Arzneimittel-Budget überschritten / Zwölf Praxen im Landkreis müssen Nachzahlungen fürchten / Lanzendörfer: „Irrsinn“

Arztpraxis droht 287 300 Euro Regress

+
Christoph Lanzendörfer.

Von Anke SeidelLANDKREIS DIEPHOLZ · Weil sie ihren Patienten optimal helfen wollten, sollen Ärzte finanziell bluten: Zwölf von 40 Praxen im Landkreis Diepholz droht der Regress, weil sie ihre Arzneimittel-Budgets überschritten haben – um Beiträge zwischen 13 142 und 91 321 Euro.

Diese Zahlen nannte gestern ein Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) in Verden. Deren Kreisstellenleiter, Dr. Christoph Lanzendörfer, korrigiert die Summen deutlich nach oben: „Ich weiß von einer Arztpraxis im Landkreis, bei der es um 287 300 Euro geht.“ Angesichts einer solchen Bedrohung habe in Niedersachsen mindestens schon eine Praxis aufgegeben, sagt Lanzendörfer. Er berichtet ebenso vom zwei Jahre zurückliegenden Freitod eines Kollegen: „Er sollte 600 000 Euro zurückzahlen, weil eine Bescheinigung fehlte.“

An Beispielen aus seiner Praxis erläutert Lanzendörfer, warum nicht nur Regress bei Richtgrößen-Überschreitung fatale Folgen haben kann. Denn es gibt genauso Vorgaben für Leitsubstanzen, sprich Wirkstoffe in Arzneimitteln, die Ärzte bevorzugt verordnen sollen. Beispielsweise für Diabetiker mit oralen Antidiabetika bedeute das: „90 Prozent der Patienten sind von modernen Medikamenten ausgeschlossen.“

Als „Horror“ bezeichnet Lanzendörfer die dritte Fessel, das Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz (AMNOG). Denn es verpflichte Apotheker, nur Medikamente an Patienten herauszugeben, mit denen die Krankenkassen Rabattverträge haben. Die zwangsläufig wechselnden Inhaltsstoffe (Rabattverträge ändern sich) könnten bei allergischen Reaktionen der Patienten lebensgefährliche Folgen haben. Das habe er selbst schon erlebt, so der Mediziner. Als „Irrsinn“ bezeichnet er die Vorgaben, die er für die Behandlung von Patienten einhalten muss: „Ich darf in einem Vierteljahr nur fünf Notfälle behandeln.“ Und eine weitere Vorgabe komme für ihn einem Berufsverbot gleich: „Ich darf nur eine Stunde Psychotherapie geben in einem Vierteljahr.“

Welche gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen wären für Ärzte und Patienten geboten? Lanzendörfer plädiert für eine Gesamtbürgerversicherung mit individuellen Zusatzbeträgen. Außerdem: „Wir brauchen nicht 'zig Krankenkassen, wir haben ja auch nur eine Rentenversicherung.“

Durch eine grundlegende Reform flösse auch mehr Geld ins Gesundheitssystem. Denn die Verwaltungsausgaben der Krankenkassen lägen heute bei 23 Prozent. Fast jeder vierte Euro fließt also in die Verwaltung. Vor allem in die Kontrolle, betont Lanzendörfer – zum Beispiel der besagten Notfall-Behandlungsgrenze.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Haalands Traumdebüt rettet BVB - Leipzig siegt gegen Union

Haalands Traumdebüt rettet BVB - Leipzig siegt gegen Union

UN-Libyenbeauftragter fordert Abzug ausländischer Kämpfer

UN-Libyenbeauftragter fordert Abzug ausländischer Kämpfer

"Wir haben es satt!": Tausende fordern neue Agrarpolitik

"Wir haben es satt!": Tausende fordern neue Agrarpolitik

Fotostrecke: Werders Befreiungsschlag in Düsseldorf

Fotostrecke: Werders Befreiungsschlag in Düsseldorf

Meistgelesene Artikel

Erfolg für gleichgeschlechtliche Partnerschaften: Chance auf Renten-Nachzahlung

Erfolg für gleichgeschlechtliche Partnerschaften: Chance auf Renten-Nachzahlung

Straße „Am Deepenpool“ voraussichtlich bis 24. Januar gesperrt

Straße „Am Deepenpool“ voraussichtlich bis 24. Januar gesperrt

Dorfverein Hüde investiert rund 25. 000 Euro in Neugestaltung des Dorfplatzes

Dorfverein Hüde investiert rund 25. 000 Euro in Neugestaltung des Dorfplatzes

Dieter Bohlen vergleicht DSDS-Kandidatin mit Jury-Kollegen - und ist entzückt

Dieter Bohlen vergleicht DSDS-Kandidatin mit Jury-Kollegen - und ist entzückt

Kommentare