Geschäft schließt im Sommer

Die Bremer Innenstadt verliert mit Grashoff eine Institution

Innenstadt-Institution: Jürgen Dewet Schmidt in Grashoffs Bistro am Loriotplatz (Contrescarpe).
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Innenstadt-Institution: Jürgen Dewet Schmidt in Grashoffs Bistro am Loriotplatz (Contrescarpe).

Grashoffs Bistro und Delikatessengeschäft am Loriotplatz schließt zum 30. Juli. Für die Bremer Innenstadt ist das ein weiterer Rückschlag.

Bremen – Es ist ein Rückschlag, der an die Substanz geht, weil er etwas vor Augen führt: Die Bremer City ist kein Umfeld mehr, in dem eine fast 150 Jahre alte kulinarische Institution von internationalem Rang profitabel betrieben werden kann. Bremen – und der Innenstadt – geht kaufkräftige Kundschaft zunehmend verloren.

„Das ist wirklich wahnsinnig traurig“, kommentiert der CDU-Abgeordnete und Unternehmer Christoph Weiss die Grashoff-Schließung auf Facebook. „Was für ein Schock“, schreibt die Komikerin, Entertainerin und Sängerin Uli Baumann. „Ein großes Kapitel geht zu Ende“, so „Top-Gym“-Gründer Gustl Smisl. Fisch-König Peter Koch-Bodes fragt: „Was ist Bremen ohne Grashoff?“

Der CDU-Abgeordnete Jens Eckhoff kommentiert es so: „Gehobene Gastronomie in der City stirbt aus. Das Ergebnis eines langen Prozesses des Niedergangs der Innenstadt, bei dem der Senat zuschaut und nichts unternimmt!“ Eckhoff spielt darauf an, dass auch das Restaurant „Topaz“ (Kontorhaus Langenstraße) die Innenstadt verlässt und im Hochsommer im Fesenfeld neu öffnen will.

Betten-Wührmann verlässte die Bremer Brill-Kreuzung

Alteingesessene Unternehmen haben den Charakter der Innenstadt lange Zeit geprägt. Nach wie vor geben Geschäfte dieser Art auf – wie der Herrenausstatter „L’uomo“ an der Knochenhauerstraße, den es seit 1979 gegeben hatte. Anderes Beispiel: Betten-Wührmann verlässt nach 135 Jahren den Brill – die Sparkassen-Zentrale gegenüber ist ja schon weg, aus den spektakulären Neubau-Plänen des Star-Architekten Daniel Libeskind für das Sparkassen-Areal wurde nichts. Von der anderen Seite droht der Verkehrsversuch Martinistraße. Nun schließt Wührmann zum 31. Juli und sucht einen anderen Standort in der Stadt.

Wührmann und Grashoff – beide Fälle machten „einen langfristigen Trend sichtbar“, meint der Bremer FDP-Politiker Volker Redder: „Es droht ein Domino-Effekt, der weitere Traditionsgeschäfte gefährden kann. Wenn Tradition verloren geht, muss neue Tradition geschaffen werden. Deswegen ist es entscheidend, dass der Senat sich endlich ernsthaft um die Innenstadt bemüht. Dazu gehört es auch, Institutionen wie die Glocke zu erhalten.“ Wie berichtet, gibt es Streit um die Pläne, die Bus- und Bahnhaltestellen am Knotenpunkt Domsheide vor der Glocke zusammenzulegen.

Grashoff-Geschichte: „Delicatessen“ und viel Prominenz

Zu Kaisers Zeiten warb Gründer Brüne Grashoff mit schönen Worten für seine „Delicatessen“. REPRo: Kuzaj

Nicht weit entfernt, am Schüsselkorb 23, hatte anno 1872 im frisch gegründeten Kaiserreich die Grashoff-Geschichte begonnen. Brüne Grashoff aus Achim eröffnete hier seine „Delicatessen-Handlung“. Grashoff hatte keine Kinder, im Jahr 1900 übernahm Johann Georg Schmidt das Geschäft. Ihm folgte Helmut Schmidt, in der dritten Generation Jürgen Dewet Schmidt (mit Ehefrau Barbara); seit 2004 liegt die Geschäftsführung bei Oliver Schmidt und dessen Ehefrau Elke.

Als das Gebäude am Schüsselkorb abgerissen werden sollte, zog Grashoff 1965 in die Sögestraße. Zunehmend vertrieb Grashoff nun auch Produkte unter eigenem Namen. Und 1968 wurde hier auch das berühmte Bistro nach französischem Vorbild eröffnet – mit dem legendären Küchenchef Rüdiger König. 1985 folgte der Umzug ins damals neu errichtete „Plaza“-Hotel am Hillmannplatz (später: Loriotplatz).

Oliver und Elke Schmidt als Caterer der Schaffermahlzeit im Bremer Rathaus.

Showmaster Rudi Carrell, Roncalli-Gründer Bernhard Paul, Pater Athanasius Wolff aus dem Kloster Maria Laach, Magier Uri Geller, Domprediger Günter Abramzik, Maler Henry Dieckmann, Journalist Gert von Paczensky, Schauspieler Helmut Qualtinger – alles Grashoff-Gäste. Wie auch Evelyn Hamann und Vicco von Bülow alias Loriot, die ihre legendären TV-Sketche bei Radio Bremen gedreht haben. „In der allgemeinen Ratlosigkeit, was mit dem Geld von Radio Bremen anzufangen sei, stießen wir auf das Restaurant Grashoff“, schrieb Loriot.

Erinnerungen an seine Besuche schmücken die Bistrowände des Geschäfts, das nun schließen wird. Es ist nicht das Ende der Grashoff-Geschichte. Die Waller Feinkost-Manufaktur des Unternehmens, Großhandel und Online-Shop bleiben. Für die Innenstadt ist das kein Trost.

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