Wechselvolle Geschichte

Ausgrabungen bringen neue Details zum „Schützenhof“ ans Licht

Der alte „Schützenhof“ an der Bromberger Straße – auf einer Postkarte von 1912 aus dem Archiv des Focke-Museums. Foto: ARCHIV FOCKE-MUSEUM
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Der alte „Schützenhof“ an der Bromberger Straße – auf einer Postkarte von 1912 aus dem Archiv des Focke-Museums.

Bremen - Terrazzo-Glas, Drahtglas, engmaschiger Stacheldraht, Projektile und Patronenhülsen, Bügelverschlüsse von Bierflaschen, Steingut-Fragmente und eine kleine Nivea-Dose mit dem Design der 50er Jahre – das Areal des „Schützenhofs“ an dern Bromberger Straße in Gröpelingen entpuppte sich für Landesarchäologin Prof. Dr. Uta Halle und ihr studentisches Ausgrabungs- und Historikerteam schnell als wahre Fundgrube und zugleich als „spannendes und interessantes“ Puzzle.

Die Vielzahl der Fundstücke dokumentiert die wechselvolle Geschichte des Geländes, auf dem vor 75 Jahren das Außenlager „Schützenhof“ des Konzentrationslagers Neuengamme mit mehreren Baracken entstand. Rund 700 KZ-Häftlinge, unter anderem aus Belgien, Polen und Ungarn, mussten auf der Werft AG Weser körperlich schwer schuften und durchquerten auf dem Arbeitsweg zweimal täglich den Stadtteil. Anfang April 1945 wurden die Baracken geräumt und die Häftlinge auf ihren Todesmarsch zurück über Farge und Sandbostel ins Stammlager nach Neuengamme geschickt. Von 257 Menschen, die das Lager „Schützenhof“ letztlich nicht überlebten, sind die Namen bekannt.

Doch die Geschichte des Lagers, die laut Halle „NS-Verbrechen direkt in der Stadt“ dokumentiert, ist bis in die 2000er Jahre hinein weitgehend in Vergessenheit geraten. Erst bürgerschaftliches Engagement im Stadtteil, unter anderem von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) um Raimund Gaebelein, verhinderte das vollständige Verschweigen des Ortes.

2018 setzten eine archäologische Lehrgrabung und ein Geschichtsseminar an der Universität Bremen neue Impulse für die Erforschung des Ortes und förderten bislang unbekannte historische, archäologische und geophysikalische Erkenntnisse zutage. Unter Federführung von Uta Halle und der Osteuropa-Historikerin Dr. Ulrike Huhn ist jetzt ein 144-seitiges Buch entstanden, das die vielschichtige Geschichte des „Schützenhofs“ nachzeichnet und viel über die Ausgrabungsfunde erzählt.

Das Cover

Zurück in die Geschichte: Die 1904 gegründet „Bremer Schützengilde“ errichtet 1907 an der Bromberger Straße 117 eine Schießanlage sowie eine Gaststätte mit Kegelbahn, Musikpavillon und zwei großen Festsälen. Der „Schützenhof“ floriert und wird zu einem beliebten Ausflugsort. Doch im Ersten Weltkrieg wird der „Schützenhof“ umgenutzt – das Wirtschaftsgebäude wird zur „Rekruten Ersatz Kaserne“. Anfang der 20er Jahre ändern sich die Besitzverhältnisse. Die AG Weser beantragt den Umbau des Wirtschaftsgebäudes, der Tanzsaal wird abgerissen, der üppige „Schützenhof“ schrumpft auf ein Zehntel der Grundfläche, Wohngebäude entstehen.

Die Nazis ergreifen die Macht. Mit dem Zweiten Weltkrieg beginnt die Lager-Zeit des „Schützenhofs“. Zunächst muss die Reederei „Hansa“ hier indische Seeleute unterbringen, die mit Kriegsausbruch zu Feinden geworden sind. Diese werden im Februar 1940 über die Niederlande nach Großbritannien abgeschoben. Der „Schützenhof“ wird dann unter anderem zum „Polenlager“ (1941) und zum Lager für „ausländische Arbeiter“. Am 8. Oktober 1943 bombardieren die Alliierten den Bremer Westen. Der „Schützenhof“ fällt in Schutt und Asche.

Ein Jahr später entsteht auf der Freifläche das Barackenlager für politische Häftlinge sowie polnische und ungarische Juden, die als Zwangsarbeiter auf der Werft AG Weser eingesetzt werden. Noch im Februar 1945 wird eine zweite Ausbauphase genehmigt. Zwei Monate später werden die noch lebenden Häftlinge auf ihren Todesmarsch geschickt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg ziehen Arbeiter der Werft in die Baracken. Noch heute werden große Teile des Geländes genutzt, unter anderem von der „Bremer Schützengilde“.

Das Buch - im Handel und online

Das Buch mit dem sperrigen Titel „Bremen-Gröpelingen, Bromberger Straße 117: Schützenhof – Internierungslager – Polenlager – KZ-Außenlager – Wohn- und Arbeitsort. Forschung und Erinnerung zur vielschichtigen Geschichte des Schützenhofs im 20. Jahrhundert“ ist im Verlag Edition Falkenberg erschienen und ab sofort für 19,90 Euro im Buchhandel erhältlich oder online zu bestellen (ISBN 978-3-95494-194-0).

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