Choreographin Chrissie Cartwright im Gespräch

„Cats“: „Zeitgemäßer denn je“

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Choreographin Chrissie Cart-wright.

Bremen - Von Ulla Heyne. Katzen-Themen ziehen, und das nicht erst seit dem Internet. Bereits seit 1981 toben Andrew Lloyd Webbers „Cats“ über einen imaginären Schrottplatz und füllen mit ihrem Streben nach Unsterblichkeit Säle zwischen London, Dubai und zuletzt München. Dabei kommt das Musical ohne große Spezialeffekte aus und wurde in den mehr als drei Dekaden kaum verändert. Im September kommen die Katzen nach Bremen. Wir sprachen mit Chrissie Cartwright, der Künstlerischen Leiterin und Choreographin, über das Erfolgsrezept.

Wenn man sich das Bühnenbild, Make-up und Kostüme ansieht, atmet das „Retro“. Hat sich die Show in der ganzen Zeit nicht weiter entwickelt?

Cartwright: Die Show verändert sich mit jeder neuen Besetzung. Die Kunst besteht darin, die Rollen nicht nur mit möglichst guten, sondern auch ganz unterschiedlichen Charakteren zu besetzen. Es geht nicht darum, ein Stereotyp zu erzeugen. Bei den Proben improvisieren wir viel, um die Stärken unserer Akteure herauszubringen. So sind keine zwei Produktionen identisch, genau wie jeder Abend anders ist.

Bei der Show müssen die Schauspieler, die fast ununterbrochen alle auf der Bühne sind, zweieinhalb Stunden Präsenz am Stück abliefern. Wie bekommen Sie es hin, diese Leistung abzurufen?

Cartwright: Durch sorgfältiges Casting. Wir müssen Menschen finden, die dem Stück genauso viel Leidenschaft entgegenbringen wie wir. Ich versuche, beim Sichten eine freundliche Atmosphäre zu schaffen. Manchmal höre ich, ich sei angsteinflößend, aber so bin ich gar nicht! Beim Casting lachen wir viel – in den Arbeitsphasen herrscht dann totale Konzentration. Wir arbeiten mit der Begeisterung unserer Akteure. „Cats“ ist ein Stück Theatergeschichte, das wir pflegen und weitergeben müssen.

Ist es schwierig, den Tänzern die spezielle Art der Mimik und Bewegung zu vermitteln?

Cartwright: Man braucht schon viel Phantasie, um das Leben aus Sicht der Katzen zu betrachten. Aber unsere Akteure lieben es – Mensch zu sein, ist ja auch nicht eben leicht (lacht)! Aber es ist auch nicht ganz ohne, eine Stunde am Stück Katze zu sein, noch dazu auf Knien… Das Wichtigste ist zu begreifen, wie eine Katze sich benimmt. Das lernt man nur, indem man diese faszinierenden Tiere beobachtet.

In wieweit hat sich die Show verändert – spielt Zeitgeist eine Rolle?

Cartwright: Vor vier Jahren hat sich das Original-Kreativteam zusammengefunden. Die Handlung wurde in der Länge etwas gestrafft – die Besucher heute haben nicht mehr die gleiche Aufmerksamkeitsspanne. Die Rolle des „Rum Tum Tugger“ hingegen, zwischenzeitlich als Rapper angelegt, um ein jüngeres Publikum anzusprechen, wird wieder wie in der ursprünglichen Version interpretiert – die Menschen lieben einfach den Rock’n’Roller mit seinem Elvis-Hüftschwung. Was den Inhalt angeht, so ist er einfach zeitlos: Die Geschichte von „Grizabella“, die sich verloren hat und die ob ihres Lebensstils von der Gesellschaft ausgegrenzt wird, ist zeitgemäßer denn je und rührt auch heute noch an.

Sie sind seit 1989 dabei – haben sich Ihre Choreographien mit Ihrer künstlerischen Weiterentwicklung verändert?

Cartwright: Ich glaube, ich bin heute eine bessere Lehrerin. Ich kann den jungen Menschen besser vermitteln, wie sie die Geschichte verkörpern und zum Leben erwecken. Mit ihren frischen Ideen tragen sie die Show. Bei der Choreographie geht es nicht darum, dass sie Schritte lernen, sondern wie die Charaktere sich zu einem gemeinsamen Bild zusammenformen. Das liegt aber auch an dem hohen Qualitätsstandards und sehr wettbewerbsfähigen Ausbildungsstätten. Heute gibt es viel mehr Tänzer, die auch hervorragend schauspielern. Die Unterteilung in Tänzer, Sänger, Schauspieler gehört der Vergangenheit an.

Die Show scheint sehr verletzungsträchtig – bei der Premiere in München erwischte es gleich zwei Akteure. Die Tänzer sind fast ohne Unterbrechung auf der Bühne. Warum reißen sich junge Talente trotzdem darum, „Cats“ spielen zu dürfen?

Cartwright: Gemessen an der Herausforderung, hält es sich im Rahmen. Tanzen ist immer ein Risiko – das wissen die Akteure. Sie sind hart im Nehmen, tanzen die Schmerzen weg. Die Faszination besteht darin, die ganze Zeit auf der Bühne zu sein, ihr Können zu zeigen, ihre Grenzen zu verschieben. Das Stück schweißt zusammen, es gibt keine einzelnen Stars.

Bis auf einige kleine Blitzbomben beim Auftritt des Zauberkaters „Mr. Mistoffelees“ und eine in die Unsterblichkeit des Himmels entschwebende „Grizabella“ verzichtet „Cats“ im Unterschied zu vielen anderen Musicals weitgehend auf Spezialeffekte. Wie gelingt es, auch ohne zu faszinieren?

Cartwright: Die „Grizabella“ hebt seit drei Jahren ab. Das ist irgendwie sphärisch, ich mag das. Am Broadway hatten wir mehr Spezialeffekte – dort wird das erwartet. In Deutschland hören wir gern zu. Und wir haben tolle Performer. Mehr braucht es nicht. So reduziert, geht die Inszenierung mehr in die Herzen. Ähnlich wie in Korea, wo die Standards sehr hoch sind: Dort gibt es wunderbare Sänger. Das Publikum dort hat sich eine gewisse Unschuld bewahrt. Wenn die Zauberkatze jemandem im Rauch verschwinden lässt, schmunzeln wir im Westen und denken: „charmant“. Dort will man an die Magie glauben.

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