Zweifel an einer Zeugenaussage

Verteidiger in Totschlagsprozess: „Sie lügen mich an“

Hegt Zweifel an den belastenden Aussagen eines Zeugen: Anwalt Marco Lund (l.) zusammen mit seinem Kollegen, Rechtsanwalt Stefan Hofmann (r.). - Foto: Koller

Bremen - Von Steffen Koller. Im Prozess gegen drei Männer, die sich wegen gemeinschaftlichen Totschlags an einem 15-Jährigen verantworten müssen, belastete der Cousin des Getöteten die Angeklagten am Freitag vor dem Landgericht Bremen schwer. Am Montag wurde der 19-Jährige erneut in den Zeugenstand gerufen, nun bekam die Verteidigung das Fragerecht. Für die Anwälte der mutmaßlichen Täter steht fest: Der Zeuge lügt.

Marco Lund haut entnervt auf den Tisch, seine Frage an den 19-jährigen Zeugen ist unmissverständlich: „Wollen Sie mich eigentlich veräppeln?“ ruft er dem Cousin des Getöteten zu. Lund vertritt als Anwalt den 24-jährigen Hayrettin G., der zusammen mit seinem älteren Bruder Hayat G. (35) und dem gemeinsamen Neffen Sipan G. (16) in der Silvesternacht 2016/2017 den syrischen Flüchtling Odai K. in einem türkischen Café an der Lüssumer Heide zusammengetreten und anschließend mit einer Whisky-Flasche auf den Kopf geschlagen haben sollen. Odai K. starb eine Woche nach der mutmaßlichen Attacke im Krankenhaus.

Im Vorfeld der vermeintlichen Prügelorgie auf Odai K., so schilderte es der Zeuge am Freitag, soll es vor einem Wohnhaus zum Streit zwischen den Angeklagten, dem Zeugen und seinem Bruder gekommen sein. Messer, Gürtel und abgebrochene Bierflaschen seien im Spiel gewesen, man habe sie „haben wollen“, man habe sie „töten wollen“, so der 19-Jährige.

„Warum sind Sie nicht später zur Polizei gegangen?“

Doch sind seine Angaben glaubwürdig? Die Verteidiger hegen Zweifel. Trotz der vermeintlich wichtigen Hinweise, die der Zeuge hatte, wandte er sich nicht an die Polizei. Dabei seien Beamte in der Silvesternacht zweimal in der Wohnung gewesen, er hätte also Gelegenheit gehabt, ihnen seine Erkenntnisse mitzuteilen. „Ich kann kein Deutsch“, heißt es dazu vom Zeugen. Für Anwalt Lund ist das keine hinreichende Erklärung, zumal die Schwester des Opfers sowohl der deutschen als auch der arabischen Sprache mächtig ist, beim Besuch der Polizei anwesend war und so hätte übersetzen können.

„Warum sind Sie nicht später zur Polizei gegangen?“ will Lund weiter wissen. Der Zeuge antwortet, er habe die Adresse der Angeklagten nicht gekannt und man hätte ihn deshalb als Lügner darstellen können. „Gab es eine Absprache innerhalb der Familie, dass Sie nicht reden?“, fragt Lund und der Zeuge verneint. Doch für den Anwalt ist die Sache klar: „Sie lügen mich an.“ Und noch etwas passt laut Verteidiger Lund nicht ins Bild: So habe der Bruder des Zeugen bei seiner polizeilichen Vernehmung angegeben, er kenne weder die Wohnanschrift des 19-Jährigen noch besitze er seine Handynummer. Dabei, so sagt der Zeuge selbst, haben er und sein Bruder etwa eineinhalb Jahre unter einem Dach gelebt, und das Handy habe man sich geteilt.

All das soll jetzt durch die Befragung des Bruders geklärt werden. Dessen Aussage ist für Mittwoch geplant.

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