Selbsthilfegruppe für Angehörige ermöglicht Austausch

„Aus dem Schatten der Sucht treten“

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Ein Plakat macht auf die Gruppe aufmerksam.

Barnstorf - Von Simone Brauns-Bömermann. Überfordert, machtlos, allein gelassen: So fühlen sich viele Angehörige von Suchtkranken. Sie sind bedrückenden Umständen ausgeliefert, leiden unter Alkohol-, Drogen- oder Spielsucht von nahestehenden Menschen und brauchen oft selbst Unterstützung. Eine nützliche Anlaufstelle gibt es unter dem Dach des Mehrgenerationenhauses in Barnstorf, wo sich zweimal pro Monat die Selbsthilfegruppe für Angehörige von Suchtkranken trifft.

„Die regelmäßigen Treffen sind wie ein stützendes Korsett“, sagt Gruppenleiterin Käthe Ellmann, die ihre persönlichen Erfahrungen in die Runde einbringt. Sie selbst kennt Alkoholprobleme aus der Familie, ihr Partner ist mittlerweile seit 30 Jahren trocken. Seit nunmehr zwölf Jahren engagiert sie sich im Blauen Kreuz der evangelischen Kirche, wo sie ebenfalls das Gespräch mit anderen Angehörigen führt.

Dilemma Co-Abhängigkeit

Die Selbsthilfegruppe im Mehrgenerationenhaus besteht seit Anfang 2000. Hier zeichnete sich einige Jahre später ein Wechsel ab. Als eines Tages die Frage kam, ob sie die Leitung der Gruppe übernehmen wolle, habe sie erst einmal abgewunken, erinnert sich Ellmann ganz genau. Ihre Antwort: „Nein, das kann ich ohne einen guten Rucksack an Wissen und Handwerkszeug nicht“. Sie absolvierte zunächst eine Weiterbildung zum ehrenamtlichen Suchtkrankenhelfer, nahm dann an zahlreichen Fortbildungen teil, bevor sie in die verantwortungsvolle Position rückte.

Gemeinsam mit Käthe Ellmann hat Rabea Urban eine Moderatoren-Ausbildung für Gruppenarbeit absolviert und fühlt sich seitdem im Umgang mit den Teilnehmern sicherer. „Wir können mit den erlernten Techniken einer Gruppe sehr viel besser helfen“, berichtet Urban. Auch sie kennt das Dilemma einer Beziehungsabhängigkeit, die früher als co-abhängig beschrieben wurde.

„Mein Vater war Alkoholiker in einer Zeit, die mich als Kind prägte“, sagt Urban. Ihr sei wichtig, Vorbild für ihre eigenen Kinder zu sein, Präsenz zu zeigen und auch Grenzen in der Erziehung zu setzen. Aus gutem Grund, denn Grenzen werden von Suchtkranken oft und weit überschritten. Davon können neben der jungen Mutter auch andere Teilnehmer der Selbsthilfegruppe ein Lied singen.

Gruppen-Motto: Angehörige helfen Angehörigen

„Wir hören in der Gruppe zu und versuchen zu verstehen. Bei uns können Angehörige aus dem Schatten der Sucht treten“, unterstreicht Ellmann, die stets ein offenes Ohr für Hilfesuchende hat. In der ersten Not werde den Angehörigen ein Erstgespräch unter vier Augen angeboten. „Das ist manchmal wie bei einem Schnellkochtopf, der unter zu viel Druck geöffnet wird“, sagt die Leiterin.

Vertrauen und Verschwiegenheit seien die Basis, denn das Prinzip der Gruppe lautet: Angehörige helfen Angehörigen. „Alles, was wir besprechen, bleibt unter uns. Wir nehmen uns ernst“, betont Urban. Ist ein Hilfesuchender in der Gruppe angekommen, ist die Verweildauer unterschiedlich, je nach Lebenssituation, Charakter und Krankheitsverlauf.

Der Leidensdruck äußert sich immer wieder durch die gleichen Symptome. Die Angehörigen übernehmen Verantwortung für den Abhängigen, sie entschuldigen und vertuschen das Verhalten und passen den eigenen Lebensstil an die Suchtgewohnheiten an. Aber das ist nicht alles: Die Partner oder Eltern, oft auch Kinder, übernehmen die Aufgaben der Suchtkranken und sie entwickeln Schuldgefühle.

Die Gruppe als Kraftquelle für den Alltag

Die Folge ist, dass sich Angehörige selbst seelisch und körperlich krank fühlen. Häufige Begleiterscheinungen der schweren Bürde einer Beziehungssucht seien Essstörungen, Depressionen und psychosomatische Erkrankungen, schildert Ellmann. Aber sie ist davon überzeugt: „Wenn die Menschen den ersten Schritt zur Selbsthilfegruppe getan haben, kann es in kleinen Schritten bergauf gehen“.

„Ich kam zur Selbsthilfe, weil ich dem Ursprung meiner negativen Erfahrungen auf den Grund gehen wollte“, sagt Rabea Urban. Auch Bernhard Neteler hat positive Erfahrungen gemacht. Er ist sogar in zwei Gruppen aktiv, in einer gemischten Gruppe mit seiner Frau und in der reinen Angehörigengruppe in Barnstorf. Das sei für ihn der Rückzugsort, die Kraftquelle für den Alltag, sagt er.

Die Treffen sind jeden ersten und dritten Dienstag um 20 Uhr im Mehrgenerationenhaus. Voraussetzungen zur Teilnahme sind Volljährigkeit und keine Abhängigkeit. Nähere Informationen gibt es in der örtlichen Selbsthilfekontaktstelle (Tel. 05442/803670 oder E-Mail: selbsthilfe@igel-barnstorf.de) und direkt bei Käthe Ellmann (Tel. 05442/803070)

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