Die neue Direktorin des Bremer Focke-Museums setzt auf Dialog

„Wir brauchen die Menschen!“

In der Gruppe: Anna Greve, die neue Direktorin des Hauses, will das Focke-Museum für Dialog, Austausch und Bürgerbeteiligung öffnen. Die Kommunikation läuft auch über digitale Kanäle.
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In der Gruppe: Anna Greve, die neue Direktorin des Hauses, will das Focke-Museum für Dialog, Austausch und Bürgerbeteiligung öffnen. Die Kommunikation läuft auch über digitale Kanäle.

Bremen – Neue Pläne für neue Zeiten – die Kunsthistorikerin Prof. Dr. Anna Greve (47) hat in dieser Woche die Leitung des Focke-Museums übernommen. Sie ist die Nachfolgerin der Kulturwissenschaftlerin Dr. Frauke von der Haar, die im April 2008 aus Bayern als Direktorin an das Focke-Museum gekommen war und Anfang 2020 ans Münchner Stadtmuseum wechselte. Im Interview spricht Greve über ihre Ziele.

Frau Greve, Sie haben angekündigt, dass das Focke-Museum nicht allein ein historisches Gedächtnis Bremens sein soll, sondern zugleich die zeitgenössische Interpretation eines Bürgerhauses. Was bedeutet das?

Wir kennen das traditionelle Museum, das ein historisches Erbe ausstellt. Seit einigen Jahren ist es üblich, dazu Gegenwartsbezüge herzustellen. Ich möchte einen Schritt weitergehen. Das Ziel ist ein integratives Bürgerforum, das im Dialog mit den Bürgern entsteht. Das Ideal der 70er Jahre war, dass das Museum den Menschen Bildung bringt – so, wie die Museumsleute sich das vorgestellt haben. Wir kehren das um und fragen: Was wünscht Ihr Euch von uns? Wir verbinden das mit einer phantastischen Sammlung und wissenschaftlicher Begleitung. Überhaupt: Spaß und wissenschaftlich fundiertes Arbeiten schließen einander nicht aus.

Sie wollen Bürger also deutlich stärker in die Museumsarbeit einbeziehen?

Wir wollen das Haus von außen nach innen verändern – mit der Hilfe verschiedener Projekte. Im März 2021 eröffnen wir das „Stadtlabor“: Bürger kuratieren Ausstellungen. Wir möchten eine Vortragsreihe direkt mit Objekten aus unserer Sammlung verknüpfen. Wir möchten Dinge ausprobieren und entwickeln, die es bundesweit so noch nicht gibt. Bis 2023 haben wir dazu Zeit.

2023 wird das Haupthaus zwecks Umbau geschlossen. Wie geht es dann weiter?

Das Haupthaus des Focke-Museums bekommt einen Vorbau mit multifunktionalen Räumen und Gastronomie. Außerdem werden die Innenhöfe überdacht, um darin mit einem modularen Ausstellungssystem arbeiten zu können. Im März nächsten Jahres entscheidet die Jury im Architekturwettbewerb. 2026 soll das Haupthaus wieder öffnen.

„Modulares System“ – das lässt eine gewisse Beweglichkeit und Offenheit anklingen.

Ja, wir werden flexibler mit Räumen umgehen. Es ist mir auch wichtig, nicht mehr von „Dauerausstellung“ zu sprechen. Es werden immer mal wieder Teile verändert! Wie kann eine Sonderausstellung im 21. Jahrhundert aussehen? Zu dieser Frage wollen wir ab Anfang nächsten Jahres Workshops anbieten.

Also wieder: Bürgerbeteiligung.

Dialog ist wichtig, wir brauchen die Menschen! Und wir wollen auch jene erreichen, die noch nicht ins Museum kommen. Brückenbauer dafür können Studenten sein, junge Menschen. Leiter von Bürgerhäusern, Einrichtungen wie das Mütterzentrum Tenever. Stadtteile können sich in unserem Haus den Bremern vorstellen – mit den Themen, die die Menschen in den Stadtteilen bewegen. Oder die Menschen im Umland: Syke zu Gast im Focke-Museum – warum nicht?

Corona und die Schließungszeiten wegen der Pandemie haben die Digitalisierung noch einmal vorangetrieben – auch im Museum. Wie gehen Sie damit um?

Wichtig ist die Integration des Analogen und des Digitalen – Interaktion statt Parallelwelt. Wir fragen uns, wie kann man die Dinge verknüpfen? Ein Weg wäre es zum Beispiel, bremische Objekte aus unserer Sammlung über das Schulnetzwerk „It‘s learning“ in die Schulen zu bringen.

Sie haben das Online-Projekt „100 Tage – 100 Objekte“ begonnen. Was machen Sie da?

Ich muss ja die Sammlung des Focke-Museums schnell kennenlernen. Zugleich wollen wir zeigen: Hier passiert etwas und wir sind an Austausch interessiert. Also nutze ich Twitter, Facebook und Instagram – auch, um zu experimentieren. Auf den drei Kanälen wählt man unterschiedliche Arten des Schreibens und bekommt auch unterschiedliche Reaktionen. Twitter etwa hat sich zu einem Medium des Austauschs unter Fachleuten entwickelt. Auf Facebook ist mehr so die gemütliche Fangemeinde in Bremen. Instagram erreicht die jungen Menschen. Mein 16-jähriger Sohn zum Beispiel erzählt mir, was in der Politik los ist – er holt sich seine Informationen über Instagram. Zugleich ist Instagram ein sehr ästhetisches Medium, eine Darstellung über das Bild. Da geht es auch darum, Linien zu entwickeln. Das wäre eine Aufgabe für Studierende der Kunstwissenschaft, sich daran zu machen – richtig gut durchdacht, mit einer langfristigen Strategie dahinter.

Verraten Sie uns bitte noch, welches Ihr Lieblingsobjekt in der Sammlung des Focke-Museums ist!

Ein ganz kleines, unscheinbares Objekt, an dem sich aber wunderbar von wirtschaftlichen und globalen Verflechtungen erzählen lässt: das Pfefferkorn, das 1989 bei Ausgrabungen in der Bremer Innenstadt gefunden worden ist. Es stammt aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts.

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