Kriminalstatistik vorgestellt

Zahlen sinken, Gewalt steigt in Bremen

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Innensenator Ulrich Mäurer (l.) und Polizeipräsident Lutz Müller stellen die Kriminalstatistik für 2017 vor.

Bremen - Von Thomas Kuzaj. „Erfreut, aber noch nicht zufrieden“ ist Polizeipräsident Lutz Müller, wenn er auf die bremische Kriminalstatistik für 2017 blickt. Gemeinsam mit Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) hat er das Zahlenwerk am Freitag vorgestellt. „Die Zahl der Straftaten ist 2017 in wichtigen Kriminalitätsfeldern zurückgegangen. Aber wir dürfen uns nicht zurücklehnen. Es bleiben genügend Herausforderungen“, sagt Mäurer.

Im Vergleich zum Vorjahr sanken in Bremen und Bremerhaven die Fallzahlen um 10.728 Delikte auf 81.176 Delikte. Die Kriminalitätshäufigkeitszahl (sie benennt die Straftaten pro 100.000 Einwohner) sank im Land von 13.687 auf 11.960, dabei erreichten Bremen und Bremerhaven nach Angaben des Innenressorts den niedrigsten Stand der vergangenen 25 Jahre. Vor allem die Zahl der Eigentumsdelikte ist – analog zum Bundestrend – stark gesunken. So ging in Bremen der Wohnungseinbruch (einschließlich der Versuche) um 13,5 Prozent zurück. In Bremerhaven sank dieser Wert um 25,9 Prozent.

Es stimme also nicht, dass früher alles besser war, sagt Senator Mäurer. „Früher war die Kriminalität höher.“ In der Stadt Bremen ist die Gesamtzahl der bekanntgewordenen Straftaten von 78.465 (2016) auf 68.343 Taten (2017) gesunken. „Das ist nicht unerheblich“, sagt Mäurer. Vor 25 Jahren, 1993, seien in der Stadt Bremen 92.408 Straftaten registriert worden.

In den vergangenen Jahren hat sich die Bremer Polizei gezielt auf das Deliktfeld „Raub“ konzentriert. Hier gab es das vierte Jahr in Folge einen Rückgang – von 966 auf 868 Fälle.

International vernetzte „Täterszene“

Aber das ist nur der eine Teil der Geschichte. Denn während einzelne Deliktbereiche zurückgehen, „boomen“ andere. Vor allem Diebstahls- und Betrugstaten, die sich gegen ältere Menschen richten – „Enkeltrick“, falsche Handwerker, falsche Polizisten. Organisierte Kriminalität – vielfach mit Drahtziehern, die aus dem Ausland agieren, aber „frühere Bezüge zu Bremen“ haben, heißt es. „Trotz erheblicher Anstrengungen seitens der Polizei sind die Fallzahlen von 2016 auf 2017 sprunghaft von 828 auf 1488 angestiegen“, so Mäurer. In vielen Fällen bleibt es beim Versuch, weil die potenziellen Opfer inzwischen aufmerksam sind – doch, so Polizeipräsident Müller: „Bremen hat sich als Hotspot herausgestellt.“ Und das für „eine Täterszene, die international vernetzt ist – nach Osteuropa, in die Türkei“.

„Professionell arbeitende internationale Banden und ihr geschicktes Vorgehen“ seien zudem eine der Ursachen dafür, dass die Aufklärungsquote bei Wohnungseinbrüchen nur knapp sieben Prozent betrug. Damit könne man nicht zufrieden sein, so Müller. 2016 waren 2600 Wohnungseinbrüche in Bremen registriert worden, im vergangenen Jahr sind es 2249 gewesen.

Ein weiteres Problemthema bleibt die Gewalt. Denn: „Die Hemmschwelle, Gewalt anzuwenden, ist gesunken“, sagt Harry Götze, Direktor der Ortspolizeibehörde Bremerhaven. Während früher Gewalt eher angedroht worden sei, werde „heute gleich geschlagen und getreten – und dann das Diebesgut entwendet“. Es gelte, klarzumachen: „Das Gewaltmonopol hat die Polizei – nicht Clans, Familien, Gruppen.“

„Immer weniger Respekt“ gegenüber Einsatzkräften

In der Statistik schlägt sich das Thema auch im Bereich „Gewalt gegen Polizeibeamte“ nieder. Die Zahl der Fälle stieg von 329 (2016) auf 402 (2017). Es gebe „immer weniger Respekt“ gegenüber Einsatzkräften, sagt Polizeipräsident Müller. Diese Erfahrung würden auch Rettungsdienste und Feuerwehr machen.

