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Vor 60 Jahren: Sturmflutkatastrophe fordert in Bremen sieben Todesopfer

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Von: Thomas Kuzaj

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Feuerwehrmänner ziehen ein Boot durchs Wasser
Februar 1962: Bergungseinsatz der Bremer Feuerwehr in einem Parzellengebiet in Bremen-Huchting. © Staatsarchiv Bremen/Karl Edmund Schmidt

Bremen – Um 22 Uhr hatte Radio Bremen eine Sturmflutwarnung gebracht. Viele Bremer ließen sich nicht beunruhigen, gingen schlafen wie sonst auch. Sturmfluten, die gibt es doch immer mal wieder. . . Wenige Stunden später sollte das Wasser manche Menschen buchstäblich aus dem Schlaf reißen. 60 Jahre ist das nun her.

Die Sturmflut in der Nacht vom 16. auf den 17. Februar 1962 ist unvergessen, sie gilt eine der schwersten Hochwasserkatastrophen des 20. Jahrhunderts. Die Erinnerungen an die Flutnacht sind untrennbar mit Hamburg und Helmut Schmidt verbunden, der sich einen Namen als Krisenmanager machte – doch auch in Bremen hinterließ das Hochwasser Spuren der Verwüstung. Und des Todes.

Auch die Ochtum überschwemmte im Februar 1962 bewohnte Bremer Parzellengebiete - wie hier in Warturm.
Auch die Ochtum überschwemmte im Februar 1962 bewohnte Bremer Parzellengebiete - wie hier in Warturm. © Staatsarchiv Bremen/Karl Edmund Schmidt

Erst wenige Monate vor der Flut hatten Inspekteure die bremischen Deiche kontrolliert. Stellen, die als kritisch galten, wurden abgedichtet. Im Februar 1962 hielten sie dem Druck der Sturmflut dann auch stand. Doch die stabilen Bremer Deiche waren nicht hoch genug – und wurden an manchen Stellen schlicht überspült. Und am Ende kostete die Sturmflut in Rablinghausen, Huckelriede und Woltmershausen sieben Menschen das Leben.

Sturmschäden schon im Tagesverlauf

Ein Orkan war es, der für eine Flutkatastrophe an der gesamten Nordseeküste gesorgt hatte – flussaufwärts liegende Städte inbegriffen. Ablaufendes Weserwasser wurde in den Fluss zurückgedrückt. Schon im Tagesverlauf hatte Bremen mit dem Sturm gekämpft. In der Vahr zum Beispiel wurden Dächer abgedeckt. An der Weser wurden Kleingartengebiete evakuiert, weil die Bremer damit rechneten, dass das Nachthochwasser deutlich höher ausfallen würde als sonst. Im Grunde aber fühlte Bremen sich sicher – die frisch abgedichteten Deiche würden dem Druck schon standhalten. Dann aber stieg die Weser nachts im tosenden Orkan auf eine Höhe von 5,41 Metern über Normalnull. Um 0.45 Uhr am 17. Februar 1962 überspülte die Weser die Wiesen des ländlichen Ortsteils Strom im Niedervieland. Schnell standen die Häuser dort unter Wasser.

Hochwassermarken an der Wilhelm-Kaisen-Brücke.
Hochwassermarken an der Wilhelm-Kaisen-Brücke. © Kuzaj

Um 1.30 Uhr wurden nahezu zeitgleich Deiche an verschiedenen Stellen überspült. Hasenbüren stand unter Wasser, bald auch Woltmershausen und Rablinghausen. Kleingartengebiete bis hin nach Warturm wurden vom Wasser zerstört. Der Stadtwerder war überschwemmt, ebenso das Suhrfeld in Hastedt (etwa dort, wo heute die „Erdbeerbrücke“ verläuft). Im Bremer Norden war Vegesack überflutet, ins Kraftwerk Farge brach Wasser ein. Zudem drückte der Orkan das Weserwasser in Nebenflüsse. Im Norden trat die Lesum über die Deiche, die Ochtum setzte das Niedervieland, das südliche Obervieland und zudem große Teile Huchtings unter Wasser; auch das Huchtinger Fleet und die Varreler Bäke trugen dazu bei.

50 Quadratkilometer Fläche Bremens überschwemmt

Innerhalb weniger Stunden wurden in dieser Nacht 50 Quadratkilometer an Fläche überschwemmt – das waren etwa 15 Prozent des Bremer Stadtgebiets. Häuser liefen mit Wasser voll, Autos trieben auf den überspülten Straßen. Vielfach trafen die Fluten Menschen, denen es nicht so gut ging – zum Beispiel, indem sie bewohnte Parzellenhäuschen vernichteten. Insgesamt, so hieß es anschließend, verloren mehr als mehr als 1.000 Menschen in Bremen ihre Wohnung oder ihr Haus. 453 Bremer waren in der Nacht von Hausdächern gerettet worden, auf die sie sich geflüchtet hatten.

Wasser, Menschen, Autos
Überschwemmungen und Sturmflutschäden am Rablinghauser Deich in Bremen am 17. Februar 1962. © Staatsarchiv Bremen/Karl Edmund Schmidt

„Aus allen Richtungen kamen Hilferufe aus dem Dunkel der Nacht. Ganze Familien saßen in der bitteren Februarkälte auf den Dächern und das Wasser stand bis zu den Dachkanten“, erinnerte sich später ein ehrenamtlicher Helfer des Technischen Hilfswerks (THW). „Mit unseren Schlauchbooten haben wir die Menschen von den Dächern geholt.“ 4.000 Katastrophenschutzhelfer waren in der Hansestadt im Einsatz – unter ihnen etwa 1.000 Bundeswehrsoldaten. In vielen Familien wird noch Jahrzehnte später von den Ereignissen dieser Nacht erzählt.

Konsequenzen für die Zukunft

Politik und Verwaltung reagierten. Eine Senatskommission beschäftigte sich mit der Sturmflut – und vor allen Dingen mit Empfehlungen für Maßnahmen. Im Juli 1963 legte die Kommission ihren Bericht vor. Die Deiche bloß weiter zu erhöhen, dabei wollte Bremen es nicht belassen. Es galt, auch auf die Nebenflüsse zu schauen, denn die praktisch zeitgleiche Überflutung von Land durch die Weser und ihre Nebenflüsse hatte Bremen praktisch schutzlos gemacht gegen die unerbittlich drückenden Wassermassen.

Die 62er Sturmflut als historisches Thema – hier im Buch „Geschichte der Freien Hansestadt Bremen nach 1945“ (Edition Temmen).
Die 62er Sturmflut als historisches Thema – hier im Buch „Geschichte der Freien Hansestadt Bremen nach 1945“ (Edition Temmen). © Kuzaj

Kooperation mit dem Umland war gefragt. Im September 1968 schlossen Bremen und Niedersachsen einen Vertrag über den Bau von Sperrwerken an Ochtum, Hunte und Lesum. Alle drei Sperrwerke wurden Ende 1979 eingeweiht.

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