Verteidiger im „Cinemaxx“-Prozess fordert Freispruch

Messerstiche aus Notwehr?

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Das Gericht will nächste Woche das Urteil gegen Leard K. (23, links) sprechen. Sein Verteidiger Carsten Scheuchzer plädierte gestern auf Freispruch wegen Notwehr, der Staatsanwalt auf Totschlag. Letzterer fordert achteinhalb Jahre Haft.

Bremen - Von Steffen Koller. Es sollte ein Abend voller Freude werden, am Ende wurde es eine tragische Nacht: Im Prozess gegen Leard K. (23), der am Finalabend der Fußball-Weltmeisterschaft im Kino „Cinemaxx“ einen 19-Jährigen erstochen haben soll, hielt Verteidiger Carsten Scheuchzer gestern vor dem Landgericht Bremen seinen Schlussvortrag. Er plädierte auf Freispruch. Der Staatsanwalt fordert achteinhalb Jahre Haft wegen Totschlags.

Mehrere schwerbewaffnete Polizisten sichern den Sitzungssaal 218. Am ersten Verhandlungstag im Januar waren der Angeklagte, sein Verteidiger, Richterin und Staatsanwalt durch Unbekannte massiv mit dem Tod bedroht worden. Ein „Massaker im Gericht“ wurde angekündigt.

Leard K. betritt in Handschellen zum wahrscheinlich vorletzten Mal den Raum, in dem nächste Woche das Urteil gegen ihn gesprochen werden soll. Am 31. Juli entscheidet das Schwurgericht I unter Vorsitz von Richterin Barbara Lätzel, ob der junge Mann den Tod des 19-Jährigen am 13. Juli 2014 billigend in Kauf nahm oder ob er aus Notwehr handelte. Fest steht bislang nur, dass K. zweimal zugestochen hat. Dies hatte er während des Prozesses zugegeben.

Für seinen Verteidiger ist die Sache klar. K. habe sich in einer Notwehrlage befunden, er habe Panik gehabt und „wollte nur raus“. Raus aus einer Situation, die mit den verhängnisvollen Worten „Du Hurensohn!“ begann und mit dem Tod des damals 19-Jährigen aus Osterholz-Scharmbeck endete. K. war am Finalabend der Fußball-WM, genau wie der später Getötete, im Kinosaal 2 des „Cinemaxx“. Der Angeklagte und der Tote stammen aus unterschiedlichen Kulturkreisen.

Es läuft gerade die Verlängerung, als Bildausfälle dafür sorgen, dass die Stimmung allmählich zu kippen droht. Einer aus der Gruppe des 19-Jährigen soll „1:0 für Argentinien!“ gerufen haben. Aus der Gruppe von K. soll dies wiederum mit „Du Hurensohn!“ kommentiert worden sein. Es kommt zu ersten Wortgefechten, doch schnell habe sich die Lage wieder beruhigt, rekonstruiert Scheuchzer.

Minuten später sei eine Gruppe von „mindestens sieben namentlich bekannten Männern“ auf Leard zugekommen. Sie hätten „von allen Seiten“ auf ihn eingeprügelt. Auch der 19-Jährige, der später im Krankenhaus an seinen Stichverletzungen stirbt, sei dabeigewesen. K. habe, so sagen es Zeugen, „keine Möglichkeit gehabt zu flüchten“. Scheuchzer bekräftigt dies nochmal: „Er konnte keinen Schritt zurück.“ Der 23-Jährige sticht zweimal zu und trifft den jungen Mann tödlich in die Brust.

Nach Auffassung des Staatsanwaltes habe K. den Tod des 19-Jährigen „billigend in Kauf genommen“. Mehrere Zeugen würden bestätigen, dass Leard sich aggressiv verhalten habe. Außerdem habe der 23-Jährige Platz zum Ausweichen gehabt. Auch das hätten Zeugen im Laufe des Prozesses angedeutet. Für Scheuchzer seien die Aussagen wichtiger Belastungszeugen „gefärbt“ gewesen. Wiederum andere Zeugen hätten „bewusst die Unwahrheit“ gesagt, ist sich Scheuchzer sicher.

Leard K. verfolgt die Worte seines Verteidigers nach außen hin teilnahmslos. Immer mehr vergräbt er sein Gesicht in seinen Händen. Dann hat er das letzte Wort. Unter Tränen und mit brüchiger Stimme sagt der 23-Jährige: „Ich bedaure bis heute, dass ich da war und ein Messer dabei hatte. Ich weiß das alles nicht in Worte zu fassen. Es tut mir leid.“

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