Ausnahmetalent Jan-Phillip Kock ist fordert Hillebrand-Orgel heraus

„Tausendfüßler“ an Tastatur-Etagen und Pedalen

+
Begeisterter Schlussapplaus für den jungen Organisten.

Brauns-Bömermann - Von Simone. Er hatte keine Zeit seinen Schnürschuh neu zu binden, der offene Schnürsenkel wurde nicht zum Fallstrick, zum Hemmnis an den Fußpedalen der Hillebrand-Orgel in der Kirche St. Veit zu Barnstorf. Der Tanz, den der junge Organist Jan-Phillip Kock tanzte mit der Orgel, erlaubte keine Pause. Der Genuss-Stau, den etwa 65 Zuhörer in spontanem Aufstehen, Umdrehen zur Orgel und Applaudieren nach dem Konzert entluden, entsprach dem Premium-Prädikat.

Das außergewöhnliche Konzert forderte vom Musiker, seiner Lehrerin Meike Voss-Harzmeier (Kantorin in St. Veit Barnstorf und St. Nicolai Diepholz) und dem Publikum sehr viel Konzentration, spendete Hochgenuss. Voss-Harzmeier hatte noch darauf hingewiesen, dass die freiwilligen Spenden nach dem Konzert am Ehrenamtswochenende, an dem auch Kock auf seine Gage verzichtete, für die Säuberung und Restaurierung der Orgel in St. Veit eingeplant sind. „Denn die Zungen, und das hören wir Organisten ganz genau, springen manchmal nicht richtig an“, war ihre Begründung.

Doch es schien, der Jazz hatte die Orgel gepackt und alles lief wie am Schnürchen. Mit dem konträren Programm, der Aneinanderreihung von zwei Suiten aus ganz unterschiedlichen Epochen, flankiert durch drei zeitgenössische Jazz-Präludien für Orgel, einer romantischen „Fantaisie“ und einem gesungenen hochzeitlichen Gedicht „Cantilène nuptial“ überraschte Kock in der Auswahl und in seiner akribischen und künstlerischen Ausführung.

Dass er musikalisch an Orgel, in Chor und Sologesang unterwegs und hochgradig engagiert ist, während seines Dualen Studiums, war vielen Gästen bewusst. „Wir wussten allerdings bis heute nicht wirklich, welche Perle wir in Barnstorf unter uns haben“, wie es im Publikum hieß, drückte Dank und Hochachtung an den jungen Künstler aus. Kock schlüpfte in die Hülle eines scheinbaren „Tausendfüßlers“ an Tastatur-Etagen und Fußpedalen. Zwei Hände und zwei Füße reichten real zu den Jazz-Präludien und der „Suite Jazzique“ in fünf Sätzen des zeitgenössischen Komponisten Johannes Matthias Michel nicht aus.

Heike Voss-Harzmeiers Augen beim Mitlesen der Noten und ihre Hände halfen, die Register zu ziehen, Literatur umzublättern. Es entstand ein Gesamtkunstwerk an vier Händen und zwei Füßen. Und nicht zu vergessen das Schließen der Türen der „Kleinen Pfeifen“, wenn zu den Toccaten der Suiten nicht mehr benötigt. „Ganzheitlich an Körper und Seele“ so könnten die musikalischen Aktionen beschrieben werden.

Aber nicht nur Kock outete sich einmal mehr als großes Talent, auch die Orgel bestach als Multitalent innerhalb der Musikgenres. Im „Menuet jazzique“ von Michel als Pendant zum „Menuet gothique“ von Boellmann imitierte sie ein ganzes Kammerorchester mit Kontrabass und Co. Das Prière (das Gebet) bei Michel klingt chillig, ähnlich der „Elevatormusic“, die „Cantilène nuptial“ wie Gesang und Perlenglanz. Die Toccata super schnell, jazzig und mit Swing erfüllt. In die Mauern von St. Veit drangen nicht häufig zu hörende Klänge.

Mit César Francks „Fantaisie“ offenbarte sich ein Traum mit lichten und dunklen Momenten, mit der „Cantilène nuptiale“ von Théodore Dubois eine Umarmung eines Sommersonntages, ein Spaziergang der Verliebtheit und Träumerei à la Debussy. Boellmanns „Grand Choeur“ (großer Chorraum) inbrünstig und kräftig und die Hillebrand-Orgel war ordentlich durchgepustet. Tiefe gotische Pfeifenklänge und ein höfischer Tanz: Das Menuett. Das Prière von Boellmann eine Liebeserklärung an Notre Dame, eine Art Gebet, lieblich, verspielt.

Wie wunderbare Orgelliteratur existiere, dachten sich die Zuhörer ganz sicher, denn wer hätte gedacht, dass die „Hillebrand“ sowohl das kleinschrittige Menuett und den großrahmigen lasziven Bossa Nova tanzen könne? Sie konnte noch mehr, wenn man sie und Jan-Phillip nur ließ: Swing, Jazz, Afro-Cuban. Einfach nur phänomenal, das Duo Hillebrand/Kock.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Alpaka-Nachwuchs in Rethem

Alpaka-Nachwuchs in Rethem

Tourbus unter dem Hammer: Reisen wie einst die Kelly Family

Tourbus unter dem Hammer: Reisen wie einst die Kelly Family

Personaler verraten: So sieht der perfekte Bewerber aus

Personaler verraten: So sieht der perfekte Bewerber aus

„Lenna” im Kurpark

„Lenna” im Kurpark

Meistgelesene Artikel

Philip Sander löst Simon Hammann als Schützenkönig von Twistringen ab

Philip Sander löst Simon Hammann als Schützenkönig von Twistringen ab

Twistringer Schützen erleben Marathon der Glückseligkeit

Twistringer Schützen erleben Marathon der Glückseligkeit

Neues Königspaar in Twistringen gekürt

Neues Königspaar in Twistringen gekürt

„Lenna“ begeistert – auch bei Regen und Gewitter

„Lenna“ begeistert – auch bei Regen und Gewitter

Kommentare