Interview

Christopher von Deylen spricht über das Reisen, die Freiheit und Bremen

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Bremen kennt er gut: Christopher von Deylen, Kopf des Elektronik-Ambient-Pop-Projekts „Schiller“, auf der Dachterrasse des Cafés „Alex“ auf dem Domshof. Im Hintergrund der Wochenmarkt.

Bremen - Von Thomas Kuzaj. Der Musiker Christopher von Deylen, 1970 in Visselhövede geboren, tritt demnächst in der Bremer Stadthalle (ÖVB-Arena) auf – mit seinem Elektronik-Ambient-Pop-Projekt „Schiller“. Das Konzert beginnt am Donnerstag, 23. Mai, um 20 Uhr. Unter dem Motto „Es werde Licht“ feiert der Künstler mit der anstehenden Tournee 20 Jahre „Schiller“ auf der Bühne. Zudem ist auch gerade das neue Album „Morgenstund“ des nach dem Dichter Friedrich Schiller (1759 bis 1805) benannten Projekts erschienen.

Beim Interview im Café „Alex“ auf dem Domshof spricht Christopher von Deylen über das Reisen, über Freiheit und über Bremen. Er nimmt sich Zeit für die Fragen, überlegt, gibt reflektierte Antworten.

Herr von Deylen, Ihre Musik hat viel mit Reisen zu tun, mit dem Klang und den Eigenheiten von Orten. Was verbindet sich für Sie mit Bremen?

Mit Bremen verbindet sich eine Klarheit, die sicherlich viel mit der Luft hier zu tun hat. Ich finde, dass im Norden die Luft klarer ist. Dass man, wenn man tief Luft holt, sich angenehm befreit fühlt.

Erleben Sie das häufiger?

Ein guter Freund von mir wohnt in Bremen, den besuche ich manchmal. Wir machen Spaziergänge an der Weser oder in der neuen Überseestadt. Wenn sich die Weser öffnet, dann könnte man denken, dass Bremen viel näher am Meer liegt als es tatsächlich der Fall ist.

Sie scheinen die Stadt ja ganz gut zu kennen. . .

Ich bin 50 Kilometer von Bremen entfernt aufgewachsen. Bremen ist eigentlich die ideale Großstadt, sie bietet viel Abwechslung auf überschaubarem Raum. Man hat Urbanität und erlebt auch die Natur, das Wasser. Mehr kann man sich von einer Stadt gar nicht wünschen. Und ich schätze die geradlinige Schnörkellosigkeit der Menschen hier.

Es heißt, Sie haben kein festes Zuhause und leben nur aus zwei Koffern. Sind die sehr groß?

Ich habe einen großen und einen mittelgroßen Koffer. Darin ist ein schwarzer Anzug und zwei Laptops – einer für die Musik, einer für Videos, die sich zu meiner Musik mache. Und ein Synthesizer. Das ist seit einigen Jahren mein Hausstand.

Fehlt Ihnen nicht das feste Zuhause als Basis?

Nicht im Geringsten. Ich liebe meine Freiheit. Es gibt kaum Orte auf der Welt, an denen man freier leben kann als hier. Man neigt dazu, das mitunter zu vergessen.

Das bewusste Streben nach Freiheit ist für Sie also ein ganz zentrales Thema.

Ich finde, dass Freiheit ein großes Versprechen ist – aber auch eine Verantwortung mit sich bringt. Was man aus Freiheit macht, ist jedem Einzelnen überlassen. Wie man das ausfüllt, ist eine individuelle Entscheidung. Dass man es ausfüllt, ist eine gewisse Aufgabe. Ich möchte den Freiheitsbegriff so intensiv leben wie möglich. Das Leben aus den zwei Koffern ist aber kein dogmatisches Modell. Es ist einfach im Moment das für mich richtige Modell.

Die Freiheit spiegelt sich ja auch in Ihrer Musik wider. Apropos Musik – auf Ihrem neuen Album „Morgenstund“ sind einige Legenden dabei, Nena zum Beispiel. Und der Elektronik-Pionier Giorgio Moroder. Wie kommen solche Kontakte zustande?

Bei jedem neuen Album stehe ich erstmal vor dem Nichts und versuche, von vorne anzufangen. Ich habe kein Ziel. In dieser Ziellosigkeit lasse ich mich von Dingen beeinflussen. Auf diesem Weg passieren diese Begegnungen dann beinahe von selbst.

Wie begegnet einem denn ein Giorgio Moroder auf diesem Weg?

Seine Plattenfirma hatte mich angesprochen, ob ich einen Remix für ihn machen würde. Als ich dann in München war und er auch, habe ich mich bei ihm vorgestellt. Beim Kaffeetrinken haben wir gemerkt, dass wir offensichtlich auf ähnlicher Wellenlänge denken und fühlen. So kam die Idee auf, etwas über den Remix hinaus zu machen. Etwas Neues. Weil wir beide offenbar noch mehr Spaß an Neuem haben. So kam eins zum anderen, was nur funktioniert, wenn man keinen festen Plan hat.

Also – einfach mal loslegen und gucken, was dann passiert?

Mut wird ja belohnt. Es ist gar nicht so schwer, mal mutig zu sein. Der Titel „Morgenstund“ zum Beispiel bezieht sich auf den täglich wiederkehrenden Neuanfang. Es ist die Möglichkeit, auf der Mikroebene des Lebens die Dinge heute vielleicht etwas anders zu machen als gestern. Mut wird stets belohnt.

„Schillers“ Auftritt 

Mehr als sieben Millionen verkaufte Alben, ausverkaufte Tourneen und Auszeichnungen wie der „Echo“: „Schiller“ gilt als erfolgreichster deutscher Elektronik-Pop-Künstler. Auf der „Es-werde-Licht“-Tour dürften am Donnerstag, 23. Mai, in der Bremer Stadthalle neben Songs aus dem neuen Album auch Hits wie „Das Glockenspiel“ und „Ruhe“ auf dem Programm stehen. „Die Zuschauer erwartet ein 360-Grad-Erlebnis für alle Sinne mit Lichtshow, Video-Performance und elektronischen Klängen“, so der 48-Jährige. Karten: ab etwa 40 Euro bis etwa 85 Euro. kuz

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