Zu Besuch bei der Bremer Seemannsmission

Weihnachten ohne Landgang

Eine russische Zeitung in der Hand: Marleen Runge hinter der Theke im „Lighthouse“, dem Club der Bremer Seemannsmission.
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Eine russische Zeitung in der Hand: Marleen Runge hinter der Theke im „Lighthouse“, dem Club der Bremer Seemannsmission.

Weihnachten ist für Seeleute keine einfache Situation, fernab von der Heimat und der Familie. Unterstützung bekommen sie von der Bremer Seemannsmission.

Bremen – Es geht eine lange Gangway hoch an Bord der „Draftdodger“ in den Industriehäfen. Das riesige Transportschiff unter griechischer Flagge hat Erz geladen. Magnus Deppe (41), Leiter der Bremer Seemannsmission, und FSJlerin Marleen Runge (19) gehen an Bord. Zu Weihnachten ist Corona natürlich auch bei der Seemannsmission ein großes Thema.

An Bord werden sie von einem philippinischen Seemann empfangen, schreiben ihre Namen auf eine Liste. Runge unterhält sich kurz mit dem Seemann. In dessen Heimat tobte kürzlich ein Taifun. Alles okay zu Hause, steht das Haus noch, fragt Marleen Runge. Der bejaht das und freut sich über die kurze persönliche Frage. Auch Deppe unterhält sich mit einem Seemann. Dann geht es einige Treppen hoch, um den Kapitän zu treffen.

Dieser ist ein Grieche. Er hat einige Gespräche mit den Mitgliedern seiner Crew geführt, um sie von einem Corona-Impfangebot in Bremen zu überzeugen. Deppe bekommt eine Liste mit Namen und weiß nun, wer am Folgetag mit zur Impfung kommen wird. Wieder geht es Treppen und die Gangway entlang runter von Bord.

Mit Helm und Sicherheitsweste: Magnus Deppe (links), Leiter der Bremer Seemannsmission, und FSJlerin Marleen Runge. Im Hintergrund ist die „Draftdodger“ zu sehen, ein Transportschiff unter griechischer Flagge.

Es sind weite Strecken, die bei der Arbeit für die Seemannsmission mit dem Auto zu fahren sind. Wo man hinblickt: Hafenleben und Gewerbe, die vielen Angebote der Stadt scheinen weit weg zu sein. 1 600 Schiffsanläufe gebe es hier pro Jahr, so Deppe, viel Schwergut und Schüttgut, aber auch Benzin und Windkraftanlagen seien dabei, alles, was nicht in einen Container passt.

Szenenwechsel ins „Lighthouse“, dem aufgrund der Corona-Situation geschlossenen Club der Seemannsmission im „Lichthaus“ nahe dem Einkaufszentrum „Waterfront“ in Gröpelingen. Eine Frau hat einige englischsprachige Bücher als Spende gebracht und will sich jetzt nach russischsprachigen umhören.

Deppe und Runge sowie der Bremer Michael Klee, fester Mitarbeiter und seit 1986 bei der Seemannsmission, haben viel zu erzählen. Immer wieder klingelt Deppes Handy. Die Fahrten zum Impfzentrum in Vegesack im Bremer Norden müssen organisiert werden. Bis vor etwa drei Wochen konnte die Seemannsmission noch an Bord impfen, erzählt Deppe. Dann habe die Stadt den Arzt zum Einsatz im Impfzentrum abgezogen.

Von 1,5 Millionen Seeleuten auf den Meeren dieser Welt seien 30 Prozent geimpft, meist mit Johnson & Johnson. Die Verträge für die Arbeit an Bord liefen oft über zehn bis 15 Monate. Die Folge: Beim Crewwechsel gelten die Seemänner mitunter wieder als ungeimpft. Die Familie kann nicht zusammenkommen. Quarantäne-Zeiten würden den Seeleuten meist nicht bezahlt, so Deppe. Er hat eine Genehmigung zum Impfen und pikste in den vergangenen Wochen etwa 1 000 Seeleute in Hamburg und Bremerhaven.

Corona hat für die Seeleute noch eine weitere unangenehme Seite. Sie dürfen zumeist nicht von Bord, mitunter 15 oder sogar 16 Monate, berichtet Deppe. Verschiedenste Nationen sind zusammen an Bord, Menschen aus verschiedenen Kulturen und Zeitzonen. Nicht immer einfach, da ist es gut, wenn jemand von außerhalb zum Zuhören da ist.

Runge erzählt von einem Gespräch mit einem Seemann, der durch Corona acht Familienangehörige verloren hat. „Meist ist es schon hilfreich, wenn sie es jemandem erzählen können“, sagt die FSJlerin, die nach ihrem Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ) Theologie studieren und im Bereich der Gefängnisseelsorge arbeiten will. Sie trifft bei ihrer Tätigkeit auf Seeleute unterschiedlichen Alters, durchaus auch auf solche, die in ihrem Alter sind. An Bord herrsche ein ganz anderes Leben. Da mache es wenig Unterschied, ob jemand 19 oder 30 ist, sagt sie. Die Seemannsmission hat sich zur Aufgabe gemacht, die Würde der Seeleute zu fördern.

Immer wieder komme es auch zu schweren Unfällen, erzählt Deppe. Er berichtet von einem Vietnamesen, der sehr schwer verunglückt ist. Die Seemannsmission sorgte für einen Kontakt zu einem Mann, der ebenfalls aus Vietnam kam und dem Unfallopfer im Krankenhaus zur Seite stand.

Vor Corona gab es Shuttlefahrten in die Stadt, die vom Liegeplatz mitunter so weit weg erscheint. Ein Taxi kann sehr teuer werden. Die Bremer Stadtmusikanten seien besonders beliebt und insbesondere im osteuropäischen Raum bekannt, sagt Deppe. Für einen netten Plausch und einen Kaffee war das „Lighthouse“ offen. Die Seemannsmission hält Zeitungen aus den Ländern der Seeleute bereit.

In diesem Jahr hat die Seemannsmission Weihnachtsbäume an Bord gebracht. Das sei gut angekommen. „Etwas Grünes, was angenehm riecht“, sagt Deppe. Auch gab es einige spendenfinanzierte Ukulelen. „Die Seeleute sind die, die unsere Weihnachtsgeschenke bringen. Mehr als 95 Prozent unserer Artikel waren auf See“, so der 41-Jährige.

Die Seemannsmission wird von der Bremischen Evangelischen Kirche, der Berufsgenossenschaft Verkehr und durch freiwillige Schiffsabgaben der Reedereien finanziert. Spenden kommen zu 100 Prozent bei den Seeleuten an, betont Deppe.

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