„Das ist sehr, sehr hart“

Wenn Helfer zur Zielscheibe werden: Gewalt gegen Einsatzkräfte nimmt zu

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Nicht nur Gewalt ist ein Thema bei Einsätzen der Polizei. Auch filmende Passanten stören oft die Arbeit der Beamten. Rainer Zottmann, Leiter Direktion Einsatz, bei der Polizei, hat dazu eine klare Meinung: „Gaffer und Gröhler brauchen wir nicht.“

Bremen - Von Steffen Koller. Sie werden bespuckt, beleidigt, geschlagen – und die Gewalt nimmt immer weiter zu. Ob Feuerwehrleute, Klinikpersonal oder Polizisten, jede dieser Berufsgruppen wurde in der Vergangenheit Opfer von Übergriffen. Viele Bremer Helfer bringen die Angriffe nicht mal mehr zur Anzeige, weil es zum „Tagesgeschäft“ gehöre, erzählen Betroffene. Einige haben reagiert und hoffen, dass sich so etwas ändert.

Es ist noch nicht lange her, da feuerten etwa 50 Randalierer Raketen und Böller auf Polizisten und Bahnmitarbeiter am Bremer Hauptbahnhof ab. Auch in Berlin, Stuttgart, Leipzig und Dortmund kam es zu ähnlichen Fällen an Silvester. Was auffällt: Immer häufiger werden auch Feuerwehrleute und Sanitäter zum Ziel verbaler und körperlicher Attacken. Michael Richartz, Pressesprecher der Bremer Feuerwehr, sagt, dass diese Situationen „hochemotional und belastend“ seien. Angepöbelt zu werden, gehöre heute zum „Tagesgeschäft“, was auch ein Grund dafür sei, dass kaum Anzeigen im internen Meldesystem vorhanden seien. 

So liegt wenig Material vor, das letztlich Aufschluss darüber gibt, wie viele Feuerwehrleute tatsächlich Opfer von Gewalt geworden sind. Wenn es Anzeigen gibt, dann wegen Gewalttaten. „Wir fischen im Trüben“, sagt Richartz und hofft, dass sich daran bald was ändert.

Toleranzschwelle heute „extrem niedrig“

Auf Besserung hofft auch Dr. Klaus-Peter Hermes. Der Leiter der Notaufnahme am Klinikum Mitte hat in den zurückliegenden Jahren einen deutlichen Anstieg von Gewalttaten gegenüber seinem Personal festgestellt. Kam es vor zehn Jahren noch zu einem Übergriff jährlich, melden Pfleger mittlerweile einen pro Woche. Schuld seien mehrere Faktoren. Zum einen habe sich das Patientenaufkommen seit 2008 um 30 Prozent erhöht – und das bei gleicher Raumausstattung. „Wartezeiten führen zu Stress und so oft zu einem erhöhten Konfliktpotenzial“, erklärt Hermes. 

Bei vielen Patienten und Angehörigen sei die Toleranzschwelle heute „extrem niedrig“. Besonders falle dies bei „bestimmten Bevölkerungsgruppen“ auf. Bespucken, schubsen und drohen seien heute „Alltag“. Viele Pfleger würden deshalb keine Namensschilder mehr tragen, zu oft habe es geheißen: „Ich kenne Deinen Namen.“ „Da wird eine psychische Barriere durchbrochen. Das geht gar nicht“, sagt Hermes.

„Das ist sehr, sehr hart“

Das Klinikum hat reagiert und alle Zimmer mit Notrufknöpfen, die Informationen direkt zur Polizei leiten, ausgestattet. Dass man so etwas überhaupt mal brauche, sagt Hermes, hätte er nicht für möglich gehalten. Besonders belastend sei das Gefühl, dem Patienten nicht mehr gerecht zu werden. „Das ist sehr, sehr hart“, so Hermes.

Wie sehr Gewalt auch gegenüber Polizisten zugenommen hat, zeigen Zahlen der bremischen Kriminalstatistik. 2016 wurden 329 tätliche Angriffe auf Beamte registriert, 2017 waren es bereits 402. Rainer Zottmann, Leiter Direktion Einsatz, führt die erhöhte Gewaltbereitschaft auch auf eine „generelle Normerosion in unserer Gesellschaft“ zurück. Die Menschen seien weniger fähig, mit Konflikten umzugehen und „leben oft nebeneinander her“.

„Situationen immer gefährlicher“

Viele Beamte wüssten, „worauf sie sich einlassen“, doch wenn „ganz normale Familienväter plötzlich austicken, bricht für viele Kollegen eine Welt zusammen“, berichtet Zottmann. Gewalt sei ein „absolutes No-Go“, das müsse bereits in Schulen gelehrt werden. Versäume die Politik, an dieser Stelle anzusetzen, bleibe die Polizei am Ende „nur ein Reparaturbetrieb – und die Kollegen auf der Strecke“.

„Auch wir müssen feststellen, dass Gewalt gegen staatliche Institutionen vorhanden ist“, heißt es von Katrin Demedts, Pressesprecherin des Bremer Jobcenters. Auffällig sei, dass „Situationen immer gefährlicher werden“. Auch hier wurde reagiert: Sicherheitspersonal wurde angestellt, Fluchttüren wurden installiert, Notrufsysteme eingerichtet.

Demedts sagt: „Wir akzeptieren keine Gewalt und fordern gegenseitige Wertschätzung.“ Im Einzelfall erteile man Hausverbote oder erstatte Anzeige.

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