„Verschwunden“: Das Stadthaus vereinte Behörden, Gerichte und Polizei unter einem Dach

Das Werk des „Deichkondukteurs“

Das Stadthaus – Mitte des 19. Jahrhunderts aus Richtung Domshof gesehen. Das klassizistische Behördengebäude war ein Werk des Bremer Deichbauaufsehers und Stadtbaudirektors Nicolaus Blohm.

Bremen - Von Thomas Kuzaj. Behörden, Gerichte, Polizei – sie alle saßen einst direkt am Rathaus. Da waren die Wege zwischen den Entscheidungsträgern manchmal ganz kurz. Untergebracht waren Behörden, Gerichte und Polizei im klassizistischen Stadthaus – das heute Thema unserer Serie „Verschwunden“ ist.

Das Stadthaus stand neben dem Rathaus – auf dem Areal des früheren Palatiums. Das Palatium war ursprünglich die Residenz des Erzbischofs gewesen. Ende des 13. Jahrhunderts war es als Bauwerk der Backsteingotik errichtet worden – nordwestlich des Doms zwischen Domshof und Liebfrauenkirche und (eben) gleich am Rathaus.

Seit Mitte des 14. Jahrhunderts zog der Erzbischof es vor, außerhalb der bremischen Mauern zu residieren. Das Palatium war nun Amtssitz seines Stadtvogts, sprich: Vertreters und Verwalters.

Anno 1648 kam das Palatium in schwedischen Besitz, 1718 ging es an Hannover, 1803 wurde es bremisch. In der „Franzosenzeit“, als Bremen für ein paar Jahre zu Napoleons Reich gehörte, war das Palatium Sitz der „Mairie“, der Kommunalverwaltung nach französischem Vorbild.

Das Stadthaus braucht Platz

Nach 1816 wurde das Palatium dann abgerissen. Bremen brauchte Platz für das Stadthaus. Errichtet wurde es 1818/19 auf den Fundamenten des Palatiums – und zwar nach Entwürfen des bremischen „Deichkondukteurs“ (sprich: Deichbauaufsehers) und Stadtbaudirektors Nicolaus Blohm. Der Architekt und Ingenieur war 1779 in Dreye geboren worden. Er starb 1855 in Bremen. Mit dem Stadthaus waren nun Behörden, Gerichte und Polizei unter einem Dach untergebracht.

Auch Gerhard Caesar, der von 1792 bis 1874 lebte, wirkte hier. Seit 1818 war er als Jurist tätig. 1825 ernannte der Senat ihn zum Leiter des Staatsarchivs. 1826 veranlasste Caesar die Unterbringung der bis dahin im Rathaus gelagerten Akten im Stadthaus. So war das Stadthaus zeitweilig auch Staatsarchiv.

Doch das war nicht von Dauer – weil das gesamte Gebäude nicht einmal 100 Jahre stehen sollte. Denn 1909 brachen die Bremer den klassizistischen Bau schon wieder ab. Jetzt sollte das Rathaus selbst wachsen.

Neue Dimensionen im Neuen Rathaus

Zum Alten Rathaus kam das Neue Rathaus – ein Neubau, der dreimal so groß ist wie das alte Gebäude, was allerdings kaum auffällt. Zu raffiniert und diskret nämlich fügt sich das Bauwerk des Münchener Architekten Gabriel von Seidl (1848 bis 1913) an das Alte Rathaus an. Am 16. Januar 1913 wurde der neu errichtete Komplex eingeweiht. Er war nötig geworden, weil Bremen seit der Gründerzeit so kräftig gewachsen war. Von 1875 bis 1905 war die Einwohnerzahl von 102.499 auf 214.953 gestiegen. Mit dem wirtschaftlichen Aufstieg der Hansestadt ging ein neues Selbstbewusstsein einher. Man wollte etwas darstellen, brauchte Platz zur Repräsentation. Bremen wollte sein Wachstum in und mit seinen Bauten sichtbar machen. Der Kaufmann und „Petroleum-König“ Franz Schütte (1836 bis 1911) hatte den Neubau seit 1891 gefordert.

Eben dafür opferte Bremen das Stadthaus. Für das Gericht war in den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts ein mächtiger Neubau an der Domsheide gebaut worden. Auch die Polizei war bereits umgezogen – in das von 1906 bis 1908 errichtete (und ebenfalls machtvoll wirkende) Polizeihaus (Am Wall). Das Staatsarchiv wiederum zog in ein Gebäude an der Tiefer – gemeinsam mit dem Standesamt. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Staatsarchiv zerstört. Etliche Urkunden waren ausgelagert worden, viele blieben nach dem Krieg lange verschollen. 1968 zog das Staatsarchiv in einen Neubau am Fedelhören. Der Rest ist Geschichte – wie das Stadthaus.

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