Neujahrsempfang des Senats / Gastredner Richard Schröder: „Deutsche Einheit ist besser als ihr Ruf“

„Wir sind weiter als die Italiener“

Theologe, Philosoph, Historiker: Professor Richard Schröder als Gastredner in der Oberen Rathaushalle.

Bremen - Von Thomas Kuzaj· Nur wer klagt, der gewinnt – nach diesem Motto wird Deutschlands Einheit recht oft betrachtet. Das kritisierte gestern der Redner beim Neujahrsempfang des Senats im Rathaus –  der Bürgerrechtler, Theologe und Philosoph Professor Richard Schröder.

Der Gast war mit Bedacht gewählt. Er saß für die SPD in der letzten DDR-Volkskammer sowie im Bundestag und er hat – so Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD) – „am Vereinigungsprozess mitgewirkt“. 20 Jahre liegt diese Vereinigung bald zurück – und in diesem besonderen Jahr richtet Bremen am 3. Oktober die zentralen Feierlichkeiten aus. Da passte ein Gastredner wie Schröder bestens, und seine Wahl war ein Glücksgriff.

Denn er bot den gut 400 Gästen in der Oberen Rathaushalle eine Reihe höchst origineller Gedanken. Grundthese: Deutschlands Einheit ist „besser als ihr Ruf“.

Ist die deutsche Einheit ein Erfolg? Vielleicht helfe, so Schröder, der Blick von außen, um die richtige Antwort zu finden: „Ein Italiener hat bemerkt, sie sei weiter fortgeschritten als die italienische. Er hat recht. Sie ist auch weiter fortgeschritten als die belgische.“

Ohnehin lohne es nicht, von Ost-West-Gegensätzen zu sprechen: „Die traditionellen Unterschiede in Deutschland sind stärker nord-südlich als west-östlich ausgerichtet.“ Und weiter: „Deshalb sind auch heute die Verständigungsschwierigkeiten zwischen Ostfriesen und Bayern größer als zwischen Thüringern und Hessen oder Schleswig-Holsteinern und Mecklenburgern. Und wenn zu DDR-Zeiten sich die Urlauberwelle aus Sachsen und Thüringen an die Ostseeküste ergoss, hieß es dort: ‚Hast du drei Minuten Zeit, schlage einen Sachsen breit‘.“

Oft werde gefragt, wann die Einheit denn „vollendet“ sei. Schröder: „Wie würde denn die vollendete deutsche Einheit aussehen, auf die da gewartet wird? Alle ein Herz und eine Seele?“ Und: „Wann ist denn eine Ehe ‚vollendet‘ – wenn beide lieb und treu gestorben sind?“

Bisweilen sei auch die Frage zu hören, warum denn ein ostdeutsches „Wirtschaftswunder“ ausblieb. Schröder: „Die Antwort ist einfach. Wäre 1945 Baden-Württemberg mit der Schweiz vereinigt worden, hätte es ebenfalls kein Wirtschaftswunder gegeben, sondern Transfer und Abwanderung. 1990 hätte die westdeutsche Wirtschaft den östlichen Warenbedarf vollständig befriedigen können.“

Was der Bürgerrechtler nicht mag, ist, wenn von der „Wende“ gesprochen wird: „Egon Krenz hat den Ausdruck geprägt, als er Honecker ablöste. Das war in der Tat keine Revolution. Deshalb musste ja auch Krenz bald gehen.“ So sei es nach der „ersten erfolgreichen gewaltlosen Revolution in der deutschen Geschichte“ am 3. Oktober 1990 schließlich zum Beitritt der DDR zur Bundesrepublik gekommen. „Die Forderungen der ostdeutschen Demonstranten von 1989 sind erfüllt: Stasi raus, Reisefreiheit, freie Wahlen, Einheit Deutschlands“, sagt Schröder. Und: „Ich nenne den Freiheitsgewinn und denke dabei nicht zuerst an die Reisefreiheit, sondern an die Freiheit von der Angst vor Verhaftung.“

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