Werft-Desaster vor 20 Jahren: Als der Vulkan außer Kontrolle geriet

Konkurs kostet 2000 Jobs

+
Die Luftaufnahme der Vulkan-Werft in Vegesack vom April 1996 zeigt das Baudock mit dem sich in Bau befindenden Rumpf des Kreuzfahrtschiffes „Costa II“ und einem fast fertiggestellten Containerschiff an der Ausrüstungspier.

Bremen - Von Hans-Christian Wöste. Wütende Arbeiter demonstrieren an Nord- und Ostsee, später folgen langwierige Prozesse und Untersuchungsausschüsse: Eine der größten deutschen Wirtschaftspleiten nimmt ihren Lauf, als die Bremer Vulkan Verbund AG am 21. Februar 1996 Vergleich anmelden muss. Nach kurzem Aufstieg zum größten deutschen Werftenverbund bricht ein Konzern mit rund 23000 Beschäftigten zusammen. Wirtschaftspolitiker stehen vor einem Scherbenhaufen.

Schnell gerät nach Vergleichsantrag und Konkurs das Management in die Kritik: „Nieten in Nadelstreifen“ aus den Vorstandsetagen sollen das Desaster verschuldet haben. Doch auch unterschiedliche Interessen in Politik, Wirtschaft und bei den Banken mischen in dem Drama mit.

„Der Absturz des Vulkan war ein Lehrstück für das komplette Versagen eines viel zu schnell gewachsenes Unternehmen“, sagt heute der Bremer Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel. Interne und externe Kontrollen hätten versagt.

Mit dem SPD-Wirtschaftsstaatsrat Friedrich Hennemann wird ein senatstreuer Beamter an die Konzernspitze gehievt. Er will den Vulkan zu einem globalen maritimen Technologiekonzern ausbauen und hat eine Vision: „Wir stehen vor einem ozeanischen Jahrhundert“, orakelt Hennemann und verfolgt nun eine riskante Expansionsstrategie.

Werften in Bremerhaven und Wilhelmshaven und diverse Firmen stehen auf der Einkaufsliste. 1992 folgt ein Coup: Nach dem Fall der Mauer übernimmt der Vulkan mit den Werften in Wismar, Stralsund und dem Dieselmotorenwerk Rostock fast die gesamte ostdeutsche Werftindustrie.

Politiker in Bremen, Bonn und Brüssel, Bankenchefs, Gewerkschafter, Betriebsräte und Journalisten vertrauen der Vulkan-Spitze. „Wer nur wagte, das Vulkansystem zu kritisieren, galt als Landesverräter“, erinnert sich Hickel. Doch mit der Übernahme der Ostwerften habe sich der Konzern an der Weser übernommen.

1995 beginnt der Anfang vom Ende: Nach Liquiditätsproblemen tritt Hennemann auf Druck der Banken zurück, am 21. Februar 1996 folgt der Vergleichsantrag, am 1. Mai der Anschlusskonkurs. Danach beginnt das große Aufräumen. Die Treuhandnachfolgerin BvS stellt Strafanzeige gegen den früheren Vulkan-Vorstand wegen zweckwidriger Verwendung von Beihilfen in Höhe von 435 Millionen D-Mark (rund 220 Millionen Euro). EU-Fördergelder für Ost-Werften sollen in maroden West-Firmen des Verbundes versickert sein. „Das Geld ist weg“, konstatiert Konkursverwalter Jobst Wellensiek.

Der Prozess gegen Ex-Vorstandsmitglieder wegen Untreue zieht sich über mehr als 100 Tage. Das Verfahren endet für Hennemann zunächst mit einer zweijährigen Bewährungsstrafe. Nach der Revision kassiert der Bundesgerichtshof jedoch das Bremer Urteil. Schließlich wurde das Verfahren eingestellt und die Kosten hat Bremen voll übernommen. „Das hatte zur Folge, dass Herr Dr. Hennemann letztlich um den Freispruch gebracht wurde, was wir alle sehr bedauert haben“, sagt Hennemanns damaliger Verteidiger, Hanns W. Feigen, im Rückblick.

Unterdessen gehen allein in Bremen 2000 Werftarbeitsplätze verloren. Wut, Enttäuschung und Verbitterung spürt der Bremer Medizinsoziologe Wolfgang Hien bei Interviews mit Betroffenen: „Viele ehemalige Vulkanesen fühlten sich als Betrogene, die von der Politik vergessen und verachtet werden.“

Umgekehrt macht sich auf den Ostwerften Verbitterung breit: „Das Westmanagement hat unser Geld geklaut, so war die Stimmung damals“, sagt der frühere Bezirksleiter der IG Metall Küste, Frank Teichmüller.

dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Sieg auf Zypern verpasst - BVB droht Aus in der Königsklasse

Sieg auf Zypern verpasst - BVB droht Aus in der Königsklasse

RB Leipzig feiert ersten Champions-League-Sieg

RB Leipzig feiert ersten Champions-League-Sieg

Haben sich Ihre Fingernägel so verändert? Dann sofort zum Arzt!

Haben sich Ihre Fingernägel so verändert? Dann sofort zum Arzt!

Google Pixel 2 und Pixel 2 XL im Test

Google Pixel 2 und Pixel 2 XL im Test

Meistgelesene Artikel

Träume werden wahr – Weserhäuser in der Überseestadt

Träume werden wahr – Weserhäuser in der Überseestadt

Schwarzfahrer festgenommen: Fahrten im Wert von mehr als 5.000 Euro erschlichen

Schwarzfahrer festgenommen: Fahrten im Wert von mehr als 5.000 Euro erschlichen

250 Kilo schwere Weltkriegsbombe in Hastedt entschärft

250 Kilo schwere Weltkriegsbombe in Hastedt entschärft

„Mein Kunst-Stück“ mit Anette Venzlaff: Ein Herz für Verlierer

„Mein Kunst-Stück“ mit Anette Venzlaff: Ein Herz für Verlierer

Kommentare