„Es stellt sich kein Gefühl der Erleichterung und Beruhigung ein“, sagt Wilhelm Hinners, innenpolitischer Sprecher der oppositionellen CDU-Fraktion, zur Kriminalstatistik. Die Gewalt steige, obwohl die Gesamtzahl der Straftaten sinkt. „Es gibt immer mehr tätliche Auseinandersetzungen, bei denen oft Messer und andere Waffen zum Einsatz kommen.“

Erschreckend sei auch die auf 6,6 Prozent gesunkene Aufklärungsquote bei den Wohnungseinbrüchen. „Diese Zahl ist absolut nicht hinnehmbar. In Niedersachsen ist die Aufklärungsquote mit knapp 24 Prozent fast viermal so hoch wie in Bremen“, so der CDU-Abgeordnete.

Lesen Sie hierzu auch unseren Kommentar: 

Die Zahlen und die Wahrheit

Von Thomas Kuzaj. 

Zahlen lügen nicht. Aber sagen sie die ganze Wahrheit?

Laut Statistik sinkt die Kriminalität, laut Statistik sinkt die Zahl der Straftaten in Bremen. Paradoxerweise sinkt aber zugleich auch das Sicherheitsgefühl der Bremer. Es werde durch den „objektiven Rückgang von Straftaten nicht beeinflusst“, sagt Polizeipräsident Lutz Müller. „Die Menschen fühlen sich noch nicht sicherer.“

Thomas Kuzaj

„Das Sicherheitsgefühl der Bürger ist angeknackst“, sagte auch schon Rainer Zottmann, Leiter der Direktion Einsatz, am Tag vor der Veröffentlichung der Kriminalstatistik (wir berichteten). „Was subjektives Empfinden angeht, haben wir in dieser Stadt noch sehr viel zu tun“, sagt Innensenator Ulrich Mäurer (SPD). Wie kommt es, dass viele Menschen sich nicht sicherer fühlen, obwohl die Kriminalität – statistisch betrachtet – ja zurückgeht? Nun, Statistik allein bildet dann wohl doch nur einen Teil der Wirklichkeit ab.

Der Rentner, der von Betrügern trickreich um Ersparnisse gebracht wurde, mag sich nicht einmal mehr in den eigenen vier Wänden sicher fühlen, nachdem er die Täter hereingelassen hatte. Zwar blieb es bei 1 088 der 1 488 Diebstahls- und Betrugstaten gegen ältere Menschen beim Versuch – aber auch das ist ein verstörendes Erlebnis. Ein Erlebnis, das viel zu viele Senioren in Bremen haben.

Ein weiteres Thema sind die Brennpunkte, an denen es nach wie vor zu vielen Straftaten kommt – oft auch in Verbindung mit Gewalt. Steintor, Discomeile, Hauptbahnhof – Orte, die Ängste auslösen. Das hat sicher auch mit der Thematisierung dieser Brennpunkte in klassischen und sozialen Medien zu tun. Aber es ist ja nicht aus der Luft gegriffen, dass diese Themen behandelt werden. Bürger überlegen es sich zwei- bis dreimal, ob sie es sich zutrauen können, abends den Bereich des Bremer Hauptbahnhofs zu passieren – oder ob sie es lieber sein lassen. Es dürfte gar nicht so weit kommen, dass Menschen sich genötigt sehen, über so etwas nachzudenken.

Innensenator Mäurer und Polizeipräsident Müller wünschen sich mehr als die für 2019/20 anvisierten 2600 Polizisten in Bremen. Die Zahl 2 800 wird genannt. Eine weitere Personalsteigerung bei der Polizei wäre tatsächlich ein Signal an die Bürger, dass Bremen für Sicherheit sorgen will. Und in diesem Zusammenhang gilt es wieder: Zahlen lügen nicht.

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