In „Friedensschlag“ durchbrechen junge Männer den Kreislauf von Gewalt und Selbstzweifeln

Ein Weg zurück in das Leben

Es gibt immer eine Lösung: Eftal (r.) baut seine Aggressionen erfolgreich beim Boxen ab.

Bremen - Von Viviane StrahmannBREMEN · Wo das Thema „Jugendgewalt“ für Schlagzeilen sorgt, ist der Ruf nach härterem Durchgreifen und schärferen Gesetzen nicht weit. Regisseur Gerardo Milsztein zeigt in „Friedensschlag – Das Jahr der Entscheidung“ eindringlich, dass auch ein völlig anderer Weg möglich ist.

Rupert Voss und Werner Makella begegnen jungen, gewaltauffälligen Männern mit dem Konzept der „Work and Box Company“. Ihr 2002 gegründetes Projekt unterstützt sie ein Jahr lang – möglichst bis zur Vermittlung in eine Ausbildungs- oder Arbeitsstelle inklusive Nachbetreuung. Ihre Ziele: den jungen Menschen Wege aus der Gewalt aufzuzeigen und ihnen den Weg in ein eigenverantwortliches Leben zu weisen. Für die meisten bedeutet die Teilnahme die letzte Alternative vor der Endstation Knast.

Gerardo Milsztein begleitete ein Jahr lang die Arbeit des Teams mit der Kamera. Immer nah dran an den Protagonisten, gelingt es ihm in seinem Dokumentarfilm, ihre Gedanken, Selbstzweifel, Wut und Verletzlichkeit zu zeigen.

Boxen ist hier therapeutisches Kontaktmedium und der Boxring der Rahmen, in dem faire Auseinandersetzungen eins zu eins stattfinden. Praktische Tätigkeiten sollen die Jugendlichen an Arbeit gewöhnen und gemeinsame Erfolgserlebnisse schaffen. Ein Team aus Sozialpädagogen und Psychologen, Boxtrainern und Betreuern zeigt in zahlreichen Gesprächen eine Engelsgeduld, erträgt auch die wüstesten Beschimpfungen und Drohungen. Aggressionen, so ihre Überzeugung, seien eine Oberfläche, ein Verhalten, das als Schutzmechanismus funktioniere.

„Die Straße ist halt für die Jugendlichen etwas anderes als für die Erwachsenen. Für die Erwachsenen ist die Straße einfach die Straße, wo Du zu Deinem nächsten Ziel kommst. Für uns gibt es aber kein Ziel“, weiß Eftal (19). Er ist Teilnehmer an dem Projekt „Work and Box Company“. Früher bekam er Schläge vom Vater, einem Profiboxer. Nun muss er sich mit dem Boxen in doppelter Hinsicht auseinandersetzen: die Vergangenheit aufarbeiten und durch das Boxen zu sich selbst finden.

Marco war zehn Jahre alt, als er mit ansah, wie seine Mutter an einer Überdosis Heroin starb. Jetzt kämpft er mit Selbstvorwürfen. „Er hat gelernt, dass die Realität zu ertragen das Schlimmste ist, was ihm passieren kann“, so ein Betreuer über den 17-Jährigen.

Dem Regisseur gelingt es, eine Nähe zwischen Zuschauern und Protagonisten herzustellen. Er schockiert, wenn die Kamera auf Juan drauf hält, wie er frustriert und aggressiv den Kopf mehrmals gegen die Tür schlägt. Er sensibilisiert, wenn die Jugendlichen in Interviews ihre Situationen, Probleme und Reaktionen reflektieren. Die eindringliche Filmmusik mit tiefgängigen Texten tut ihr Übriges: Die Klänge der Kölner Band „P:lot“ kommen mal laut und wütend, ein anderes Mal sanft und hilflos daher – ein Spiegelbild des Seelenzustands der Protagonisten.

Die Jahreszeiten kommen und gehen. Ganz langsam – und nicht ohne Rückschritte – finden einige der Teilnehmer zu sich selbst. Sie erkennen, dass sie Hilfe brauchen und haben wieder ein Ziel vor Augen, für das es sich lohnt, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen.

Gerard Milsztein porträtiert Akteure, die – trotz der Kamera als ständigem Begleiter – absolut authentisch wirken, sich geben, wie sie eben sind und damit auf ihre Weise absolut ehrlich sind. Gelungen ist ihm eine Dokumentation, in der deutlich wird, dass auf beiden Seiten ein langer Atem von Nöten ist, um Veränderungen zu bewirken und einen Weg zurück ins Leben zu finden.

Atlantis: 17, Do+So nur 16.45 Uhr.

WWW.

friedensschlag.de

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