Zustrom an Asylbewerbern reißt nicht ab / Zelte auch im Winter / Aufnahmestopp am Wochenende

„Eine historische Herausforderung“

+
Bremen wird im Winter bei der Unterbringung von Asylbewerbern nicht auf Zelte verzichten können, sagte gestern Sozialsenatorin Anja Stahmann. Unser Foto zeigt eine der größten Zeltstädte Bremens an der Otto-Hahn-Allee in Uninähe.

Bremen - Von Elisabeth Gnuschke. Bremen wird auch im Winter nicht auf eine Unterbringung von Asylbewerbern in Zelten verzichten können. Das sagte gestern Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne) bei der Einweihung eines neuen Übergangswohnheims am Niedersachsendamm in Huckelriede. Noch vor einer Woche war das Sozialressort guter Hoffnung gewesen, im Dezember die Zelte abbauenzu können. Übers Wochenende verhängte Bremen einen Aufnahmestopp. „Wir sind voll“, sagte Stahmann am Abend.

Stahmann sprach angesichts des nicht abreißenden Stroms von Flüchtlingen von einer „historischen Herausforderung“. Und: „Wir bewältigen derzeit den größten Zustrom an Flüchtlingen und Asylbewerbern in der Geschichte der Bundesrepublik.“ Die Dimension der Herausforderung werde deutlich, wenn man sich nur drei Daten vor Augen halte, so Stahmann weiter. Im ganzen Jahr 2009 habe Bremen knapp 250 Asylsuchende aufgenommen. „Allein im September 2014 hatten wir schon mehr Flüchtlinge, nämlich 259 in einem einzigen Monat. Und inzwischen kommen manchmal mehr als 300 Menschen an einem einzigen Wochenende“, sagte sie.

Wie am Mittwochabend bekannt wurde, sind seit der „Willkommens-Ankündigung“ von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) allein im September rund 270 000 Asylbewerber nach Deutschland gekommen. Und während Niedersachsen seine Quote bei der Aufnahme noch nicht erfüllt habe, liege Bremen sogar über dem Soll (+800), lobte jedenfalls bei der ARD-Talkshow von Anne Will Thomas Kreuzer, CSU-Fraktionsvorsitzender im bayerischen Landtag. Wegen des Überhangs und voller Asylheime verhängte Bremen jetzt übers Wochenende einen Aufnahmestopp für Asylsuchende, die in Bussen und Bahnen aus München ankommen.

Trotz weiterer Unterkünfte müsse man auch im Winter an den Zelten festhalten, sagte Stahmann. Die Senatorin wörtlich: „Bei aller Anstrengung muss ich doch eingestehen: Das wird unsere Not kaum lindern, wir werden ohne Hallen und Zelte auch über den Winter nicht auskommen.“ Allein im September hat Bremen laut Senatorin 1 580 Asylbewerber registriert sowie 448 unbegleitete minderjährige Jugendliche (UMF). Zudem warteten mindestens 700 Menschen auf die Registrierung in der Zentralen Aufnahmestelle (Zast). Im Jahr 2015 hat das Land laut Stahmann bislang rund 6 000 Asylbewerber aufgenommen, dazu rund 1 400 UMF. Zum Vergleich: Im ganzen Jahr 2014 waren es 2 233 plus 495 UMF, 2013 1 111 Menschen plus 202 UMF). 80 Prozent der Flüchtlinge in Bremen kommen derzeit aus Syrien, zehn Prozent aus Afghanistan, heißt es. Bremen rechnet in diesem Jahr mit mindestens 10 000 Asylsuchenden und 2 000 UMF. In Arbeit ist die Änderung des Polizeigesetzes, um leerstehende Immobilien ab 300 Quadratmeter Größe zu beschlagnahmen.

200 Menschen beziehen in den nächsten Tagen die neuen Wohncontainer in der Übergangsunterkunft am Niedersachsendamm in Huckelriede. Stahmann sagte gestern bei der Schlüsselübergabe: „Als der Beirat im März unseren Planungen für den Komplex zugestimmt hat, wäre die Einrichtung groß genug gewesen, um Asylbewerber eines ganzen Monats aufzunehmen. Inzwischen reicht sie nicht mal mehr für ein einziges Wochenende.“

Die Betreuung stellt die Arbeiterwohlfahrt (Awo) mit sechs Kräften sicher, außerdem ist ein Sicherheitsdienst rund um die Uhr als Ansprechpartner vor Ort. Einrichtungsleiter ist Cemal Bulut. Den Bauarbeiten vorausgegangen waren Abrissarbeiten auf dem Kasernengelände. Das Bundesamt für Immobilienaufgaben (BIMA) hatte Ende 2014 diese Teilfläche der Scharnhorst-Kaserne kostenfrei zur Verfügung gestellt. Es sollen nicht Flüchtlinge aus den Hallen der unmittelbar benachbarten Scharnhorst-Kaserne einziehen, sondern Einzelpersonen und Familien, die bereits mehrere Wochen oder Monate in Bremen leben. Laut Stahmann sind sie im Verfahren so weit, dass ihnen die Leistungen für den Lebensunterhalt in bar ausgezahlt werden können.

Mit dem Komplex am Niedersachsendamm verfügt Bremen jetzt über 22 feste Gemeinschaftsunterkünfte mit rund 2 600 Plätzen. Außerdem haben seit Anfang des Jahres mehr als 1 000 Menschen eine eigene Wohnung bezogen, „mehr als im gesamten Jahr 2014“. Zudem hat die Stadt Bremen allein seit Juli rund 2 200 Asylbewerber behelfsmäßig untergebracht, darunter 1 100 in Zelten, 800 in Sporthallen sowie 300 in Fahrzeughallen der Bundeswehr. „In den vergangenen drei Monaten haben wir doppelt so viele Plätze einrichten müssen wie in den Jahren 2013 und 2014 zusammen“, sagte die Senatorin. „Das ist eine unvergleichliche Herausforderung für alle Beteiligten.“

Bis zum Jahresende sollen laut Stahmann 1 000 weitere Plätze in Einrichtungen entstehen, zusätzlich seien 1 400 Notplätze konkret in Planung. Sie dankte allen, die sich „dieser historischen Herausforderung mit all ihrer Kraft stellen“. Sowohl die Mitarbeiter in den Verbänden als auch in den Behörden hätten die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit erreicht oder überschritten.

IAA 2017: Darauf dürfen sich Auto-Fans freuen

IAA 2017: Darauf dürfen sich Auto-Fans freuen

Top 10: Die zehn verrücktesten Hotel-Geschichten

Top 10: Die zehn verrücktesten Hotel-Geschichten

90. Jubiläum der Freiwilligen Feuerwehr Heesen

90. Jubiläum der Freiwilligen Feuerwehr Heesen

Kulturfest des Waldorfkindergartens Scheeßel

Kulturfest des Waldorfkindergartens Scheeßel

Meistgelesene Artikel

Spenden aus dem Bremer Untergrund

Spenden aus dem Bremer Untergrund

Uwe und Nadine Kloska sind „Bremer Unternehmer“ 2017

Uwe und Nadine Kloska sind „Bremer Unternehmer“ 2017

„Die Ware sucht sich den Weg“

„Die Ware sucht sich den Weg“

Zwei Zweiradfahrer nach Stürzen lebensgefährlich verletzt

Zwei Zweiradfahrer nach Stürzen lebensgefährlich verletzt

Kommentare