Modellprojekt des Martinsclubs

Erste inklusive Wohngemeinschaft in Bremen: „Wir sind einfach da“

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Die WG-Bewohner vor ihrem neuen Zuhause: Katharina (vorne, v.l.), Janina, Helmi, Nils (hellblaues Polo-Shirt) und Projektleiter Nico Oppel sowie Sven (hinten, v.l.), Frederik, Onni und Enrico.

Bremen - Von Viviane Reineking. Das Badezimmer saubermachen, den Müll rausbringen – der feste Putzplan auf der Tafel in der großen Küche regelt das Zusammenleben der neugegründeten Wohngemeinschaft mitten in Schwachhausen. Soweit nichts Ungewöhnliches. Und doch nicht gewöhnlich: Denn die acht Bewohner bilden die erste inklusive WG Bremens.

Die Kartons sind ausgepackt, die ersten Wochen hat die WG-Gemeinschaft zusammen in der rund 260 Quadratmeter großen Altbauwohnung in der Delbrückstraße verbracht. Zeit für ein gemütliches Frühstück, um das Modellprojekt im Bereich ambulant betreutes Wohnen der Öffentlichkeit vorzustellen. Dem Martinsclub Bremen zufolge handelt es sich um die erste inklusive WG in Bremen, in der junge Menschen mit und ohne Behinderung zusammenwohnen.

Drei Jahre hat es gedauert, bis die Idee von Nico Oppel, Fachleiter des Bereiches Wohnen beim Martinsclub, Wirklichkeit wurde: Je vier Menschen mit und ohne Beeinträchtigung sollten zusammenleben und sich gegenseitig unterstützen. Mit Aushängen und im Internet suchte er nach den künftigen WG-Bewohnern.

Gemeinsames Gemüseschnippeln fürs Foto: Nils (l.) und Helmi, zwei von acht Bewohnern der inklusiven WG des Martinsclubs. In der großen Küche wird aber nicht nur zusammen gekocht, sondern auch geplant, geschnackt und gelacht.

Sven, Onni, Enrico, Frederik, Helmi, Katharina und Janina sind mittlerweile eingezogen, nur Nils muss noch zu Hause bei Hamburg seine Kisten packen.

Jeder in der sich über zwei Etagen erstreckenden Wohnung habe hier die gleichen Rechte und Pflichten, betont Oppel, für den diese Form des Zusammenwohnens „ein wichtiger Baustein für eine inklusive Gesellschaft“ ist. „Aber manche brauchen eben eine Unterstützung im Alltag.“ Und so helfen die Studenten und Auszubildenden ohne Beeinträchtigung ihren Mitbewohnern etwa beim Wäschewaschen, Aufstehen und Einkaufen. Angestellt beim Martinsclub, zahlen sie zwar Miete, bekommen für ihre Unterstützung aber auch etwas Geld. „Es geht aber nicht um pflegerische Belange oder einen pädagogischen Auftrag“, so Oppel. Dafür begleitet Anne Skwara-Harms die WG, ist Ansprechpartner etwa für Angehörige, beim Gang zum Arzt und zu Behörden. Oppel: „Konflikte und Lösungen aber sollen die jungen Bewohner untereinander in der WG diskutieren.“

Ein Zimmer für jeden Mitbewohner

Jeder der acht Mitbewohner hat ein eigenes Zimmer, dazu gibt es eine große Küche und einen hellen Gemeinschaftsraum mit Blick in den Garten. Das Haus hat der Martinsclub laut Oppel gekauft. Die der Wohnlage entsprechenden Mieten aus den weiteren vier Wohnungen finanziere die günstige Miete der WG, heißt es.

Die 20-jährige Helmi, die bald eine Ausbildung zur Ergotherapeutin beginnt, findet es „spannend, wenn ganz unterschiedliche Menschen aufeinandertreffen“. Ein Wochenplan regele, wer jeweils nachmittags zu Hause und damit Ansprechpartner für die Mitbewohner mit Beeinträchtigung sei. „Wir gucken schon, dass morgens alle aus dem Bett kommen. Aber wir sind keine Entertainer, keine Betreuer. Wir sind einfach da, wenn etwas ist.“

Enrico hat sich bereits in seinem Zimmer eingerichtet, Fotos hängen über dem Bett. „Das Lesen und Bezahlen beim Einkaufen klappt nicht so gut bei mir“, weiß der 20-Jährige. Hilfe bekommt er etwa von Student Frederik, der bereits WG-Erfahrung mit Nicht-Behinderten hat. Der 25-Jährige stellt nun fest: Es gibt gar nicht so viele Unterschiede, denn gegenseitig unterstützt haben wir uns auch schon in meiner früheren WG.“

Ob das Modellprojekt in dieser Form letztlich funktioniert? Oppel weiß es nicht. Landesbehindertenbeauftragter Joachim Steinbrück, nach eigenem Bekunden selbst WG-erfahren, hat einen Tipp: „Humor hilft immer.“

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