„Wir sind mal kurz weg“ feiert auf dem Theaterschiff Premiere

Vier auf dem Jakobsweg

„Wir sind mal kurz weg“ – die neue Theaterschiff-Komödie widmet sich dem Jakobsweg. Hauptrollen spielen Stefan Gossler (v.l.), Alexander Wipprecht und Dirk Witthuhn. - Foto: Theaterschiff Bremen

Bremen - Von Ulla Heyne. Mann hat es nicht leicht – vor allem im mittleren Alter. Und wohin zieht es das Midlife-Krisen-gebeutelte starke Geschlecht, zumindest in „Wir sind dann mal kurz weg“, das am Donnerstag auf dem Theaterschiff Premiere feierte? Der Titel, der nicht von ungefähr an Hape Kerkelings Bestseller anlehnt, lässt es unschwer erkennen: auf den Jakobsweg.

Dort treffen vier genüsslich überzeichnete Charaktere auf ihrer Suche nach dem Weg und zu sich selbst immer wieder aufeinander, vom Alphatier im Armani-Businessanzug mit Rollkoffer und Geliebter im gelegentlich aufflackernden Funknetz bis zum zynischen Gymnasiallehrer, der nach dem Tod der Ehefrau zum Menschenfeind par excellence mutiert ist. Komplettiert wird das von Desorientiertheit zusammengeschweißte Pilger-Quartett („Nicht jeder mit Karte hat einen Plan“) durch einen lebenslustigen, Kind gebliebenen Mittdreißiger und den Türken Haluk, der die Reise im Kreuzworträtsel gewonnen hat und sich von den anderen fragen lassen muss: „War der Weg nach Mekka zu weit oder haben Sie Probleme mit den Himmelsrichtungen?“

Dass die vier Männer sich in einer kalten Nacht bis auf die Unterhose ausziehen, um die vor allem vom weiblichen Publikum bejohlte Schlüpferschau zu rechtfertigen, ist dramaturgisch eher fragwürdig. Gleichwohl: Der zuweilen etwas konstruierte Handlungsrahmen ist eh Nebensache. Die eigentliche Stärke der Revue liegt in den Songs, allesamt umgedichtete Klassiker vom Volkslied über „La Paloma“ bis zum Medley aus Volkslied und „Surfin‘ USA“. 

Die sind so pfiffig arrangiert und besonders von Stefan Gossler als Türke und Stephan Schill als Berufsjugendlicher stimmlich mehr als überzeugend dargeboten und leben von sensiblen Texten von Bärbel Arenz, die mehr Tiefgang haben als die immer wieder beschworene Prostata-Untersuchung. Wenn Haluk zu „Lemontree“ mit orientalischer Instrumentierung Bescheidenheit beschwört, ist das nicht nur musikalisch ein Genuss, sondern setzt auch inhaltlich Akzente gegen die Welt der Protzer und derer, die „den Konkurrenzkampf gegen sich selbst nicht erreicht haben“. 

Wo Jugendwahn und Viagra auf den Zynismus des verwitweten Oberstudienrat im Feinripp-Schinkenbeutel prallen, ist es der bescheidene Türke mit Mindestlohn im Obstladen des Schwagers, der sich mit einfachen Lebensweisheiten („Selbstmord ist wie neue Döner betellen, wenn die alte noch nicht fertig hast“) in die Herzen des Premierenpublikums spielt.

Spaß machen auch die pfiffigen Choreographien – etwa die Wischtuchjonglage zur Hommage ans Auto, eine gute Portion Wortwitz („weil ich den Haushalt nicht aushalt“) und die Wahrhaftigkeit der Charaktere. Als nach einer durchzechten Nacht im Wurfzelt mit Furz-Kanon (gern werden die Grenzen der Frivolität ausgelotet) das Handynetz funktioniert, holt alle die Wirklichkeit ein: Peter Pan, der nie erwachsen werden will, wird Vater, Haluk soll gekündigt werden.

Gut, dass ein modernes Märchen wie dieses nach einem Happyend verlangt: Der Selbstmord des Lehrers wird vereitelt, Lebensfreude wieder hergestellt, der Geschäftsüberflieger schwört jugendlicher Geliebter ab und Haluk dem Duckmäusertum gegenüber dem Chef. Und für das ausverkaufte Theaterschiff bleibt nach guten zwei Stunden die Erkenntnis: Gute Unterhaltung darf, trotz tiefen Griffs in die Frivolitätskiste, gern Niveau haben – und Spaß machen.

„Wir sind dann mal kurz weg“ steht zunächst bis 1. Oktober auf dem Spielplan. Karten gibt es in den Geschäftsstellen unserer Zeitung.

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