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Auf Tuchfühlung: Barnstorfer Kirchengemeinden pflegen Hungertuch-Tradition

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Von: Simone Brauns-Bömermann

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Beteiligte am diesjährigen Kunstprojekt: (von links) Anne Kock, Maria-Theresia Böcker, Gabriele Rattay, Christiane Roth, Friederike Schierholz, Bruni Meier, Anette Wilms, Dr. Ansgar Stolte, Reinhard Börger und Jana Wilde.
Beteiligte am diesjährigen Kunstprojekt: (von links) Anne Kock, Maria-Theresia Böcker, Gabriele Rattay, Christiane Roth, Friederike Schierholz, Bruni Meier, Anette Wilms, Dr. Ansgar Stolte, Reinhard Börger und Jana Wilde. © Simone Brauns-Bömermann

Seit zwölf Jahren verdeckt ein Hungertuch zur Fastenzeit den Altar in der katholischen Kirche Barnstorf. Jetzt erscheint ein dazugehöriger Katalog.

Barnstorf – Eines der seit 2011 in Barntorfs Ökumene entstandenen Hungertücher eignet sich als Vorlage für ein Kirchenfenster. Wie das von 2012 mit Titel „Engel Gottes mit Opferlamm. „Jesus im Schlachthof“ von 2019 taugt vor jeder Großschlachterei als Demonstrationsplakat.

Barnstorfs Kirchenökumene erstellt die Hungertücher

Die zwölf Hungertücher, die in Barnstorfs Kirchenökumene zwischen der katholischen Kirche St. Barbara und Hedwig und der evangelischen St. Veit-Gemeinde entstanden und zur Fastenzeit den Altar in der katholischen Kirche verhüllen, haben eins gemein: Sie nahmen alle aktuelle Themen und Missstände in der Gesellschaft oder der Welt auf.

Jetzt ist das neueste Hungertuch fertig geworden. Dies wird am ersten Passionssonntag, 6. März, den Altar in der katholischen Kirche verhüllen. Am Nachmittag um 16 Uhr wird taggleich die Ausstellung „Auf Tuchfühlung“ eröffnet. Zu sehen sein werden die elf weiteren Fastentücher von 2011 bis 2021 in dem Rundbau der Kirche. Zu der Ausstellung der ökumenischen Künstlergruppe um Reinhard Börger ist ein Kunstkatalog erschienen, den die aktuelle Künstlergruppe am Donnerstag den Pastoren Dr. Ansgar Stolte (St. Barbara und Hedwig) und Torben Schröder (St. Veit) übergab. Beide zeigten sich stolz, dass die Tradition die Dekade bereits überschritt und trotz wechselnder Besetzung „bei der Stange“ hält.

Zehn Autoren für Hungertuch-Katalog gewonnen

Zur Beschreibung der Bewegung und der „Schmachtlappen“, die die Gruppe hervorbrachte, hatte Börger für den Katalog zehn Autoren gewinnen können. Unter ihnen die aktuellen Pastoren Ilka Strehlow, Torben Schröder und Ansgar Stolte sowie die Pastorale Koordinatorin in Twistringen Doris Rattay aus Barnstorf – aber auch Priester und Pastoren aus der Nachbarschaft und ehemalige.

Ein Vorwort im Katalog entlockte Börger Generalvikar des Bistums Osnabrück Ulrich Beckwermert. „Ich bin dankbar für das künstlerische Engagement in den ökumenischen Weiten unserer Kirche. Seit mehr als zehn Jahren machen sich Frauen und Männer auf den Weg, aktuelles Zeitgeschehen mit Inhalten der Heiligen Schrift künstlerisch in Verbindung zu setzen“, schreibt er. Beckwermert sei überzeugt, dass die Gruppe in Barnstorf durch ihre Aktionen einen nachhaltigen Weg gefunden hat, Kirche und Gesellschaft konstruktiv mitzugestalten.

Die eigene Broschüre unter der Lupe: Mitglieder der Künstlergruppe stecken die Köpfe mit Maske zusammen und erklären Pastor Dr. Ansgar Stolte (2.v.r.), wer seit Beginn 2011 dabei war. Zum Beispiel Bruni Meier (3.v.r.).
Die eigene Broschüre unter der Lupe: Mitglieder der Künstlergruppe stecken die Köpfe mit Maske zusammen und erklären Pastor Dr. Ansgar Stolte (2.v.r.), wer seit Beginn 2011 dabei war. Zum Beispiel Bruni Meier (3.v.r.). © Simone Brauns-Bömermann

Das aktuelle Passionstuch erstrahlt in OP-Blau, nämlich in der Großform als „Maske“ zugeschnitten und mit zahlreichen OP-Masken beklebt. In der Mitte ist ein lilafarbenes Kreuz, umrankt von gelb-orangenen Strahlen mit Leuchtkraft. „Das Kreuz steht für die Hoffnung. Die Masken für die Entbehrung, Entfernung und die Erschwernisse in der Corona-Pandemie“,so Börger.

Die vielen Masken erscheinen flächig und versprühen eine fast freundliche Stimmung. Sie sind aber ein klares Zeichen der Zeit. Auf einem Nebentisch liegt der Entwurf von Börger in Aquarell. Die Gruppe war mit dem Vorschlag sofort einverstanden und machte sich gemeinsam an die Arbeit.

Hungertuch verhüllt ab 6. März den Altar der katholischen Kirche

Wenn das Tuch Anfang März in der Kirche vor dem Altar hängt, um die vertrauten Sehgewohnheiten während der Fastenzeit zu unterbrechen, wird es bekannt und doch unbekannt erscheinen: Bekannt durch die Masken, aber mit der Frage behaftet „Wie lange noch oder warum kam das Virus über uns?“.

„Kunst ist frei, sie muss nicht gefallen und sie darf nicht dienen“, heißt es von Seiten der „Brüsseler Erklärung“ für die Freiheit der Kunst aus 2018. Dies gilt auch für die Hungertücher in Barnstorf. Wenn sich das Tuch von 2014 gegen Hungerlöhne und schlechte Bedingungen der Textilarbeiter positioniert und Doris Rattay sich dazu fragt: „Was ist den fair?“ Oder 2015 die Flüchtlingsbewegung behandelt wird. 2017 widmete die Gruppe dem „Aufbruch und Erneuerung“ im Gedenkjahr zur Reformation. Die Gruppe wertete das Jahr als „Christusjahr“ mit Sinn: Statt Trennen und Spalten, Verbinden und Versöhnen.

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