„Völlig sprachlos“

Prozess um getöteten 15-Jährigen: Verteidigung kritisiert polizeiliche Ermittlungen

Hayrettin G. (vorne) und Hayat G. (links) sollen zusammen mit Sipan G. (nicht im Bild) in der Silvesternacht 2016/1017 den syrischen Flüchtling Odai K. so schwer misshandelt haben, dass dieser wenige Tage im Krankenhaus starb. Die Angeklagten müssen sich wegen gemeinschaftlichen Totschlags verantworten. Hinten rechts Stefan Hoffmann, Anwalt des 16-jährigen Angeklagten. - Foto: Koller
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Hayrettin G. (vorne) und Hayat G. (links) sollen zusammen mit Sipan G. (nicht im Bild) in der Silvesternacht 2016/2017 den syrischen Flüchtling Odai K. so schwer misshandelt haben, dass dieser wenige Tage im Krankenhaus starb. Die Angeklagten müssen sich wegen gemeinschaftlichen Totschlags verantworten. Hinten rechts Stefan Hoffmann, Anwalt des 16-jährigen Angeklagten.

Bremen - Von Steffen Koller. Im Prozess gegen drei Angeklagte wegen gemeinschaftlichen Totschlags hat am Montag vor dem Landgericht die Beweisaufnahme begonnen. Den Männern im Alter von 16, 24 und 35 Jahren (die beiden älteren sind Brüder, der Junge ist ihr Neffe) wird vorgeworfen, in der Silvesternacht 2016/2017 einen 15-jährigen Jungen so schwer misshandelt zu haben, dass er wenige Tage später im Krankenhaus starb. Als erste Zeugin wurde die leitende Ermittlerin im Verfahren vernommen. Mit dem Ergebnis, dass die Verteidigung sich „völlig sprachlos“ zeigte.

Schwere Hirnblutungen, zertrümmerte Gesichtsknochen, Unterkieferbruch – als der 15-jährige syrische Flüchtling Odai K. am 1. Januar dieses Jahres ins Krankenhaus gebracht und umgehend untersucht wird, wissen die Ärzte um seine schlimmen Verletzungen. Sie versetzen den Jungen, der Monate vor seinem Tod mit der Familie aus Syrien geflohen war und erst seit kurzem in Bremen wohnte, ins künstliche Koma. Auch die Polizei wird informiert. Die anfangs von den Beamten als gefährliche Körperverletzung eingestufte Tat wird zu einem versuchten Totschlag. Das Kommissariat für Kapitaldelikte übernimmt die Ermittlungsarbeit.

Als leitende Sachbearbeiterin im Fall sagte am Montag eine 49-jährige Zeugin vor Gericht aus. Sie sollte den Verfahrensbeteiligten einen Überblick über geleistete Arbeit geben, als „eine Art Einstieg ins Verfahren“, so die Vorsitzende Richterin Andrea Schneider.

Doch der „Einstieg“ verursachte nicht nur bei den Verteidigern Kopfschütteln. Wie die Kriminaloberkommissarin aussagte, wurde sie am 2. Januar über die schweren Verletzungen des Jungen unterrichtet, der Fall wird als versuchter Totschlag eingeordnet. Erst am 4. Januar seien sie und ein Kollege zum mutmaßlichen Tatort, einem türkischen Café in der Lüssumer Heide, gefahren. Dort sollen der Deutsch-Armenier Sipan G. (16) sowie die tükischstämmigen Brüder Hayrettin G. (24) und Hayat G. (35) den Jungen drei Tage zuvor zusammengeschlagen und mit einer fast gefüllten Whiskey-Flasche lebensgefährlich verletzt haben.

„Inakzeptable Ermittlungsarbeit“

Am Tatort angekommen, habe man sich „fünf, vielleicht zehn Minuten“ dort aufgehalten, sagte die Polizistin. Die Räume des Cafés seien „frisch gewischt“ gewesen, der Müll aus allen Mülleimern entfernt.

Die Spurensicherung wurde erst für den 9. Januar zum Tatort geschickt, das Gebäude in der Zwischenzeit nicht versiegelt. So hatten theoretisch beliebig viele Personen Zutritt zu den Räumen, hätten Spuren legen, aber auch vernichten können. Auf das Anfertigen einer Fotomappe habe man ebenfalls verzichtet, so die 49-Jährige.

Für die Verteidiger der Angeklagten eine „inakzeptable Ermittlungsarbeit“. Rechtsanwalt Marco Lund, der den 24-jährigen Hayrettin G. vertritt, zeigte sich „völlig sprachlos“, zumal die „Sicherung von objektiven Tatortspuren das A und O der polizeilichen Ermittlungsarbeit“ sei.

Auf die Frage der Vorsitzenden Richterin, ob am 4. Januar vor dem Gebäude Spuren gesichtet beziehungsweise gesichert wurden, sagte die Zeugin nüchtern, sie habe darauf „nicht geachtet“.

Der Prozess wird am Freitag, 4. August, fortgesetzt – wohl weiterhin unter verschärften Sicherheitsvorkehrungen. Bereits zum Auftakt war es vor dem Gerichtsgebäude zu einer Schlägerei gekommen, am Montag beschimpfte die Mutter des Opfers lautstark die Angeklagten als „Hunde“ und wurde des Saales verwiesen.

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