Wie die Wohlfahrtspflege zur NS-Zeit sogenannte Asoziale umerziehen wollte

Zwang, Gewalt, Kontrolle

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Trügerische Idylle: Hashude auf einem historischen Foto.

Bremen - Von Thomas Kuzaj. Der Bremer Umgang mit sogenannten Asozialen in der NS-Zeit wurde bislang vergleichsweise wenig erforscht. Die frühere SPD-Bürgerschaftsabgeordnete Elke Steinhöfel lenkt nun den Fokus auf diese Opfergruppe – mit ihrer Dissertation zum Thema, die das Staatsarchiv jetzt als Buch veröffentlicht hat.

Steinhöfel widmet sich dem Thema am Beispiel der „Wohnungsfürsorgeanstalt“ Hashude in Woltmershausen. Wer die Siedlung am Warturmer Platz heute sieht, blickt auf eine Idylle mit gepflegten Privathäusern und viel Grün. Doch die Ursprünge des Quartiers sind alles anderes als idyllisch. Hashude, eröffnet im Herbst 1936, war eine NS- „Erziehungswohnanlage“.

84 Häuser, 44 bis 54 Quadratmeter groß. Die Bewohner von der Wohlfahrtsbehörde zwangseingewiesen. Steinhöfel: „Den Bewohnern war es verboten, miteinander zu sprechen, den Rasen zu betreten oder in ihren winzigen Hinterhöfen Tiere zu halten. Die ganze Anlage war von einem zwei Meter hohen Zaun umgeben.“ Wer angetrunken nach Hashude kam, wurde zur Bestrafung in einen Keller gesperrt.

Frauen drohte – auch nach Denunziationen – nicht allein „Kellerhaft“. Ihnen wurde auch verboten, die Anlage zu verlassen. So konnten sie nicht einkaufen, was wiederum bei den (unangekündigten) täglichen Inspizierungen der Haushalte durch die Fürsorgerin Amely Rechtern weitere Probleme aufwarf.

Zwang und Internierung, unablässige Kontrolle und physische Gewalt – Lagerleiter Walter Langer hatte eine Bewacherkabine. Die Häuser waren so angeordnet, dass er von der Kabine aus jeden Eingang und jede Bewegung auf beiden Plätzen der Anlage sehen konnte. Etwa 500 Menschen mussten in Hashude leben, unter ihnen viele Kinder. Wer dem NS-Staat als „asozial“ und „arbeitsscheu“ galt, wurde hier eingewiesen – mit Familie.

Die Wohlfahrtsbehörde versuchte auf diese Weise, Kosten zu senken. Wer zum Beispiel über längere Zeit Fürsorge bezogen hatte und – aus Behördensicht – Kosten verursachte, sollte hier „umerzogen“ werden. Bremen war bestrebt, seine Fürsorgekosten radikal zu senken.

Das Wohlfahrtsressort erklärte sogenannte Asoziale zu „inneren Feinden“ des Staates. „Diese Familien sind Unruhestifter“, hieß es. Steinhöfel: „Dann wurde auf die Reichstagsbrandverordnung zurückgegriffen, um Familien in die ‚Wohnungsfürsorgeanstalt‘ einzuweisen.“ Politiker wie der Wohlfahrtssenator Hans Haltermann erklärten, sie wollten Bremen binnen dreier Generationen zu einer „asozialenfreien“ Stadt machen. Die Wohnungsfürsorgeanstalt, die Bremen sich 600000 Reichsmark hatte kosten lassen, galt als reichsweit einmalige Einrichtung.

1940 wurde sie geschlossen und in eine Siedlung umgewandelt – auf Anordnung des Reichsfinanzministeriums. Bremen habe, hieß es zur Begründung, mit der Anlage – anders als behauptet – keinesfalls erreicht, dass die Zahl der „Asozialen“ zurückgegangen sei. Die Häuser sollten besser „würdigen Volksgenossen“ zur Verfügung stehen. Die wollten da allerdings nicht hin, Hashude hatte einen schlechten Ruf. Was über das Ende des NS-Staats hinweg blieb, war das Stigma des „Asozialen“. Und eine oftmals übersehene Opfergruppe.

Elke Steinhöfel: „Die Wohnungsfürsorgeanstalt Hashude“, 339 Seiten, Selbstverlag des Staatsarchivs Bremen, 18 Euro.

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