SERIE: VERSCHWUNDEN Der Wasserturm in Walle

Zentral und hygienisch

Der Wasserturm in Walle auf einer Ansichtskarte, aufgenommen um 1910. Der Turm galt zeitweise als höchster Wasserturm Europas. Foto: ARCHIV

Bremen – Gebaut wurde er, um den Bremer Westen mit Trinkwasser zu versorgen. Mit seinen 61 Metern Höhe war er aber auch ein Wahrzeichen von Walle – der Wasserturm an der früheren Breslauer Straße (heute: Karl-Peters-Straße). Er galt als der größte Wasserturm Europas. Heute ist er verschwunden – und damit Thema unserer gleichnamigen Serie.

Der neue Freihafen, die damit verbundene Ansiedlung wachsender Unternehmen wie der Jute-Spinnerei, überhaupt: die Industrialisierung – Walle wuchs Ende des 19. Jahrhunderts, Anfang des 20. Jahrhunderts. Und der wachsende Stadtteil brauchte Infrastruktur, um die – eben – wachsende Zahl der Menschen zu versorgen, die dort nicht nur arbeiteten, sondern auch lebten.

Vor diesem Hintergrund wurde er ab 1905 errichtet, der damals größte Wasserturm Europas. Mit einem Fassungsvermögen von 3 000 Kubikmetern war er die zentrale Stelle der Wasserversorgung in Walle. Die Menschen mussten nicht mehr mit dem Eimer in der Hand zur Pumpe gehen, an der es dann möglicherweise auch noch nicht ganz sauberes Brunnenwasser gab. Der Wasserturm hingegen, 1907 fertiggestellt, stand für technischen und hygienischen Fortschritt. Mit ihm war es möglich, Wasserstellen in Wohnhäusern zu versorgen. Der Senat unterstützte Hauseigentümer bei der Einrichtung von Versorgungsleitungen. Die Waller waren so stolz auf ihr neues Wahrzeichen, dass sie sogar Ansichtskarten davon verschickten. Handyfotos gab es ja noch nicht.

Entworfen hatte den Turm ein Architekt der neuen Zeit: Hugo Wagner (1873 bis 1944). Wagner, der in Charlottenburg (Berlin) studiert hatte, kam 1898 nach Bremen. 1903 eröffnete er hier ein eigenes Architekturbüro. Wagner arbeitete mit dem Böttcherstraßen-Mäzen und Kaffee-HAG-Erfinder Ludwig Roselius (1874 bis 1943) zusammen, einem Pionier von Markenbildung und Public Relations in Deutschland. Nach Wagners Plänen wurde am Holz- und Fabrikenhafen in Walle das Kaffee-HAG-Werk I gebaut. Der Komplex gilt als Vorbild für den modernen Industriebau in Deutschland – schnörkellos, funktional, ohne Drang zur Repräsentation. Der Eisenbetonbau mit der charakteristischen Silhouette steht seit 2008 unter Denkmalschutz.

Ein Status, den Wagners Waller Wasserturm mit dem markanten Stahlgerüst nicht erreicht hat – nicht erreichen konnte. Grund ist der Zweite Weltkrieg, als der Bremer Westen – das Hafen- und Werftquartier – niederbrannte. In der Nacht vom 18. auf den 19. August 1944 wurde der Turm – wie das Wohngebiet um ihn herum – durch einen Bombenangriff schwer beschädigt. Nur das Fundament blieb stehen. Nach Kriegsende wollten die Stadtwerke den Turm eigentlich wieder aufbauen, das wäre aber zu teuer geworden. So wurden die Reste des Wahrzeichens 1958 abgerissen.

Nur das achteckige Betonfundament ist noch da. Und auf genau dieses Fundament im Stiftungsdorf Walle setzte die Bremer Heimstiftung ein Gebäude mit 40 Wohnungen für alte Menschen. So war ab März 2016 ein neuer Turm entstanden – ein Wohnturm.

Erinnerungen an den alten Wasserturm aber gibt es nicht allein auf Ansichtskarten, sondern auch in der Kunst. Der Künstler Franz Radziwill (1895 bis 1983), der in Bremen prägende Kindheits- und Jugendjahre verbracht hatte, malte das Bild „Der Wasserturm in Bremen“ im Jahr 1932. Radziwill war im Schatten des Turms aufgewachsen. 1995 erschien eine Sonderbriefmarke mit dem Gemälde – und dem Turm.

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