Zahl minderjähriger Flüchtlinge steigt / Behörden diskutieren über Intensivtäter

„Wir fühlen uns machtlos“

Diese Wohncontainer sind für aktuell 40 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Horn ein Zuhause auf Zeit.
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Diese Wohncontainer sind für aktuell 40 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Horn ein Zuhause auf Zeit.

Bremen - 330 Kinder und Jugendliche, die ohne Eltern aus ihren Heimatländern flüchten und nach Deutschland kommen, leben aktuell in Bremen. Etwa zehn von ihnen halten Polizei und Jugendhilfe-Einrichtungen zur Zeit in Atem (wir berichteten). Ein ressortübergreifendes Gespräch am Montagabend, wie mit dem Problem umgegangen werden kann, brachte noch keine konkreten Maßnahmen hervor.

Messerattacke, Schlägerei, Einbruch, Drogenbesitz – seit rund zwei Wochen greifen Beamte immer wieder unbegleitete minderjährige Flüchtlinge im Alter von zwölf bis 17 Jahren auf, sehen sich mit deren aggressivem Verhalten konfrontiert. Bestraft werden können sie zum Teil aufgrund ihres Alters noch nicht.

Auffällige Intensivtäter können getrennt und in verschiedenen Einrichtungen untergebracht werden. So ist es auch in den vergangenen Tagen mit einigen Jugendlichen geschehen. Ressortübergreifend wurden die Probleme jetzt diskutiert. Das bisherige Ergebnis: Man wolle die Vorkommnisse hinterfragen und jeden einzelnen Fall individuell betrachten, sagte dazu gestern Bernd Schneider, Sprecher von Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne).

Probleme gab es kürzlich etwa in dem Übergangswohnheim an der Berckstraße in Horn. 40 unbegleitete Kinder und Jugendliche sind hier in Wohncontainern untergebracht. Vor einigen Tagen hatten zwei Jugendliche hier einen Gleichaltrigen angegriffen, ihn mit einem Messer verletzt. Zwei andere sollen in ein Haus an der Marcusallee eingebrochen sein.

Erst vor vier Monaten wurde die Notunterkunft eröffnet. Träger ist unter anderem das Deutsche Rote Kreuz (DRK). Vitus Blank ist hier zuständig für den Bereich der Jugendhilfe. Er sagt: „Wir fühlen uns ein bisschen machtlos.“ Zwar könnten auffällige Jugendliche getrennt und in verschiedenen Einrichtungen untergebracht werden – ein Versuch, deeskalierend zu wirken, so Blank. Doch darüberhinaus seien den Beteiligten die Hände gebunden.

Betreut werden die minderjährigen Bewohner in der Berckstraße Blank zufolge rund um die Uhr. Tagsüber von 25 Sozialpädagogen und Erziehern. „Zwei studentische Hilfskräfte halten dann die Nachtwache, dazu ist ein Sozialpädagoge vor Ort“, so Blank. Zwar sieht er die Einrichtung noch ausreichend mit Personal versorgt. Doch um das zu gewährleisten, hat sich das DRK mit drei weiteren Trägern, darunter die diakonische Stiftung Alte Eichen und die Caritas, zusammengeschlossen. Zum Problem könnten laut Blank aber die befristeten Verträge von Mitarbeitern werden. Denn die Notunterkunft in Horn ist auf zwei Jahre angelegt. Seine Befürchtung: Das Personal bewirbt sich gegen Ende der Laufzeit woanders.

Ein anderes Problem liege schlicht in der Masse der jungen, unbegleiteten Flüchtlinge: „Bremen wird ja von den Zahlen förmlich überrollt.“ Laut Sozialressort kamen im Jahr 2012 60 neue minderjährige Flüchtlinge, ein Jahr später fast 200 nach Bremen. Lebten Ende 2013 etwa 230 in Unterkünften, sind es jetzt 100 mehr. Ein bis zwei Jahre, so der Sprecher, bleiben sie in den Übergangswohnheimen. Mit 18 Jahren würden sie zum Teil in eine eigene Wohnung umziehen.

Rund 20 Einrichtungen – sie haben einen bis 40 Plätze – gibt es laut Sozialressort in der Stadt Bremen. Die meisten Flüchtlinge leben demnach in Kleingruppen von fünf bis sieben Personen, 20 in Pflegefamilien. Weil die Zahlen weiter steigen, sollen in Hastedt 35 neue Plätze geschaffen werden. Wie Schneider auf Nachfrage weiter sagte, wird zur Zeit ein Gebäude an der Stresemannstraße zu einer sogenannten Clearingstelle umgebaut. Hier solle der Unterstützungsbedarf abgeklärt und entschieden werden, in welche Unterkunft die Minderjährigen am besten vermittelt werden können. Geprüft werde zudem, ob am Hamfhofsweg in Borgfeld Container als provisorische Unterkunft aufgestellt werden können.

Auch die Flüchtlingszahlen insgesamt steigen bundesweit weiter: Waren im Juli 2010 über 3300 Asylbewerber nach Deutschland gekommen, weist die Statistik des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in Nürnberg für den Juli 2014 eine Zahl von 20500 aus. Bremen nimmt nach einem Verteilerschlüssel 0,934 Prozent der Zugänge auf.

vr/gn

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