Pro Asyl im Landkreis Diepholz tritt den Werbeversuchen von Salafisten entgegen

Aufklärung gegen blinden Hass

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Broschüren wie diese auf dem Bild haben Rahmi Tuncer und seine Helfer in den Flüchtlingsuntrkünften im Landkreis Diepholz gefunden.

Landkreis Diepholz - Von Julia Kreykenbohm. Sie kommen aus Bremen, Vechta und aus dem Kreis Nienburg. Ihre Botschaft ist der Hass. Ihre Ziele: Menschen, die alles verloren haben und auf der Suche nach Schutz sind. Salafisten versuchen, die Not der Flüchtlinge, die in den Landkreis Diepholz kommen, für ihre Zwecke zu missbrauchen und sie für ihre Gruppierung zu gewinnen. Sie signalisieren den entwurzelten Menschen: Bei uns findet ihr Anschluss.

Rahmi Tuncer

Doch bislang beißen sie größtenteils auf Granit, wie Rahmi Tuncer, Integrations- und Migrationsberater von Pro Asyl für den Kreis Diepholz stolz berichtet. Denn es waren die Flüchtlinge selbst, die ihn und seine Mitstreiter darauf aufmerksam machten, dass seltsame Flyer in den Unterkünften aufgetaucht seien. „Diese waren allerdings in Deutsch und Arabisch gedruckt, sodass viele Flüchtlinge sie nicht lesen konnten.“ Tuncer bemerkte schnell, welchen Zweck sie erfüllen sollten. „Unter anderem waren dort Internetadressen von Homepages von Salafisten gedruckt, wie zum Beispiel Pierre Vogel.“ Die Frauen, die als Integrationslotsinnen arbeiten, wurden von den Salafisten vor den Flüchtlingen als „Huren“ bezeichnet. Tuncer und seine Mitstreiter wurden sofort aktiv, richteten kleine Gruppen ein, in denen sie mit den Flüchtlingen sprachen. Die Arbeit trug Früchte: „Die Flüchtlinge haben sich nicht nur von der Botschaft der Salafisten distanziert, sondern haben sogar die Tür blockiert, als diese noch einmal die Unterkunft betreten wollten.“

Genau das ist es, was Tuncer mit seiner Arbeit erreichen will: Durch Aufklärung die Leute selber in die Lage bringen, sich gegen die Argumente von Salafisten zu wehren. „Denn das, was diese Idioten lehren, hat nichts mit dem Islam zu tun, wie ihn die meisten Muslime interpretieren.“ Mittlerweile haben sich die Salafisten aus dem nördlichen Kreis weitestgehend zurückgezogen. Ein Erfolg – doch für Tuncer kein Grund, nachzulassen. Gegen blinde Ideologie helfe nur Aufklärung. „Wir brauchen den Koran in allen Sprachen, damit jeder selbst lesen kann, dass das, was die Salafisten predigen, dort nicht steht.“ Muslime, die unsicher sind, ob sie sich richtig verhalten, können sich jederzeit an ihn wenden.

Außerdem sei es wichtig für die Muslime, öffentlich zu zeigen, dass sie sich von den Taten des Islamischen Staates (IS) distanzieren. Nach den Anschlägen von Paris gewinne dies eine besondere Brisanz. „Ich weiß aus Gesprächen, dass die Muslime hier diese Verbrechen verabscheuen, aber sie müssen das nun auch deutlich machen. Daher suchen Muslime mit Pro Asyl zusammen nach Möglichkeiten, wie sie dies auch in der Öffentlichkeit tun können. Dazu sind mehrere Aktivitäten für das Jahr 2016 in Kooperation mit Integrationslotsinnen aus dem gesamten Kreis geplant“, berichtet Tuncer. Dem Integrations- und Migrationsberater liegt am Herzen, dass Muslime nicht automatisch mit den IS-Kämpfern auf eine Stufe gestellt werden.

Um das Zusammenleben der Kulturen noch stärker voranzutreiben und so ein breites Bündnis gegen Fanatismus und Hass zu schaffen, müsse man noch mehr aufeinander zugehen und voneinander lernen. „Wir haben beispielsweise eine Zeit lang viel mit Pastoren zusammengearbeitet. Leider ist das wieder im Sande verlaufen“, so Tuncer. Er möchte diese Arbeit gerade jetzt um die Weihnachtszeit wieder aufleben lassen. „Pastoren könnten zu uns kommen oder Muslime besuchen eine Kirche. Wir könnten gemeinsame Gottesdienste gegen Gewalt, Hass und Kriege machen. So entsteht ein lebendiger Austausch zwischen Religionen.“

Zudem möchte er im Februar gemeinsam mit verschiedenen Beratungsstellen und den Integrationslotsen eine Art Fortbildung für Lehrer, Erzieher und alle Interessierten anbieten. Dabei werden Probleme besprochen, wie sie im Alltag zwischen Menschen unterschiedlicher Kulturen entstehen können. „Jeder kann Fragen stellen und wir versuchen, sie gemeinsam zu beantworten.“ Tuncer lächelt: „Man könnte fast sagen, dass wir möchten, die Barrieren zwischen den ,richtigen Kindern Gottes‘ – also den Menschen, die für Demokratie und ein friedliches Zusammenleben stehen – abzubauen.“

Kontakt

Pastoren, die Interesse an einer Zusammenarbeit haben, können sich bei Rahmi Tuncer in Barnstorf unter Telefon 05442 8045-30 (Montag 14 bis 17 Uhr) oder per E-Mail melden: rahmi-tuncer@welthaus-barnstorf.de

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