Bis zu 250 Abhängige pro Jahr in der Bassumer Fachklinik Sucht/Vier Prozent Abbrecher/Vernetzung enorm wichtig

Ein Wendepunkt im Leben

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Sorgen für Hilfe, wenn Menschen mit einer Suchtkrankheit zu kämpfen haben: (v.l.) Luise Turowski (Geschäftsführerin Bethel im Norden), Martin Hoppe ( Leiter der Fachklinik Bassum), Thomas Pilz (Geschäftsführer der Alexianer-Kliniken im Landkreis Diepholz) und Gunther Eichstädt (ärztlicher Leiter der Fachklinik Bassum).

Bassum - Von Anke Seidel. Manchmal ist es ein häuslicher Unfall, manchmal der Verlust des Führerscheins – Schicksalsschläge, die wichtige Wendepunkte im Leben sein können. Nämlich dann, wenn sie die Alkoholabhängigkeit eines Menschen ans Tageslicht bringen – und der Abhängige mutig diese Chance nutzt, sich der Krankheit zu stellen. Genau dazu entscheiden sich pro Jahr bis zu 250 Patienten in der Fachklinik Sucht in Bassum, in direkter Nachbarschaft zur Alexianer Klinik.

Nicht nur räumlich sind Krankenhaus und Fachklinik Partner, sondern auch inhaltlich. Gemeinsam betreiben Bethel im Norden und die Alexianer im Landkreis Diepholz diese Einrichtung, die seit nunmehr siebeneinhalb Jahren Menschen den Ausstieg aus der Sucht ermöglicht. Somatische Behandlung, Psychiatrie und Rehabilitation wie aus einem Guss: „Das war damals bundesweit das erste Projekt, in dem alles zusammen angeboten wurde“, erinnert sich Thomas Pilz als Geschäftsführer der Alexianer Kliniken im Landkreis Diepholz.

Engagiert hatte er sich damals für diese Lösung eingesetzt, arbeitet seitdem in der Gesellschafterversammlung mit. Denn die Alexianer sind mit 30 Prozent an der Suchtklinik beteiligt. Weil Thomas Pilz zum Jahresende als Geschäftsführer ausscheidet (wir berichteten), blickte er gestern noch einmal gemeinsam mit Luise Turowski (Geschäftsführerin Bethel im Norden), Martin Hoppe (Leiter der Fachklinik Bassum) und Chefarzt Gunther Eichstädt auf die Entwicklung und die Erfolge der Klinik zurück.

Laut Gunther Eichstädt sind es zu 99 Prozent Alkoholkranke, die in der Suchtklinik ihre Krankheit hinter sich lassen und Fähigkeiten für ein neues, selbstbestimmtes Leben entwickeln wollen. Den meisten Patienten gelingt das: „Die Abbrecherquote liegt bei vier Prozent“, berichtet der Chefarzt. Entschlossenheit bringen alle mit, die sich in Bassum behandeln lassen: „Wir arbeiten nur mit freiwilligen Patienten.“

Am Anfang der Behandlung steht die Entgiftung in den Kliniken Twistringen oder Diepholz. In der Fachklinik Bassum mit ihren 66 Plätzen betreuen Ärzte, Psychologen, Krankenpfleger und Sozialarbeiter die Patienten: 30 Mitarbeiter (fast 20 Vollzeitstellen).

Ihre Patienten haben in der Regel eine lange – oft sorgfältig verborgene – Leidensgeschichte hinter sich. Zwischen elf und 15 Jahre lang sei diese Leidensgeschichte im Schnitt, so Martin Hoppe als Leiter der Klinik. Erst dann würden die Betroffenen Hilfe erhalten. Meist sind es Männer, durchschnittlich 40 Jahre alt. Viele hätten gleichzeitig eine Cannabis-Problematik, fügt Eichstädt hinzu.

Nur ein Fünftel der Patienten seien Frauen, sagt Hoppe. Ihre Leidensgeschichte sei in der Regel zwar kürzer, dafür bekämen sie aber schwerer Zugang zu Hilfsangeboten.

Dabei ist schnelle Hilfe ein enormer Faktor für den erfolgreichen Ausstieg aus der Sucht: „Wenn das Tal noch nicht so tief ist, dann ist der Aufstieg leichter“, formuliert es der Chefarzt.

Immer wieder kommt während einer „normalen“ Behandlung im Krankenhaus eine Alkoholabhängigkeit ans Tageslicht. Das Blutbild könne ein wichtiger Hinweis sein. „Aber es ist eben nur ein Hinweis“, betont Eichstädt. Ob im Krankenhaus oder auch bei möglichen Alkoholkranken in einer Firma: Sensibilität sei außerordentlich wichtig, so Thomas Pilz. „Das Thema muss man vorsichtig anpacken, damit der Mensch geschützt wird.“ Es brauche eine Atmosphäre, „das Thema Sucht positiv zu platzieren. Das haben wir über all die Jahre geschafft!“

Die Klinik sei gut vernetzt und verortet im Landkreis Diepholz, betont Luise Turowski (Geschäftsführerin Bethel im Norden). Das gilt auch für die Nachsorge nach der in der Regel dreimonatigen Behandlung: Die Fachklinik arbeitet sowohl mit den Suchtberatungsstellen als auch mit den Selbsthilfegruppen zusammen. Sie seien enorm wichtig, betonen die Fachleute.

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