Der gewaltsame Tod einer jungen Frau

Protokoll eines Verbrechens: Wer hat Mina getötet?

Fundort: Am Abend des 25. März 2020 entdeckte ein Passant Minas Leiche an diesen Baum direkt am Rembertiring gelehnt.
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Fundort: Am Abend des 25. März 2020 entdeckte ein Passant Minas Leiche an diesen Baum direkt am Rembertiring gelehnt.

Im Frühjahr 2020 stirbt in Bremen eine junge Frau, sie wird umgebracht. Ein Verdächtiger wird gefasst, angeklagt, freigesprochen. Die Mutter möchte nur eins: dass der Fall aufgeklärt wird. Hier Hintergründe zum Thema.

Bremen – Mina Cobbina wurde nur 28 Jahre alt. Erwürgt und abgelegt an einen Baum, findet Ende März 2020 ein Passant die tote Frau nahe dem Bremer Rembertiring. Wenige Tage später nimmt die Polizei einen Tatverdächtigen fest, der Mann kommt in Untersuchungshaft, wird angeklagt. Doch das Landgericht spricht den heute 30-Jährigen im Sommer 2021 aus Mangel an Beweisen vom Vorwurf des Totschlags frei.

Der gewaltsame Tod einer jungen Frau in Bremen

Für Familie und Freunde der Studentin bleibt die quälende Frage: Wer hat Mina getötet?

Die Tat

25. März 2020: Bei Temperaturen knapp unter dem Gefrierpunkt liegt Mina Cobbinas Leiche an einen Baum gelehnt. Zugedeckt mit einer Jacke und mit falsch herum angezogener Hose, findet ein Mann die Frau gegen 23.30 Uhr auf einem Grünstreifen am Rembertiring, nur wenige Meter von ihrer Wohnung entfernt. Mina wurde erwürgt. Drei bis fünf Minuten, das ergab ihre spätere Obduktion, drückte der Täter ihr den Hals zu. Mina erstickte an ihrem Blut. Wie lange Mina dort lag und wann sie starb, ist bis heute unklar. Wie so vieles in dem Fall.

Die Vorgeschichte

„Sie war so hilfsbereit, einfach immer für jeden da.“ Fragt man Verwandte und Freunde von Mina, war es diese Eigenschaft, die sie besonders ausgezeichnet hat. Klar ist, sie vermietete ihre Wohnung an der Bohnenstraße/Ecke Eduard-Grunow-Straße an den späteren Angeklagten. Und dafür, das ergab die Beweisaufnahme am Bremer Landgericht, blieb das Geld aus. Mehrere Monate wartete die Studentin auf ihre Miete, hinzu kamen Rückstände für Strom. Etwa 3 000 Euro soll der Mann ihr geschuldet haben.

Es war der 24. März 2020, als Mina den Entschluss fasste, ihre Wohnung zu betreten. Dort hielt sie per Handykamera den Zustand der Räume fest und postete das Video auf Instagram. Sie machte den Namen ihres langjährigen Bekannten und Mieters öffentlich, beleidigte ihn und lobte eine Belohnung von 150 Euro aus für denjenigen, der ihr den Aufenthaltsort des Mannes nennt. Zudem erstellte sie ein Fake-Profil des Bekannten. So rekonstruierte es das Landgericht im Prozess. Im Video sei zu sehen, wie dreckig und verwahrlost die Wohnung gewesen sei, hieß es. Angesprochen darauf, sagte der Angeklagte im Verfahren, er sei für die Verhältnisse in der Wohnung, unter anderem Schimmel, nicht verantwortlich. Dass Mina ein Fake-Profil von ihm erstellt und ihn öffentlich denunziert habe, habe ihn laut Gutachter nicht wütend gemacht, er habe es allenfalls als „schade“ empfunden.

Einen Tag nach dem Aufsuchen der Wohnung ist Mina tot.

Der Angeklagte

Von Beginn an bestritt der 30-Jährige die Tat. „Nachhaltig und deutlich“ habe der Mann dem psychiatrischen Gutachter klargemacht, Mina nicht getötet zu haben, sagte dieser während seiner Aussage vor Gericht. Konzentriert und nach außen hin gelassen, verfolgte der aus Nigeria stammende Angeklagte das rund neunmonatige Verfahren. Nach den Ausführungen des Gutachters kam der Mann mit etwa zehn Jahren nach Deutschland, lebte sich hier gut ein, hatte Freunde und eine „unauffällige Jugend“. Und auch sonst fand der Sachverständige nichts, was auf eine gestörte Entwicklung schließen lasse – ein Leben „frei von jedweden Brüchen“, so das Fazit der Exploration.

