CORONA Bremer Verein „Ketaaketi“ hofft auf sofortige Unterstützung

„Die Welt steht auf der Kippe“

Hygienische Standards in Sierra Leone, die keine sind: Händewaschen an provisorischen Wasserquellen.

Bremen - Von Steffen Koller. Leben auf engstem Raum, kaum ärztliche Versorgung, hygienische Standards, die keine sind: Es sind diese Umstände, die das Leben vieler armer Menschen in Ländern der Dritten Welt bestimmen. Und jetzt rollt – trotz offiziell geringer Infektionszahlen – die Corona-Pandemie auf die Ärmsten der Armen zu. Für Millionen von Menschen gehe es ums „nackte Überleben“, sagt Anneli-Sofia Räcker, Gründerin des Bremer Hilfsvereins „Ketaaketi“. Sie kennt die Situation in den Partnerländern Asiens und Afrikas und appelliert eindringlich zur Hilfe: „Wir müssen jetzt handeln. Die Welt steht auf der Kippe.“

Trügerische Ruhe und Zahlen, die so gering sind, dass man sie kaum glauben kann: Eine Handvoll Covid-19-Infizierte meldet der Süd-Sudan, ein Dutzend der Staat Burundi im Herzen Afrikas, etwas mehr als 50 sollen es in Nepal sein, Sierra Leone zählt mit knapp 100 noch die meisten Fälle. Offiziell hat die Corona-Pandemie die Ärmsten der Armen noch nicht erreicht. Doch die Situation ist fragil, sie ist gefährdeter denn je, sagt Anneli-Sofia Räcker. Das liege vor allem an den Lebensumständen, am „eklatanten Mangel an Grundnahrungsmitteln“, am defizitären Gesundheitssystem und einem Leben auf engsten Raum, die wie ein „Brandbeschleuniger“ wirkten. Hinzu kommen fehlende Corona-Tests und Möglichkeiten, diese auch nur im Ansatz auszuwerten. Die Dunkelziffer scheint riesig. Die Folgen eines flächendeckenden Ausbruchs, sie wären für die gesamte Welt „eine Katastrophe“.

Räcker ist täglich in Kontakt mit Leitern der Nichtregierungsorganisationen vor Ort, täglich ereilen sie Nachrichten von hungernden Familien, von ganzen Dörfern, die von der Außenwelt abgeschnitten sind, von Menschen, die auf offener Straße zusammengeschlagen werden. Die Gründerin und Leiterin der Organisation „Ketaaketi“ setzt sich seit der Gründung 2007 für die Vergessenen dieser Welt ein, sie vermittelt helfende Hände, sie spendet Trost. Und sie gibt den Menschen das Gefühl, dass dort jemand ist, in einer Situation, die immer prekärer wird. Mehr denn je, so Räcker, bräuchten die Menschen Hilfe, mehr denn je brauche es Spenden, „damit die Menschen überhaupt erst einmal überleben“.

Die offiziellen Zahlen sind gering, doch allein die staatlichen Corona-Maßnahmen bringen die Menschen an den Rand eines Massensterbens. Insbesondere in Nepal, in dem „Ketaaketi“ etwa 48 Hilfsprojekte betreut, gebe es weitreichende Ausgangsbeschränkungen, die dazu führten, dass traditioneller Handel zwischen den Dörfern nicht mehr möglich sei. Die Folge: kein Essen, kein Trinken. „Sind die Vorräte aufgebraucht, geht es ums nackte Überleben“, sagt Räcker. Die Menschen könnten unter anderem keine Saat fürs kommende Jahr ausbringen – und versuchten sie, gerade in den Städten, nachts an Lebensmittel zu gelangen, stünden „sofort Polizisten mit Knüppeln und Gewehren“ bereit. Die 67-Jährige, die 2019 für ihr Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde, spricht von Verhaftungswellen, von Gewalt gegen Kinder und von mehreren Millionen Arbeitern, die aufgrund der Corona-Pandemie in ihre Heimatländer zurückgeschickt würden. Einmal dort angekommen, lebten sie wie Gestrandete. Ohne Arbeit, ohne Perspektive, den Tod vor Augen.

Um die Lage der Menschen zu beschreiben, brauche es nicht viele Worte: „Entweder sterben sie an Corona oder an Hunger oder sie werden zusammengeschlagen. Andere Möglichkeiten haben sie aktuell nicht.“ Damit irgendwann wieder Licht am Ende des hoffnungslos erscheinenden Tunnels scheint, hofft die hauptberufliche Psychotherapeutin auf Unterstützung aus Deutschland. Eine solidarische Oberschicht, wie man sie von hier kenne, gebe es in vielen Partnerländern nicht. Auf Hilfe vom Staat brauche niemand zu hoffen. Hinzu kommen fehlende Versicherungen, verbindliche Renten, Monatslöhne von etwa 15 Euro und eine Arztdichte, die kaum vorstellbar ist. So kommen allein in Sierra Leone rund 33 000 Menschen auf einen Mediziner, in Deutschland liegt die Zahl in etwa bei 210. „Von digitalem Unterricht brauchen wir erst gar nicht zu sprechen.“

Räcker weiß, dass es auch in Deutschland viele Menschen gebe, die berechtigte Existenzängste hätten, sie habe „Respekt und Mitgefühl“ für ihre Nöte, doch im Vergleich zu den Partnerländern erkläre sich der Staat hier zuständig. Sollte sich die Situation nicht stabilisieren, bedeute dies letztlich eine „riesige Flüchtlingswelle“ Die Folge: „Heimatverlust für die einen – und Überforderung für uns.“

„Kinder“

„Ketaaketi“, aus dem nepalesischen für „Kinder“, setzt auf das Prinzip „small is beautiful“ („klein ist wunderschön“) und unterstützt mit Kleinstkrediten Familien in den Partnerländern. Mit Beträgen von etwa 100 Euro seien Menschen in der Lage, ein Geschäft auszubauen und selbst für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Nach einem Jahr zahlt die Familie das Geld an die nächste, im darauffolgenden Jahr geht das Geld wieder an die nächste Familie. Rund 2 000 Mikrofinanzierungen seien so bereits realisiert worden, mehr als 16 000 Kindern wurde zudem ein nachhaltiger Schulbesuch möglich gemacht.

Mehr unter

www.ketaaketi.de

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