Wissenschaftler warnen: Korrosion bedroht wertvolle historische Instrumente

Orgeln von innen zerfressen

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Wissenschaftler Herbert Juling untersucht die 1658/59 erbaute Orgel in Mariendrebber bei Diepholz.

Bremen - Von Viviane Reineking. Ihr Anblick täuscht: Optisch sehen die die historischen Orgeln gut aus, doch im Inneren tobt nicht selten ein zerstörerischer „Bleifraß“. Materialprüfer und Musikwissenschaftler der Hochschule für Künste (HfK) haben in einem Pilotprojekt die Ursachen für Metallkorrosion und Schimmel untersucht – unter anderem in der St. Marienkirche in Mariendrebber bei Diepholz.

Im Nordwesten Deutschlands befindet sich nach Angaben des Arp-Schnitger-Instituts an der HFK die weltweit größte Sammlung spielbarer historischer Orgelinstrumente – insgesamt knapp 100 Stück. Unter der Leitung der HfK-Einrichtung haben Mitarbeiter des Fraunhofer-Instituts für Fertigungstechnik und Angewandte Materialforschung (Ifam) und der Amtlichen Materialprüfungsanstalt Bremen (MPA) von zwei Orgeln – eine in Belum bei Cuxhaven, die andere in Mariendrebber – Proben analysiert und über eineinhalb Jahre lang Messungen des Klimas in den Kirchen und Orgeln vorgenommen.

Die Messergebnisse des Physikers Dr. Herbert Juling von der MPA belegen, dass vor allem Essigsäure und hohe Luftfeuchtigkeit in den Instrumenten den Pfeiffen stark zusetzen. Die Säure stamme aus dem Holz der Windlade, einem Bauteil der Orgel, das den Wind auf die einzelnen Pfeifen verteilt. „In den vergangenen 30 Jahren wurden viele Orgeln mit frischem Eichenholz und handelsüblichen Klebstoffen restauriert. Beides gibt beim Trocknen Essigsäure ab, die dann mit dem Wind in die Pfeifen gelangt“, sagt Prof. Manfred Cordes von der HfK. Zusammen mit hoher Luftfeuchtigkeit in den Orgeln wirke das zersetzend, sagt Juling. „Die Pfeifen werden sauer und von innen nach außen zerfressen.“

Den Ursprung sieht der Experte in der veränderten Nutzung der Kirchen. Im Gegensatz zu früher, wo diese gar nicht geheizt wurden („Heiße Ziegelsteine dienten als Wärmequelle“) sorgen neue Heizsysteme für warme Kirchen vor allem an den Wochenenden und Feiertagen. Aufs Lüften würde häufig verzichtet, alte Fenster gegen neue, besser gedämmte ausgetauscht.

Dr. Andrea Berg vom Ifam hat von korrodierten Pfeifen winzige Materialproben entnommen, diese analysiert und das Ausmaß der Beschädigungen gesehen: Teilweise habe der Pfeifenfuß Löcher gehabt, die Wandstärke war größtenteils um mehr als die Hälfte zersetzt. Weißliche Ablagerungen von der Korrosion des Bleis seien zu sehen gewesen. „Es ist erschreckend“, so die Materialwissenschaftlerin.

Weitere Forschungen seien aber nötig, um Empfehlungen für Gegenmaßnahmen geben zu können. Werde nicht reagiert, könnten die Kulturschätze unwiderbringlich verlorengehen, warnen die Projektpartner. Prof. Hans Davidsson, Leiter des Arp-Schnitger-Instituts: „Die Orgeln sind ein Teil des globalen Kulturerbes. Wir haben die Verantwortung, dieses Erbe für zukünftige Generationen zu bewahren.“ Finanziert wurde die Arbeit der Forscher unter anderem von der Metropolregion Nordwest, der Stadt Bremen und der Evangelischen Landeskirche in Hannover.

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