Studenten erarbeiten Konzepte für eine Seilbahn in Bremen / Exkursion nach Österreich

Vision mit Potenzial

Während Bremen noch über eine Seilbahn diskutiert, ist Bolivien schon viel weiter: Mit zehn Linien existiert im Großraum der Metropole La Paz das aktuell größte städtische Seilbahnnetz der Welt. Erbaut hat die Bahnen der österreichische Hersteller Doppelmayr. Ihn haben die Bremer Studenten für ihre Recherchen besucht. Foto: GEORG ISMAR/DPA

Bremen - Von Viviane Reineking. In mehreren deutschen Städten wird derzeit über sie diskutiert. Während sich die Bürger in Wuppertal gerade gegen eine Seilbahn entschieden haben, steckt die Debatte in Bremen noch in den Anfängen. Zu Jahresbeginn kam aus dem Wirtschaftsressort die Idee, mit einem derartigen System Gröpelingen und den Kopf des Europahafens zu verbinden und so die Straßen in der Überseestadt zu entlasten (wir berichteten). An der Hochschule Bremen erarbeiten derzeit elf angehende Bauingenieure Ideen für konkrete Umsetzungen einer urbanen Seilbahn.

Über 4,7 Kilometer und sechs Stationen in bis zu 60 Metern Höhe vom Straßenbahndepot in Gröpelingen bis zum Europahafen, diese Linienführung schwebte Wirtschaftsstaatsrat Ekkehart Siering (SPD) vor. Politisch kontrovers diskutiert, reichen die Einschätzungen von „spannend“ (FDP) über „bereichernd“ (CDU) bis zur „Luftnummer“ (Linke). Mittlerweile hat das Wirtschaftsressort laut Sprecher Tim Cordßen eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben. Ergebnisse sollen „Richtung Herbst“ vorliegen.

Über Sinn oder Unsinn einer Seilbahn für Bremen machen sich unterdessen auch zwei studentische Gruppen eines Seminars von Carsten-Wilm Müller Gedanken. Er sagt: „Wir haben den Vorteil: Wir müssen nicht politisch, wir können technisch denken.“ Die studentischen Konzepte könnten in die professionelle Studie einfließen, so Müller.

Der Professor für Verkehrswesen und Städtebau weiß: „Viele meinen, Bremen hat doch gar keine Berge. Die brauchen urbane Seilbahnen aber gar nicht. Denn auch ein Fluss ist eine Hürde, die man mit einer Seilbahn wunderbar überqueren kann.“ Eine Seilbahn als Linderung der Verkehrsprobleme in der Überseestadt, in der Staus beinahe täglich die Nerven der Autofahrer strapazieren? Die Studenten kommen zu dem Schluss: Genau das ist möglich. Auch, wenn die Seilbahn alleine die Probleme wohl nicht wird lösen können.

Seit März sammeln sie belastbare Daten etwa zu Wind und Wetter und Verkehrsbelastungen – um Impulse zu geben, die Diskussion mit Faken zu füttern. Ihre Aufgabe: Linienführungen zu entwickeln, technische Ausführungen zu ermitteln, Kosten zu errechnen. Aber es ging auch raus aus der Hochschule: zum österreichischen Seilbahnbau-Unternehmen Doppelmayr. Zur Fachmesse für alpine Technologien in Innsbruck. Zur neuen Zugspitzseilbahn in Garmisch-Partenkirchen. Und nicht zuletzt sind sie selbst viel Seilbahn gefahren.

Die Studenten kommen zu dem Schluss: Eine sogenannte Dreiseilbahn (3S-Bahn) sollte es für Bremen sein. Bei Seitenwind sei diese Variante wesentlich stabiler als etwa die mit einem Seil in London. Für Bremen rechnen die Studenten nur mit einem Ausfall von unter einem Prozent der Tage. Bis zu 5 000 Menschen kann die von den Studenten ausgewählte Gondelgröße – in einer finden etwa 30 Personen Platz – pro Richtung in einer Stunde transportieren, das entspricht Müller zufolge etwa 100 Bussen.

Eine Weserquerung erachten die Studenten als sinnvoll. Jedoch: Die Hauptverkehre laufen ihren Untersuchungen nach parallel zum Fluss. Die Kernstrecke verlaufe bei beiden Gruppen im ersten Bauabschnitt von der „Waterfront“ bis zum Europahafen. Die Weser könne sie gegebenenfalls in Richtung Rablinghausen queren. So könnte etwa auch das Güterverkehrszentrum besser angebunden werden. Eine Gruppe hat den Brill als wichtigen Einsteigepunkt Richtung Gröpelinger Einkaufszentrum ausgemacht. Gewagte Vision der künftigen Ingenieure: eine Seilbahnstation in einem der geplanten Libeskind-Türme auf dem heutigen Sparkassen-Areal am Brill. In einer weiteren Ausbaustufe könnte die Bahn bis zum Straßenbahndepot in Gröpelingen, in die Innenstadt sowie bis zum Neustädter Bahnhof führen. Pro Kilometer liegen die Kosten bei etwa 25 Millionen Euro, es gehe laut Müller aber auch wesentlich günstiger (wie etwa in Koblenz) oder teurer (wie in London).

Aufgeregt seien die Studenten ob der großen Beachtung ihrer Arbeit in Politik und Medien. Ende des Monats wollen sie diese samt genauer Berechnungen und Kosten der Öffentlichkeit vorstellen.

Verkehrsexperte Müller jedenfalls ist von der Seilbahn „komplett überzeugt“: Man könne sie vollständig mit Ökostrom betreiben. Sie sei leise und könne zu 100 Prozent barrierefrei geplant werden. Und man benötige nicht viel Fläche, weil sie nur punktuell den Boden berühre. Eine Seilbahn gebe vielmehr Platz zurück, weil die Menschen sich oben fortbewegten. Müller: „Ich hoffe, dass sich Bremen gemäß seinem Motto „Buten un binnen, wagen un winnen“ traut, das Projekt anzupacken.“

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Hurricane: Die Anreisewelle rollt - Campingplätze füllen sich

Hurricane: Die Anreisewelle rollt - Campingplätze füllen sich

Die Ostseeinseln von Fehmarn bis Usedom

Die Ostseeinseln von Fehmarn bis Usedom

Einheiten der Polizei messen sich in Bremen

Einheiten der Polizei messen sich in Bremen

Steinmeier wirbt für mehr Einmischung

Steinmeier wirbt für mehr Einmischung

Meistgelesene Artikel

Nach Großbrand in Bremer Altenheim: Technischer Defekt ist die Ursache

Nach Großbrand in Bremer Altenheim: Technischer Defekt ist die Ursache

Spezialeinheiten der Polizeien üben für den Ernstfall

Spezialeinheiten der Polizeien üben für den Ernstfall

57-jähriger Autofahrer erleidet Herzinfarkt - Ersthelfer retten sein Leben

57-jähriger Autofahrer erleidet Herzinfarkt - Ersthelfer retten sein Leben

Einheiten der Polizei aus ganz Deutschland messen sich in Bremen

Einheiten der Polizei aus ganz Deutschland messen sich in Bremen

Kommentare