Zurück bleibt ein Kreidebild

Nach der Gasexplosion mit drei Toten in Huchting: Trümmer werden geräumt

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Das Trümmerfeld in Huchting an der Kirchseelter Straße wird geräumt. Die bittere Erinnerung an die Explosion am 28. Juni wird die Nachbarn der drei Toten noch lange beschäftigen.

Bremen - Von Martin Kowalewski. Es waren fünf Reihenhäuser, nun sind es noch drei. Ein großer Haufen Steine liegt hinter einem Drahtzaun an der Kirchseelter Straße in Huchting. Ein Bagger fährt an und reißt die letzte Mauer ein. Die letzten Spuren der schweren Explosion vom 28. Juni verschwinden. Damals sprengte eine 41-jährige Mutter sich und ihren siebenjährigen Sohn in die Luft und riss auch eine 70-jährige Nachbarin mit in den Tod. Eigentümer und Versicherung haben sich nun auf den Abriss geeinigt.

Die Frau hatte den Ermittlern zufolge die Gasleitung manipuliert. Zudem verfasste sie einen Abschiedsbrief an die Polizei, der nach Angaben der Staatsanwaltschaft jedoch eher einem Bekennerschreiben ähnelte. Es handelte sich um einen erweiterten Suizid vor dem Hintergrund eines Streits über das Umgangsrecht mit dem Kindsvater.

Direkt neben dem ehemaligen Haus der getöteten Seniorin wohnt jetzt wieder Manfred Redetzky (66) mit seiner Frau. Beide mussten ihr Zuhause für eine Kernsanierung zwischenzeitlich räumen. Er wirft einen Blick auf die Abrissstelle. Redetzky kann sich noch gut an das erinnern, was er am 28. Juni um 4.35 Uhr erlebt hat, als ihn der laute Knall aus dem Tiefschlaf riss. 

Er öffnete ein Dachfenster. „Ich blickte auf etwas, das aussah wie eine weißgelbe Feuerschale. Wir haben schnell ein paar Sachen angezogen und sind raus aus dem Haus. Ich dachte, jetzt bloß schnell das Gas abschalten“, sagt Redetzky. Ein Mann sei über den Hof gelaufen und habe was von einer Toten in ihrem Bett gerufen.

Die Häuser in Huchting nach der Explosion Ende Juni. Eine 41-Jährige hatte die Gasleitung manipuliert. Sie, ihr kleiner Sohn und eine 70 Jahre alte Nachbarin starben.

Redetzky glaubte in dieser Nacht, dass die Mutter gar nicht da sei, denn sie hatte ihr Auto weggefahren. Einen kurzen Moment glaubte er sogar, die Mutter zu sehen, als eine Frau auf der anderen Straßenseite stand und auf die Flammen blickte. „Ich sah dann aber, die Frau war blond. Die Nachbarin war rothaarig“, sagt er. „Dann kamen zwei Leichenwagen. Da war klar, es gab mehrere Tote.“

Der 66-Jährige kann bis heute nicht glauben, was passiert ist. Er habe immer einen guten Kontakt zu den drei toten Nachbarn gehabt. „Sie waren immer gut drauf. Man kann es nicht glauben. Man kann es sich nicht erklären“, sagt Redetzky. Er erinnert sich noch, wie der Junge spielte und „Hallo, Mami“ rief. 

Vor der Haustür hat der Junge mit Kreide ein lächelndes Gesicht am Eingang gemalt. „Wir lassen es erstmal drauf. Wenn es weg ist, ist es weg“, sagt Redetzky. „Die Mutter hat das Kind sehr gut versorgt. Sie sind mit dem Rad zum Papa gefahren.“ Es habe gewirkt, als hätte das Kind es kaum besser haben können. „Wir hatten eine sehr gute Nachbarschaft“, sagt er.

Nach heute leide er unter den Erfahrungen. „Es sind so diese hochkommenden Erinnerungen, die auch Kriegsveteranen haben. Das passiert bei bestimmten Geräuschen, etwa, wenn eine Tür knallt.“

Die Nachbarn versuchen, das Erlebte gemeinsam zu verarbeiten

Auch eine andere Nachbarin, die nur wenige Meter neben dem Explosionsort wohnt, ist immer noch tief betroffen: „Es ist so ein erschütternder Gegensatz – die Idylle in meinem Garten und etwas weiter eine Trümmerlandschaft.“ Anfangs habe sie noch Bücher des getöteten Kindes in den Trümmern gesehen. Vorne an ihrem Haus habe sich lediglich ein Brett gelockert. Sie ist froh, dass die Spuren der Explosion endlich weggeräumt werden. 

Mit den inneren Spuren werde das aber nicht so leicht gehen. Sie habe ihre liebste Nachbarin verloren, die getötete Seniorin. „Ich kann es bis heute nicht fassen. Es ist schwierig, wenn ich dann höre, ich hätte Glück gehabt“, sagt die Frau. „Ich kannte die Toten alle.“

Sie und Redetzky erzählen davon, wie der tragische Vorfall die Nachbarn enger zusammengeschweißt hat. Immer wieder habe man zusammengesessen und gesprochen, um die schlimmen Erfahrungen zu verarbeiten. Dazu kommt nun auch die sachliche und wenig pietätsvolle Arbeit der Schadensregulierung. Bei Redetzkys ist immer noch das Dach beschädigt. Im Schlafzimmer geht ein Riss durch die Wand. „Der Sog hat die Wand einen Zentimeter nach außen gezogen“, sagt Redetzky. Eine Begehung durch einen Versicherer habe schon stattgefunden. „Da der Schaden bei mehr als einer Million Euro liegt, haben sich die Versicherungen zusammengetan“, sagt Redetzky.

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