Doch es gibt auch eine andere Sicht auf den Mann. „Nach außen hin sauber, nach innen dreckig“, so beschreibt Minas Mutter Felicia Bruns den 30-Jährigen. Sie hält ihn für gewalttätig – und auch für fähig, Mina getötet zu haben. Das Gericht sei auf seine „Masche“ reingefallen, sagt Felicia Bruns, sie jedoch habe ihn durchschaut. Auch eine sehr gute Freundin Minas, die ihren vollen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, nennt ihn einen „hochgefährlichen Psychopathen“. In der afrikanischen Community Bremens, in der Mina und ihre Freundin einst verkehrten, sei der Angeklagte als „Blender“ aufgefallen. Er habe „unnötig gelogen“, wohl, um sich in ein besseres Licht zu rücken, deutet sie an. Beide, sowohl Mutter Felicia als auch Minas beste Freundin, sagen: „Wir haben alle Szenarien durchgespielt, es kann nur er gewesen sein.“

Die Tote

Dabei hatte Mina noch so viel vor. Neben ihrer Leidenschaft für den Fußball, der sie in der Zweiten Frauenmannschaft des SV Werder Bremen in der Verbandsliga zeitweise nachging, sei es vor allem ihr Studium gewesen, das sie erfüllt habe. Auch zum Tatzeitpunkt fokussierte sich die 28-Jährige voll auf ihre Prüfungen, erzählt ihre Freundin. „Sie war super gestresst.“ Und dennoch habe Mina ihre Probleme nie jemand anderem aufbürden wollen. So sei es auch im Fall der Mietschulden gewesen. Sie habe das allein klären wollen.

Für ihre Freundin war Mina wie eine Schwester, viele Jahre kannten sie einander. Beide besuchten sich häufig, tauschten sich aus – deshalb wisse sie eines ganz sicher:: „Sie hatte keine Feinde, insbesondere, weil sie ja zuletzt kaum noch in Bremen war.“ Mina sei „eine lebendige Person“ gewesen, humorvoll, offen gegenüber anderen Menschen, herzlich – „und sehr, sehr hilfsbereit“, das könne jeder bestätigen.

Der Prozess

38 Verhandlungstage, 37 Zeugen und Sachverständige, neun Monate Dauer: Unbeachtet von der Öffentlichkeit begann im Herbst 2020 das Verfahren gegen den heute 30 Jahre alten Mann. Der Vorwurf: Totschlag. Er soll, so der damals zuständige Staatsanwalt Florian Maaß zu Prozessbeginn, Mina erwürgt und später vor ihrem Wohnhaus abgelegt haben. Möglich sei, dass ihre Leiche über das Treppenhaus zunächst in den Keller gebracht und dort zeitweise abgelegt wurde. Darauf deute ein herausgerissener Ohrring der Toten auf einer Treppenstufe hin. Der Mann bestritt das – bis zuletzt und vehement. Das Gericht hatte nach nur wenigen Wochen „begründete Zweifel“ an der Täterschaft des Mannes und hob am 23. Dezember 2020 den Haftbefehl gegen ihn auf. Das Verfahren zog sich noch bis Sommer 2021 hin und endete letztlich mit einem Freispruch für den 30-Jährigen.

Ein Freispruch aus Mangel an Beweisen, „kein Freispruch erster Klasse“, betont im Nachgang Jan Stegemann, Sprecher des Landgerichts. Die Kammer, so Stegemann, hege „erhebliche Zweifel an der Täterschaft“ des Mannes, vieles sei bis zum Ende der Beweisaufnahme „einfach sehr unklar geblieben“. Nur eines nicht: Dass Mina einen gewaltsamen Tod sterben musste, „davon gehen alle aus“.

