durch, nimmt den Ball an und marschiert allein aufs gegnerische Tor zu. Mitspieler und Zuschauer haben schon den Jubelschrei auf den Lippen, doch die Kugel landet nicht im Netz, sondern fliegt in Richtung Eckfahne. „Ich wollte den Ball über den Torwart lupfen“, seufzt der Stürmer nach dem gescheiterten Versuch.

Die Szene hat Symbolcharakter für das Spiel des TSV Cornau. Die 1. Herrenmannschaft befindet sich aktuell auf dem letzten Tabellenplatz in der 2. Kreisklasse Süd. Nach elf Partien stehen neun Niederlagen und zwei Unentschieden zu Buche. Der magere Punktestand ist die eine Sache, weitaus auffälliger ist die äußerst bescheidene Torausbeute. Die Fußballer haben in dieser Saison noch keinen einzigen Treffer erzielt. Damit nimmt der heimische Verein eine Ausnahmestellung auf Kreis- und Bezirksebene ein.

Beim Elfmeterschießen während der Cornauer Sporttage sind die Tore noch wie am Fließband gefallen, und auch im Turnier um den Samtgemeinde-Pokal hat sich die neu formierte Mannschaft ganz ordentlich aus der Affäre gezogen. Aber seit Beginn der Punktspiele wirkt das gegnerische Gehäuse wie vernagelt. Da nützt offenbar auch der gepflegte Rasen nichts, der im vergangenen Frühjahr mit einer komfortablen Beregnungsanlage ausgestattet wurde.

„Irgendwie ist zurzeit der Wurm drin“, sagt Vorsitzender Marco Husmann, der sich mit seinen Vorstandskollegen alle Mühe gibt, um für gute Rahmenbedingungen rund ums Vereinsheim zu sorgen. Sie machen den Kickern keine Vorwürfe, zumal das Team nach der letzten Saison gleich mehrere Offensivkräfte verloren habe. Sportlicher Erfolg sei zwar schön, stehe aber nicht an erster Stelle. Wichtiger sei es, dass die Mitglieder Freude an den Aktivitäten und der Gemeinschaft hätten und auch die Nachwuchsarbeit, die aktuell forciert werde, wieder mehr Aufmerksamkeit gewinne. „Dafür lohnt es sich, sich ehrenamtlich zu engagieren“, so Husmann.

Eckhardt Kotrade, der die Mannschaft zur neuen Saison übernommen hat, betreibt Ursachenforschung: „Ab der Mittellinie sind wir etwas planlos.“ Nach den ersten hohen Niederlagen würden sich die Spieler nicht mehr richtig hinten raustrauen, weil sie möglicherweise Angst hätten, noch mehr Tore zu kassieren. Und wenn sie ins letzte Drittel kämen, würden sie zu viel nachdenken und die Chancen vergeben. „Es fehlt etwas an Mut“, meint der 54-jährige Trainer.

„Gegen Mörsen-Scharrendorf haben wir ein gutes Spiel gemacht, hätten zwei bis drei Tore machen müssen“, so der Coach weiter. Doch am Ende gab es wieder nur eine Nullnummer. „Wenn du unten drinstehst, gehen die Bälle einfach nicht rein“, sagt Mannschaftskapitän und Torwart Marian Kammann, der in der laufenden Saison schon 42 Mal hinter sich greifen musste. „Wir versuchen, die Sache mit Humor zu nehmen. Aber der Ehrgeiz ist weiterhin vorhanden. Aufstecken tut bei uns keiner“, erklärt der Keeper.

Einige Fans am Spielfeldrand können sich noch an die glorreichen Zeiten erinnern, als der TSV Cornau in der Bezirksklasse spielte. Damals hatte Hansjörg „Jockel“ Behrens noch seine Stiefel für den Dorfclub geschnürt. „Torflaute kenne ich überhaupt nicht“, sagt der frühere Offensivmann schmunzelnd. Ob es damals wirklich keine Nullnummern gab, darf bezweifelt werden, aber mit einer anderen Aussage könnte der heute 68-Jährige durchaus richtig liegen: „Man muss das Tor erzwingen und Selbstvertrauen haben.“

Ein Bundesligist hätte vermutlich schon einen Mental-Coach engagiert, um die Blockade aus den Köpfen der Profis zu bekommen. Aber den Amateuren in Cornau liegt eine solche Lösung fern. Obwohl: Ein Diplom-Psychologe wohnt nur wenige Kilometer entfernt im Flecken Barnstorf. Es handelt sich um Jürgen Kramer, der sogar eine Affinität zum Fußball hat und schon als kleiner Junge bei Westfalia Herne aktiv war. „Ich habe damals bei Hans Tilkowski die Bälle hinterm Tor geholt, wenn die Mannschaft trainiert hat“, erinnert sich der Aldorfer. Später sei er als Linksaußen unterwegs gewesen, habe zuletzt in der Alten Herren des TSV Drentwede gespielt.

Was macht das mit einer Mannschaft, wenn Tore als Erfolgserlebnis ausbleiben? Wie steht es um die Motivation? Und wie können die Spieler den Kopf wieder nach oben bekommen? „Auf diese Fragen gibt keine einfachen Antworten“, sagt Kramer. Aber wichtig wäre in der aktuellen Phase, dass sich das Team die Erlaubnis gebe, sowohl abzusteigen als auch kein Tor mehr zu schießen, also die Freiheit bekomme, nichts mehr zu müssen und somit den Druck zu reduzieren. „Freudig spielen dürfen, egal wie es ausgeht. Den ganzen Leistungsgedanken einfach in der Kabine lassen“, rät der Psychologe, wohlwissend, dass es schwer ist für die Kicker.

Wenn die Truppe solche Tipps beherzt, könnte vielleicht schon am morgigen Sonntag der Knoten platzen. Die Cornauer müssen bei der SG Diepholz II antreten. Im Hinspiel gab es eine derbe 0:8-Schlappe, aber warum sollte es diesmal nicht besser laufen? Wetten auf den ersten Saisontreffer gebe es bisher nicht, sagt der Trainer. Aber er könne sich vorstellen, was auf dem Sportplatz passiert, wenn der Ball im Netz zappeln sollte: „Denjenigen, der das erste Tor schießt, müssen wir erst mal wieder einfangen...“

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