Zeugnisse der Vernichtung

Grabungen an KZ-Außenstelle: Archäologen stellen erste Ergebnisse vor

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Student Lennart legt Fundamentteile frei. Das Areal in Gröpelingen soll, geht es nach Landesarchäologin Uta Halle, als Bodendenkmal ausgewiesen werden. 

Bremen - Von Steffen Koller. Die alten Überreste kommen langsam zutage, nach und nach werden Fundamente freigelegt, Funde begutachtet. Auf einem Gelände an der Bromberger Straße in Gröpelingen legen seit zwei Wochen Studenten der Universität Bremen unter Leitung der Landesarchäologin Prof. Dr. Uta Halle Überreste des ehemaligen Konzentrationslagers (KZ) „Schützenhof“ frei. Am Freitag haben sie erste Ergebnisse präsentiert.

Zwischen Graffitiwänden, Einfamilienhäusern und Schützenhaus weht rot-weißes Flatterband, mehr als 15 Personen heben Erde aus, sieben, messen ab und untersuchen. Hier – wo sich mittlerweile nur noch eine mit dichtem Gras bewachsene Freifläche befindet – stand damals eine Baracke des KZ-Außenlagers Neuengamme. Zwischen Weihnachten 1944 und April 1945 wurden hier insgesamt 1 054 Häftlinge – meist aus Ungarn deportierte Juden und Häftlinge aus Belgien, Frankreich, Polen und der damaligen Sowjetunion – untergebracht. 267 Menschen überlebten das Martyrium nicht. Jetzt finden auf dem Areal Grabungen statt. Mehr als 40 Geschichtsstudenten der Uni Bremen sind an dem Projekt beteiligt.

Landesarchäologin Prof. Dr. Uta Halle auf der Ausgrabungsstelle in Gröpelingen.

Zwei Wochen nach Beginn der Arbeiten haben die Studenten zusammen mit Uta Halle und dem Grabungstechniker Jan Geidner unter anderem Stacheldrahtreste, Nägel und Schrauben aus dem Boden geholt. Auch Reste aus Glas und Keramik waren unter den Funden – und eine „Nivea“-Dose. Ob diese und auch die Glas- und Keramikteile tatsächlich aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs stammen, sei bislang „völlig offen“, sagt Studentin Vivien Mikos. Alle Funde kommen, so Halle, nach und nach in die Landesarchäologie, werden dort gewaschen, begutachtet, sortiert und letztlich eingelagert.

In den vergangenen Tagen legten die Arbeiter zudem erste Teile einer Baracke frei. „Insgesamt acht Baracken und ein Wachhaus standen auf dem Gelände. In jeder Baracke lebten etwa 100 Häftlinge“, berichtet Halle. Viele der Häftlinge, so die Archäologin weiter, seien vor ihrer Inhaftierung im Außenlager „Bahrsplate“ in Blumenthal untergebracht gewesen und mussten dort Zwangsarbeit bei der AG Weser und bei der Trümmerbeseitigung in den zerstörten Stadtteilen leisten. Die meisten der Inhaftierten seien an Erschöpfung gestorben, so Halle. Etwa 400 Kilokalorien täglich standen den Häftlingen täglich zu – und das bei Schwerstarbeit. „Viele starben auch einfach, weil sie zusammengeschlagen wurden.“

Ausgehobene Erde wird Schippe für Schippe untersucht. Vorher heißt es sieben. Das übernehmen die Studentinnen Vivien (von links), Caroline und Julia. - Fotos: Koller

Ziel der Arbeiten sei es unter anderem, den Studenten einen „tiefen Einblick“ in die Geschichte des Außenlagers zu vermitteln. Daneben sei angestrebt, die Fundamente später als Bodendenkmal ausweisen zu lassen. Ob das auch klappt, steht noch nicht fest. Angehörige dort damals Inhaftierter hätten sich bereits dafür ausgesprochen, fänden es „super spannend“, sagt Archäologin Uta Halle.

Dem pflichtet Studentin Vivien Mikos bei. Sie findet die Arbeiten „sehr besonders“. So lasse sich Geschichte auch in die Praxis umsetzen, sagt sie. Mehr als 40 Studenten meldeten sich für das Projekt an, für jede Schicht seien aber nur etwa 15 Plätze frei. Bei den Arbeiten müssten alle äußerst vorsichtig vorgehen. „Jede Ausgrabung bedeutet auch Zerstörung“, weiß Halle.

Am Sonntag, 9. September, 14 und 17 Uhr, können Interessierte im Rahmen des bundesweiten „Tages des offenen Denkmals“ die Ergebnisse der Ausgrabung am und im „Schützenhof“ in Gröpelingen besichtigen.

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