Artensterben und Insektenschutz

Volker Lohrmann: „Wir reden über die breite Masse“

Dokumentation des Verschwindens: Volker Lohrmann zeigt eine Gegenüberstellung der Tagfalter Bremens von einst – links im Bild – und heute. Die roten Schmetterlingssilhouetten sind Platzhalter für die Arten, die in Bremen nicht mehr vorkommen. Foto: BEINHORN/ÜBERSEE-MUSEUM
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Dokumentation des Verschwindens: Volker Lohrmann zeigt eine Gegenüberstellung der Tagfalter Bremens von einst – links im Bild – und heute. Die roten Schmetterlingssilhouetten sind Platzhalter für die Arten, die in Bremen nicht mehr vorkommen.

Bremen - Wissenschaftler aus Kalifornien haben jüngst eine neu entdeckte Wespenart nach dem Bremer Insektenforscher Dr. Volker Lohrmann benannt, der am Übersee-Museum das Sachgebiet Entomologie leitet (wir berichteten). Im Interview spricht Lohrmann nun darüber, was ihn an Insekten fasziniert – und sagt, was gegen das Insektensterben getan werden kann.

Herr Lohrmann, in unserem Gartenschuppen summen die Wespen, auf dem Rasen picken die Vögel ein Insekt nach dem nächsten aus dem Gras, an Ameisen mangelt es auch nicht. Überall aber ist vom Insektensterben zu hören. Ist es doch nicht so schlimm wie befürchtet oder täuscht der Garten-Eindruck?

Der Eindruck täuscht tatsächlich und ist eventuell gerade verstärkt der aktuellen Corona-Situation geschuldet. Denn wann haben wir zuletzt so viel Zeit im Garten, Park oder Blockland verbracht? Natürlich fallen uns da Dinge beziehungsweise Lebewesen auf, die wir sehr lange ignoriert oder übersehen haben und dazu zählen in erster Linie auch die Insekten. Man muss schon die Vergangenheit als Bezugsgröße hinzuziehen, damit die Beobachtung des Insektensterbens aus heutiger Sicht Sinn macht.

Warum täuscht der Eindruck?

Die Frage ist doch, womit vergleiche ich den Ist-Zustand. Wenn ich diesen immer nur mit meiner persönlichen Erinnerung abgleiche, dann habe ich das subjektive Empfinden, dass es in jedem Jahr aufs Neue noch nie so viele Mücken, Wespen und andere Plagegeister gegeben hat. Das liegt in der Natur des Menschen. Zudem macht den Gartenbesitzern gerade der Buchsbaumzünsler zu schaffen und tut sein Übriges in deren Wahrnehmung. Aber natürlich stehen diese, zwar zeitlich begrenzt, in sehr hoher Anzahl auftretenden Insekten nicht für Vielfalt. Die Frage ist also nicht: „Was sehen wir, wenn wir in den Garten gehen?“ – sondern: „Was sehen wir nicht mehr?“ Und da wird es problematisch. Denn erst, wenn ich Kenntnis darüber habe, was noch vor wenigen Jahren und Jahrzehnten bei uns im Garten und in der Landschaft vorkam, kann ich eine Aussage darüber treffen, ob es mehr, weniger oder anders geworden ist. Wann haben Sie beispielsweise den letzten Kleinen Fuchs gesehen? Das war mal ein sehr häufiger Schmetterling in Bremen.

Welche heimischen Insekten gelten als besonders gefährdet?

Die breite Masse – und das ist eigentlich das Erschreckende an den jüngsten wissenschaftlichen Erhebungen. In der sogenannten Krefelder Studie wurde 2017 nachgewiesen, dass wir innerhalb der letzten 30 Jahre mehr als 75 Prozent der Biomasse bei den Fluginsekten verloren haben. Da reden wir nicht über einzelne betroffene Arten, sondern über die breite Masse. Aber natürlich gibt es besonders betroffene Insektengruppen. Helmut Riemann, ein ehemaliger Mitarbeiter des Übersee-Museums, hat beispielsweise für bestimmte Flächen in Achim-Baden und Achim-Uesen einen Verlust von annähernd 100 Wildbienenarten innerhalb der letzten 100 Jahre dokumentiert. Bei den Tagfaltern haben wir hier lokal bereits ein Fünftel der Arten eingebüßt. Und das sind nur zwei Beispiele.

Was kann man selbst im Alltag, im Haushalt, im Garten tun, um Insekten zu schützen?

Wir können eine ganze Menge im Privaten tun – und zwar auf sehr unterschiedlichen Ebenen. Das fängt bereits auf dem Balkon, im Garten oder auch der Parzelle an, wo wir anstelle der Baumarkt-Blumenrabatten auch bienen- beziehungsweise insektenfreundliche Gewächse anpflanzen können. Manchmal müssen wir auch gar nichts extra anpflanzen, sondern einfach stehen lassen, was gerade wächst. So sind beispielsweise Brennnesseln an den richtigen Standorten, nicht gerade am Kompost, die Wirtspflanze für Raupen zahlreicher Schmetterlingsarten wie beispielsweise Pfauenauge, Admiral oder auch Kleiner Fuchs. Wir können Nisthilfen schaffen, Bauanleitungen gibt es dafür ja genug, Totholz auch mal in einer Ecke des Gartens liegen lassen, Teilbereiche des Gartens nicht vor Anfang Juni mähen und auf die Nutzung von Pflanzenschutzmitteln im privaten Bereich verzichten. Grundsätzlich gilt, je strukturreicher ein Gebiet ist, desto höher ist auch die Artenvielfalt.

Wie sind Sie dazu gekommen, sich beruflich mit Insekten zu beschäftigen?

Meine Begeisterung für die Biologie ist definitiv seit meiner Kindheit tief in mir verwurzelt. Mein Vater war Hobbyimker und wir hatten eigentlich immer irgendwo unter dem Dach unseres alten Hauses ein Wespennest. Zwar wollte ich als Kind noch Förster werden, habe aber bereits zu der Zeit sehr viel gesammelt – Versteinerungen, Federn, Eierschalen, Insekten. Die Festlegung auf die Insekten erfolgte dann im Hauptstudium.

Was fasziniert Sie an Insekten besonders?

Es ist vor allem die Vielfalt der Insekten, die mich immer wieder besonders fasziniert. Und damit meine ich gar nicht nur die Zahl an Arten, sondern vielmehr die Vielgestaltigkeit und die unterschiedlichen (Über-)Lebensstrategien. Da bleiben aus biologischer Sicht keine Wünsche offen, da es kaum etwas gibt, das bei den Insekten nicht in die Realität umgesetzt wurde. Bombardierkäfer, Kuckucksbienen, Stöpselkopfameisen, Ameisenlöwen… allein die Namen sind doch bereits ein Versprechen.

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