INTERVIEW Wolfgang Reiche zur Flucht aus der DDR und das Leben danach

„Wiedervereinigung zu schnell“

Wolfgang Reiche ist als 17-Jähriger auf eigene Faust aus der DDR geflohen. Ost und West bringt der Wahl-Bremer als Herausgeber des „Dachgebers“ buchstäblich unter ein Dach: Das Verzeichnis listet Fahrradbegeisterte, die Gleichgesinnten eine kostenlose Unterkunft anbieten. Foto: MESTER

Bremen - Von Christiane Mester. Der Fall der Berliner Mauer jährt sich heute, am 9. November, zum 30. Mal. Zeitzeuge Wolfgang Reiche (72) spricht im Interview über seine Flucht als „Sperrbrecher“ durch Stacheldraht und Minenstreifen im Südharz und erzählt, wie er den Mauerfall in Berlin erlebt hat.

Sie bieten Radtouristen aus Ost und West eine Unterkunft an. Als Dachgeber kommen Sie mit Ihren Besuchern ins Gespräch und erfahren viel über sie. Ist die Einheit geglückt, was meinen Sie?

Nein. Von außen betrachtet mag das so aussehen, aber im Inneren der Menschen sieht es anders aus.

Was ist der Grund dafür?

Die Wiedervereinigung kam zu schnell. Sie hat die Menschen überrascht, und in die weitere Entwicklung konnten sich die Ostdeutschen kaum einbringen. Das führte zu einem Gefühl der Unterlegenheit; einige fühlen sich sogar unterworfen. Ich stelle immer wieder fest: Das Verhältnis Ost-West ist keines auf Augenhöhe. Die Einheit herzustellen, dauert deutlich länger als wir angenommen haben.

Aber bei Ihnen hat es doch offensichtlich ganz gut geklappt...

Ich bin 1964 aus der DDR geflüchtet; die Wende ist nicht über mich hereingebrochen, sondern ich war selbst der Motor der Veränderung. Ich bin sozusagen ins Wasser gesprungen und habe mich aus eigenem Antrieb freigeschwommen. Das ist etwas anderes.

Ihre persönliche Geschichte haben Sie bereits mehrfach öffentlich erzählt. Demnach sind Sie 1964 – drei Jahre nach einem gescheiterten Fluchtversuch Ihrer Familie – auf eigene Faust als „Sperrbrecher“ durch Stacheldraht und Minenstreifen geflohen. Einer Diktatur entkommen zu wollen, ist nachvollziehbar, aber warum haben Sie einen solch riskanten Weg gewählt?

Ich war noch jung damals, erst 17 Jahre alt. Ich hörte von einem Pärchen, das an der Grenze im Südharz an einer Stelle ohne Minen abgehauen ist. Das brachte mich auf die Idee. Der Harz ist bergig und steinig, da kann man bestimmt keine Minen verbuddeln, dachte ich. Ich habe den Staatsfeiertag der DDR gewählt, weil da sicher alle frei haben und feiern würden – auch die Soldaten an der Grenze. Das zu denken, war sehr naiv. Das weiß ich heute, aber damals habe ich mein Moped im Wald abgestellt und bin in Richtung Westen gelaufen.

Welche Gedanken schossen Ihnen auf den entscheidenden letzten Metern durch den Kopf?

Über Stunden war niemand zu sehen, also bin ich irgendwann einfach losgelaufen. Durch den ersten Stacheldrahtzaun kam ich noch sehr gut. Dann stand ich vor einem zweiten Zaun, diesmal aus Maschendraht. Mit einer Steighilfe unter den Schuhen konnte ich auch den erklimmen, muss dabei aber ein Signal ausgelöst haben. Denn plötzlich hörte ich durch den Nebel: „Halt, stehenbleiben – Grenzschutz der DDR“. Das war der entscheidende Moment für mich da oben auf dem Zaun. Ich dachte, entweder gebe ich jetzt auf oder ich ziehe mich rüber. Ich tat Letzteres.

Ihre Flucht glückte. Sie machten Abitur, studierten, fuhren mit dem Fahrrad um die Welt – Sie waren frei, während Ihre Eltern und Geschwister weiter hinter dem Eisernen Vorhang lebten. Hatten Sie Schuldgefühle?

Zunächst, ja. Kurz nach mir plante einer meiner Brüder die Flucht und flog auf. Er kam in U-Haft und sagte im Verhör, er wolle zu seinem Bruder in den Westen. Als ich davon erfuhr, hat mich das sehr getroffen. Es ging gut aus, er bekam Bewährung, aber dass es überhaupt dazu kam, habe ich mir zugeschrieben. Später löste sich das auf, denn ich habe den Kontakt immer gehalten. Nach der ersten Generalamnestie im Jahr 1972 fuhr ich das erste Mal wieder in die DDR. Seither habe ich meine Familie regelmäßig besucht bis die Mauer fiel.

Wo waren Sie am 9. November 1989?

In Berlin. 1989 war ich mal wieder auf großer Tour. Mein Cousin und ich sind mit dem Fahrrad die Seidenstraße entlanggefahren. Wir durchquerten China, waren in Moskau und nahmen für den Rückweg den Zug. So kam es, dass wir am 9. November genau dann in West-Berlin eintrafen, als sich kurz zuvor die Mauer geöffnet hatte. Das war ein großer Zufall.

Was haben Sie vor Augen, wenn Sie daran zurückdenken?

Glückliche Menschen, einfach die pure Freude. Ostdeutsche fallen mir ein, die in der Telefonzelle in den Hörer riefen: „Was meinst Du, von wo aus wir anrufen?“. Es war einfach unglaublich, eine riesige Überraschung für alle. Später sind wir mit dem Rad nach Hamburg gefahren. Eingereiht zwischen DDR-Autos erreichten wir den Grenzübergang. Am Straßenrand standen Westbürger, die uns begrüßten und uns Bananen schenkten – dabei war ich doch Bremer und kam von einer Radreise aus China – es war lustig.

Bremen ist Ihre Wahlheimat, aber geboren sind Sie in Thüringen. Dort wurde die AfD unter Björn Höcke bei der Landtagswahl zweitstärkste Kraft. Warum haben so viele AfD gewählt?

Viele Wähler haben sich offenbar nicht über die Ziele der AfD informiert und nur die Versprechungen gesehen. ‚Die Wende vollenden‘ war ein Slogan, der gezogen hat. Das ist bedauerlich. Doch jetzt wendet sich das Blatt für die AfD. Sie führt die Opposition an und muss sich an ihren Taten messen lassen.

Das klingt sehr entspannt. Der Wahlerfolg der AfD unter Björn Höcke ist kein Grund zur Sorge, meinen Sie?

Das habe ich nicht gesagt, aber die AfD wurde demokratisch gewählt. Sie hat ein Mandat von den Bürgern bekommen. Wichtig ist es, ihr Verhalten im Parlament zu beobachten und ihre wahren Ziele zu entlarven.

Zur Person 

Wolfgang Reiche lebt in Bremen und ist Verkehrspädagoge, Fahrradtechniker und Radreiseexperte im Fahrradclub ADFC. Der gebürtige Thüringer studierte Elektrotechnik und Berufspädagogik in Braunschweig und Berlin. Reiche, Mitglied bei den Grünen, organisiert seit der Wiedervereinigung geführte Radtouren in die frühere DDR, um Westdeutschen den Osten näherzubringen.

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