Mordprozess gegen Motorradfahrer

Videos als „Belastungszeugen“

Der 24-jährige Angeklagte am Donnerstag im Gericht. Sein Verteidiger Armin von Döllen (links) hält ihm beim Betreten des Gerichtssaals eine Mappe vors Gesicht. - Foto: Koller

Bremen - Von Steffen Koller. Mit 200 km/h über die Hochstraße, Beinahe-Unfälle, Überholen von rechts: Im Prozess gegen einen 24-Jährigen, der sich vor dem Landgericht Bremen wegen Mordes verantworten muss, standen am Donnerstag Videos des Angeklagten aus der Helmkamera im Fokus. Videos, auf denen zu sehen ist, wie leichtfertig der Motorradfahrer das Leben anderer gefährdete – bis am 17. Juni ein 75-Jähriger starb, als der junge Mann mit seiner Kawasaki den Rentner erfasste.

„Vorbeigucken, vorbeifahren – ganz einfach“, kommentiert „Alpi“ einen Beinahe-Zusammenstoß mit einem Fußgänger, dem er nur wenige Sekunden vorher mit rund 180 Stundenkilometern in der Bremer Innenstadt ausweichen konnte. Ein Anfänger, so der „Youtuber“, „hätte den mitgenommen“, den „behinderten Hurensohn“. Doch nichts passiert. Schließlich habe sich „Alpi“, so nannte sich der Angeklagte auf seinem (inzwischen geschlossenen) Kanal, schnell vom Schock lösen können und sei ausgewichen.

Ausweichen wollte er womöglich auch im Juni vergangenen Jahres. Der Student, der für seine 200 PS starke Maschine keinen gültigen Führerschein besaß, prallte jedoch in den Abendstunden in der Nordstraße in Walle mit einem Mann zusammen, der bei „Rot“ eine Ampelkreuzung überquerte. Der Rentner wurde durch die Luft geschleudert und starb noch an der Unfallstelle.

„Unfallstelle“ ist nach Auffassung der Staatsanwaltschaft der falsche Ausdruck. Vielmehr handele es sich um einen „Tatort“. Der 24-Jährige soll, so der Vorwurf, kurz vor dem tödlichen Zusammenstoß von einer anderen Unfallstelle geflohen sein und so eine Verdeckungstat begangen haben. Da er mit seinen rasanten Videos auch Geld verdiente, liege zudem das Mordmerkmal der niedrigen Beweggründe vor.

Der 24-jährige Student hatte mehr als 83.000 Abonnenten. Diese sahen halsbrecherische, zum Teil lebensgefährliche Fahrten. Offenbar fühlen sich manche Menschen von derartigen Filmchen unterhalten. Da wird mit mehr als 100 km/h an der starkbesuchten Discomeile vorbeigerast, mit über 270 „Sachen“ auf der Autobahn das Motorrad „richtig ausgefahren“. 

Auf anderen Mitschnitten ist zu sehen, wie Radfahrer bedrängt und als „behinderte Spasten“ beschimpft werden. Wer nicht nach „Alpis“ Regeln fährt, ist schnell „eine Missgeburt“, wer nicht schnell genug die Fahrbahn räumt, „hatte wohl Lust zu sterben“. In einem Video sagt er, er wolle „sportlich fahren“, in einem anderen heißt es hingegen, er würde von sich nicht behaupten können, ein guter Motorradfahrer zu sein. 

Vieles klingt im Nachhinein wie eine schlimme Vorahnung, wenn er seinen Abonnenten erläutert, dass ein Sturz mit 10 km/h bereits „sehr gefährlich“ sein kann, oder Aufnahmen zeigen, wie Freunde mit dem Motorrad über den Asphalt schlittern.

Abgeschaut habe er sich die Ausdrücke bei anderen „Youtubern“, sagt der Angeklagte am Donnerstag in einer Erklärung. So gedacht habe er aber nie. Wie der 24-Jährige wirklich tickt, soll am 12. Januar ein psychologischer Gutachter klären. Dann wird der Prozess fortgesetzt. Bei Verurteilung wegen Mordes droht dem Angeklagten eine lebenslange Freiheitsstrafe.

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Prozess gegen Motorradfahrer fortgesetzt

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