Das bestätige allein das Gutachten der Rechtsmedizin, das davon ausgeht, dass Mina „definitiv“ erwürgt wurde. Und die Untersuchungen förderten noch mehr zutage: So fanden die Ermittler DNA-Spuren des Angeklagten unter den Fingernägeln von Minas rechter Hand. Zudem Erbmaterial des Mannes an ihrer linken Brust, am Hals, der Stirn, ihrer Handinnenfläche, an Kapuze und Schuhen der Frau. Zusätzlich stellte das Landeskriminalamt (LKA) Niedersachsen Baumwollfasern seiner Jacke an ihrer Kleidung sicher, insgesamt 20 Stück. Als zweifelsfreier Beweis dienten die Funde dem Gericht nicht, insbesondere deshalb, weil Mina die Wohnung des Angeklagten einen Tag zuvor betreten hatte und so die Spuren hätte aufnehmen können, argumentierten die Experten. Das LKA-Gutachten kommt lediglich zum Ergebnis: Der Mann könne als Spurenleger „nicht ausgeschlossen“ werden.

Wo Mina erwürgt wurde, ist offen, ebenso wie die genaue Tatzeit, die Zeitspanne beträgt etwa zehn Stunden. Auch der Einsatz eines Spürhundes führte die Ermittler nicht zum Erfolg. Zwar verfolgte das Tier eine Spur und leitete die Fahnder auch in die Nähe eines Hauses, in dem sich der Angeklagte zu diesem Zeitpunkt aufgehalten haben soll, doch bei der Suche wurden Fehler gemacht. Die Hundetrainerin benutzte zum einen ihren eigenen Hund, der nicht von der Polizei geprüft worden sei, zum anderen wurde die Suche nicht per Videoaufzeichnung dokumentiert. Die erlangten Indizien sind für das Gericht somit wertlos.

Felicia Bruns (l.) ist stolz auf ihre Tochter Mina, die Abitur machte und in Bremen studierte.

Vieles, das betonte Ankläger Florian Maaß während seines Schlussplädoyers, spreche für die Schuld des Angeklagten. Doch: „Es reicht nicht.“ Insbesondere was Zeit und Ort der Tat angehe, würde „erhebliche Unklarheiten“ herrschen und somit auch „Restzweifel am Anklagevorwurf“. Er sowie die Verteidigung beantragten Freispruch. Die Kammer folgte dieser Einschätzung.

Die Mutter

Eine spärlich eingerichtete Wohnung in Huchting, Neubau, Parterre. Felicia Bruns lebt hier, seit sie und Mina vor rund 20 Jahren aus Ghana nach Deutschland gekommen sind. Ein paar Möbel, ein paar Fotos aus vergangenen Tagen – viel ist Felicia Bruns nicht geblieben von ihrer Tochter. Seit dem Tod Minas schläft ihre Mutter nicht mehr richtig, isst wenig und unregelmäßig. „Mir geht es schlecht. Aber ich muss stark bleiben.“ Es ist ein Satz, den die 53-Jährige häufig wiederholt. Als Mina noch klein war, sei die Wohnung immer voll gewesen, viele Kinder kamen vorbei oder holten Mina ab, um auf dem Bolzplatz Fußball zu spielen.

Minas Grab – davor ihre Mutter Felica.

Heute ist es ruhig, viel Besuch empfängt die 53-Jährige nicht mehr. Trotz aller Widrigkeiten hat Mina ihr Abitur gemacht, an der Hochschule Bremen Wirtschaftsingenieurwesen studiert. Zuletzt verbrachte sie ein Auslandssemester in Südafrika. „Ich war so stolz“, so die Mutter. Um 13.11 Uhr des 25. März 2020 empfängt Felicia Bruns eine WhatsApp-Nachricht ihrer Tochter. Es wird das letzte Lebenszeichen der jungen Frau sein – und ihre Mutter zu einer gebrochenen Frau machen. „Ich will Gerechtigkeit für mein Kind! Ich habe ein Recht zu erfahren, was ihr angetan wurde.“

Wie geht es weiter?

Ob sie diese Gerechtigkeit jemals erfahren, der Täter gefasst und verurteilt wird, ist offen. Das Urteil gegen Minas früheren Bekannten ist noch nicht rechtskräftig. Felicias Anwalt hat Revision eingelegt, der Bundesgerichtshof ist an der Reihe, über etwaige Rechtsfehler zu entscheiden, erläutert Sprecher Stegemann. Da der Angeklagte nicht in Untersuchungshaft sitze, könne dies „einige Monate“ dauern. Frühestens ab 2022 sei mit einer finalen Entscheidung zu rechnen. Sollte der BGH Rechtsfehler feststellen, wird neu verhandelt, dann von einer anderen Kammer des Landgerichts.

Die Ermittler machen unterdessen weiter, sagt Oberstaatsanwalt Frank Passade.

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