"Rückenwind" hilft Kindern aus Hartz-IV-Familien

Das Zubereiten der Mahlzeiten macht besonders viel Spaß – Szene aus den „Rückenwind“-Räumen.

Bremerhaven. Vorsichtig schneidet die sechsjährige Ally Kartoffeln in akkurate Stücke. Anschließend nimmt sie ihr Brettchen und schiebt die Würfel in eine große Schüssel. Auf dem Herd kocht bereits ein großer Topf Blumenkohl vor sich hin.

Denn Blumenkohlcremesuppe steht heute als Abendessen auf dem Programm – und Ally hat vor allem Spaß an der Zubereitung. „Das schmeckt dann noch viel besser.“ Seit zwei Jahren kommt das Mädchen regelmäßig zum Verein „Rückenwind“ in Bremerhaven, um Kochen zu lernen, mit anderen Kindern zu spielen, Ausflüge zu unternehmen, Nachhilfe zu bekommen oder sich Bücher auszuleihen. Alles kostenlos.

Während Ally und drei andere Mädchen fleißig Gemüse schnippeln, spielen in einer anderen Ecke ein paar Kinder Karten. Noch ist es relativ ruhig in den bunt bemalten Räumen, deren Wände zahlreiche selbstgebastelte Bilder schmücken. Ein Großteil der jungen Besucher übt gerade im Hallenbad für die „Seepferdchen“-Prüfung oder vergnügt sich beim Tanzen und Fußball.

Doch bald wird sich die ehemalige Kneipe füllen – dann, wenn es Essen gibt. „Wir haben es abends immer voll. Wir müssen die Tür sogar manchmal zumachen, weil wir keinen Platz mehr haben“, erzählt Paul Petzel, der als Koch in dem Verein arbeitet. Im August 2003 hatten Friederike Görke und Kristina Freudenhammer „Rückenwind“ gemeinsam mit sechs anderen Freiwilligen im Bremerhavener Stadtteil Lehe gegründet, der von hoher Arbeitslosigkeit, vielen Ausländern und sozial schwachen Familien geprägt ist. „Wir hatten das Gefühl, dass hier dringend eine offene Tür für Kinder nötig ist“, erklärt die pensionierte Lehrerin Freudenhammer. Die Tür des Vereins steht allen Kindern offen, doch der Großteil von ihnen stammt aus Hartz-IV-Familien. Anfangs kamen durchschnittlich 15 Kinder, heute sind es um die 80. „Der Bedarf ist gestiegen“, sagt Görke. „Und es ist abzusehen, dass er noch weiter steigt.“ Aus vergleichbaren Einrichtungen wie etwa dem „Zuhause für Kinder“ im Bremer Stadtteil Huchting ist Ähnliches zu hören.

In Bremerhaven leben nach Angaben der Sozialbehörde gegenwärtig etwa 5 600 Kinder unter 15 Jahren in einem Hartz-IV-Haushalt. Das sind 36 Prozent aller Kinder in der Stadt. Damit belegt sie im bundesweiten Vergleich den Spitzenplatz.

Görke und Freudenhammer erleben jeden Tag, dass das Geld in diesen Familien an allen Ecken und Enden fehlt. Warme Winterkleidung, Schulhefte, Kinobesuche oder neue Schuhe können sich viele nicht leisten. Deshalb begrüßen beide Frauen, dass das Bundesverfassungsgericht die Hartz-IV-Regelsätze für Kinder gerade gekippt hat.

Dennoch bleibt Görke skeptisch: „Es ist fraglich, ob es am Ende spürbar mehr Geld gibt.“ Und Geld alleine reiche auch nicht. „Die Menschen brauchen eine Perspektive.“ Genau das will der Verein „Rückenwind“ den Kindern vermitteln. Neben warmen Mahlzeiten, Nachhilfe und Hausaufgabenbetreuung bietet der aus Spenden finanzierte Verein unter anderem Ausflüge in den Zirkus, ins Museum oder auf die Eisbahn, Schwimmunterricht, Fahrradtouren und Zeichenkurse an.

„Wir ermöglichen das, was sonst nicht drin ist“, erläutert Freudenhammer. Im Vordergrund steht dabei jedoch, den Kindern zu zeigen, dass sie – obwohl sie arm sind – etwas können und wertvoll sind.

lni

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